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Sieglinde Klettenhammer (Hrsg.): Literatur und Ökonomie.

Innsbruck: Studienverlag, 2010.
(Angewandte Literaturwissenschaft, Bd. 8)
238 S.; brosch.; Euro 27,90.
ISBN 978-3-7065-4865-6.

Von den durch den Börsencrash im Jahr 2008 ausgelösten Debatten hat unter anderem auch die interdisziplinäre Forschung im Bereich Literatur und Wirtschaft profitiert. Einmal mehr steht seither der fiktive Charakter der Finanzwirtschaft im Fokus des Interesses. Auf diese aktuellen Bezüge beruft sich auch die Herausgeberin des Bandes „Literatur und Ökonomie“ in ihrem Vorwort. Doch obwohl die Ringvorlesung, auf die die Sammlung von Beiträgen zurückgeht, im Sommersemester 2009 stattfand, beschäftigt sich lediglich ein Aufsatz konkret mit Phänomenen des Börsencrashs. So lobenswert das Vorhaben ist, einen weiteren Beitrag zur Literatur-und-Ökonomie-Debatte zu liefern, so enttäuschend ist die Tatsache, dass es dem Band an einer thematischen Eingrenzung fehlt. In einer Zeit, da sich bereits ein interdisziplinäres Forschungsgebiet im Bereich Literatur und Ökonomie etabliert und entsprechend ausdifferenziert hat, hätte man eine stärkere Fokussierung der Beiträge des Bandes erwarten dürfen. Angesichts der aktuellen Ereignisse hätte sich eine inhaltliche Zuspitzung auf den Bereich der Finanzkrise und des Börsencrashs geradezu aufgedrängt.

Hinzu kommt, dass sich einige Aufsätze nur oberflächlich an das ohnehin(zu) weit gefasste Thema des Bandes andocken, um den Schwerpunkt dann aber auf die Forschungsschwerpunkte der VerfasserInnen zu lenken, etwa bei dem Beitrag von Eberhard Sauermann zu Kriminalromanen, bei dem Aufsatz von Otta Wenskus zu Landwirtschaft und Vermögensbildung im antiken Rom oder bei dem Bericht von Ursula A. Schneider und Anette Steinsiek über die ökonomische Bedingtheit literarischer Überlieferung.

Die Aufsatzsammlung will – so der Anspruch Sieglinde Klettenhammers im Vorwort – etwas leisten, was kaum in einem einzigen Band zu leisten ist, nämlich einen „Querschnitt von der Antike über das Mittelalter hin zur Epoche der Romantik, des Bürgerlichen Realismus und der Zwischenkriegszeit bis in die unmittelbare Gegenwart“ (S. 8) darstellen, die „vielgestaltigen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen von gesellschaftlichen Entwicklungen, Ökonomie und Literatursystem“ (ebd.) aufzeigen; und dies nicht etwa nur anhand von Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur und Kultur.

Nach zwei thematisch allgemein ausgerichteten Beiträgen sind die weiteren elf Texte den in ihnen behandelten Epochen entsprechend historisch chronologisch angeordnet. Aber auch die vermeintliche Chronologie kann nicht über die Disparität der Beitragsthemen hinwegtäuschen. Außer dem Einführungsbeitrag aus soziologischer Perspektive, der jedoch außer in der Anfangs- und der Schlusssequenz keinen Bezug zum Leitthema des Bandes herstellt, bilden sich mindestens vier größere Themenkomplexe heraus: 1) Ähnlichkeiten zwischen Geld und Literatur; und eng damit verbunden 2) Vermarktung von Literatur bzw. Literatur als Ware; 3) Darstellung ökonomischer Zusammenhänge und Themen in der Literatur (z.B. Reichtum und Armut); 4) Zusammenhänge der Entwicklung von ökonomischem und literarischem Feld. Das 19. Jahrhundert ist mit drei Beiträgen eindeutig überrepräsentiert, dafür vermisst man (wenigstens) einen Beitrag zur Frühen Neuzeit und/oder zum 18. Jahrhundert.

Nichtsdestotrotz enthält der Band auch Beiträge, die sich den interdisziplinären Herausforderungen des Themas Literatur und Ökonomie ernsthaft stellen und wichtige Erkenntnisse zur Debatte beitragen. Die Rolle des Geldes – sowohl in seiner Eigenschaft als Grundlage für die Etablierung der modernen Finanzwirtschaft als auch in seiner Ähnlichkeit zur Dichtung – ist inzwischen zu einem viel beforschten und diskutiertem Topos geworden. Auf diesem Gebiet haben sich Literaturwissenschaftler wie Jochen Hörisch oder Wirtschaftswissenschaftler wie Hans-Christoph Binswanger in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Roger Vorderegger fasst in seinem Beitrag mit dem Titel „Vom Schein des Seins. Ein Exkurs über Geld und Literatur“ die wesentlichen Aspekte dieser Debatte zusammen: Obwohl das Fiktive sowohl im Hinblick auf Dichtung als auch in Bezug auf Geld „systeminhärent“ sei, zeichne sich das Geld durch einen „prinzipiellen Realitätsbezug“ (S. 24) aus.

Hervorzuheben sind ferner die Beiträge von Max Siller, Stefan Neuhaus, Brigitte Schwens-Harrant und Evelyne Polt-Heinzl. Siller gelingt es, in seiner kleinen Studie zu Reichtum und Ausbeutung in der Literatur des Mittelalters, eine Brücke zu modernen Formen der Lohnsklaverei (Stichwort: sweatshops) zu schlagen. Dabei zieht sich die Balzac’sche Erkenntnis, dass hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen (Betrug, Raub, Mord u.a.), stehe, durch zahlreiche Beiträge – vom Mittelalter bis in die (Post-)Moderne. Diese Zusammenhänge hätten – etwa im Vorwort oder durch Querverweise der AutorInnen – stärker herausgearbeitet werden können.

Stefan Neuhaus’ Untersuchung des literarischen und ökonomischen Feldes im 19. Jahrhundert sticht unter den drei Texten, die sich mit dem „langen“ Jahrhundert beschäftigen, hervor. Anhand der Lektüre verschiedener Beispiele der Literatur des 19. Jahrhunderts – insbesondere auch an weniger bekannten satirischen Texten – setzt Neuhaus sich mit Pierre Bourdieus These von der Genese des literarischen Feldes Mitte des 19. Jahrhunderts auseinander. Neuhaus argumentiert überzeugend, dass Literatur „nicht nur ein Symptom oder Beispiel für den skizzierten Prozess der Entwicklung der Felder“ sei, sondern „diesen Prozess reflektierend“ begleite (S. 95), und schließt daraus, dass sich das literarische Feld „deutlich früher entwickelt“ haben müsse als das ökonomische (S. 108).

Der Beitrag von Brigitte Schwens-Harrant setzt sich mit der Rolle der Literaturkritik in Bezug auf die Vermarktung von Literatur und der Frage nach der „Unabhängigkeit“ des Kritikers auseinander: „Kann, ja darf Kulturkritik überhaupt marktfähig sein?“ (S. 131). Schwens-Harrant beschreibt das Dilemma der gegenwärtigen Literaturkritik sehr präzise als „Dauerspagat“ „zwischen Kritik und Mitmachen“ (S. 133) und appelliert mit einer Anspielung auf Melvilles „Bartleby, den Schreiber“ an ihre Zunft, die Rolle als „Marktkorrektiv“ (S. 127) ernst zu nehmen und sich der „Vorherrschaft des Marktauglichen“ (S. 132) – zumindest ab und zu – zu verweigern. Hervorzuheben ist die Tatsache, dass Schwens-Harrant die Kritiker als Akteure bzw. als „Täter“ betrachtet, die an Strategien des Lobbying im Literaturbetrieb teilhaben und zuweilen auch persönlich nicht unerheblich davon profitieren.

Der einzige Beitrag, der auf den Börsencrash des Jahres 2008 und die anschließende Wirtschaftskrise konkret Bezug nimmt, ist der von Evelyne Polt-Heinzl verfasste „literarische Leitfaden für Leser und Manager“ zum großen Crash. Dabei kann die Autorin aus dem umfangreichen literarischen Repertoire ihrer 2009 erschienenen Studie „Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft & Literatur“ schöpfen. Großes Verdienst der literarischen Spurensuche von Polt-Heinzl ist es, dass sie nicht (nur) auf den ewig zitierten literarischen Kanon zurückgreift, sondern bei dieser Gelegenheit Texte und AutorInnen wiederentdeckt –wie etwa Otto Soyka, Raoul Auernheimer und Gina Kraus. Und – darauf hätte man sich eine stärkere Ausrichtung des gesamten Bandes gewünscht – Polt-Heinzl arbeitet geradezu akribisch die Kontinuitäten (wie auch die Brüche) zwischen dem großen Börsencrash Ende der 1920er Jahre und dem von 2008 heraus. Es sind nicht nur bestimmte Parallelen in den Semantiken der Verschleierung und der Kreation von sprachlichen Euphemismen, sondern insbesondere der Rekurs auf bestimmte literarische Gestalten, wie etwa die des Hochstaplers oder des Hazardeurs: „Fondsmanager, die Schieber von heute“ lautet eine Zwischenüberschrift. Der Beitrag reißt zahlreiche Themen an, die im Hinblick auf die literarische Darstellung ökonomischer Krisen von Bedeutung sind. So richtet Polt-Heinzl den Blick nicht nur auf die glamourösen Täterfiguren, sondern auch auf die Beschäftigung mit den Verlierern, deren Existenzgrundlage durch die Finanzkrise bedroht oder gar vernichtet wurde.

Christine Künzel
2. Mai 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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