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Jenny Erpenbeck: Geschichte vom alten Kind.

Roman.
Frankfurt / Main: Eichborn Verlag, 1999.
112 S., geb.; DM 29,80.
ISBN 3-8218-0784-9.

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Die Parabel vom "alten Kind" ist die erste literarische Veröffentlichung der 32jährigen Autorin und Opernregisseurin Jenny Erpenbeck. Darin seziert sie Momente des menschlichen Zusammenlebens aus der Sicht einer Außenseiterin, die ihre Umwelt distanziert und befremdet wahrnimmt. Wie Erpenbeck Erfahrungskontraste zum Beispiel über Fehlinterpretationen bestimmter Redewendungen beschreibt, erinnert an die Texte der in Deutschland lebenden Japanerin Yoko Tawada, wo allerdings die Erfahrung der Fremdheit vor allem eine Folge kultureller Unterschiede ist.

Als Beispiel und Spiegel der Gesellschaft dient Erpenbeck ein Kinderheim, in dem sich ein vierzehnjähriges Findelkind zurechtfinden soll, nachdem es von der Polizei aufgegriffen wird und jegliche Angaben zur Person verweigert. Verweigerung als eine spezielle Form der Anpassung ist überhaupt die Grundstruktur der Persönlichkeit dieses häßlichen, unförmigen und für die anderen undurchschaubaren Mädchens "mit dem Herz einer Dienstmagd". Mit irritierender Freiwilligkeit ordnet es sich unter und stellt es sich dumm, um jeglichem Erwartungsdruck zu entgehen. Die Grausamkeit und Nichtachtung der Mitbewohner quälen das Kind und bestärken es zugleich in seinem Wunsch, den untersten Platz in der Hierarchie einzunehmen, denn "der unterste Platz ist immer der sicherste, nämlich genau der, dessen Ansprüchen es auf jeden Fall wird standhalten können".

Die Autorin hakt sich an einzelnen Situationen und kleinen Begebenheiten fest, meist in Form ausführlicher oder auch umständlich-redundanter Erklärungen, die von der Ursache eines Niesens oder einer falschen Antwort in der Schule handeln können. Die Kindlichkeit der Hauptfigur stellt sich am Ende nur als Tarnung heraus, dahinter verbirgt sich eine erwachsene Frau. Es geht also auch nicht um die Darstellung einer kindlichen Ansicht, sondern um die Pose der kindlichen Naivität, des Staunens und Insistierens. Dieser naive Blick ist ebenfalls Maske - einer durchscheinenden auktorialen Erzählhaltung -, kippt jedoch zu sehr ins Banale und Offensichtliche, um wirklich zu beeindrucken.

Die Erwähnung Bert Brechts als Gegenstand des Schulunterrichts bietet einen möglichen Hintergrund für den Zeigefinger, der sich in diesem Buch ganz altmodisch erhebt, um das Geschehen kommentierend ins richtige Licht zu rücken. Im Unterschied zu Brecht verzichtet Erpenbeck zwar auf die Vermittlung eines eindeutigen ideologischen Kontextes, verliert sich dafür aber in einer gleichnishaft-abstrakten Aussage mit relativ geringem Erkenntniswert.

Die gebürtige Berlinerin Jenny Erpenbeck lebt derzeit in der Steiermark. Nach zwei Regiearbeiten für die Oper wird sie im Jänner nächsten Jahres ein eigenes Stück mit dem Titel "Steinerne Reise" am Grazer Schauspielhaus inszenieren.

Christine Rigler
28. Dezember 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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