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Johannes Pankau: Einführung in die Literatur der Neuen Sachlichkeit.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010.
144 S.; brosch.; EUR 14.90.
ISBN 978-3-18454-23235-2.

Die Neue Sachlichkeit, heißt es gleich zum Einstieg im Kapitel „Begriff und Ausprägung der Strömung“, muss vor allem verstanden werden „als Absetzbewegung vom zuvor das literarische Feld beherrschenden Expressionismus, von dem sie sich durch die Hinwendung zur Faktizität und zum Gebrauchscharakter von Literatur unterscheidet, aber auch dadurch dass sie keine kohärenten Gruppenstrukturen und keine vereinheitlichende Programmatik ausbildet“ (S. 7).
Das ist sozusagen in nuce das zentrale Dilemma des Literarhistoriskers: Etwas zu beschreiben, das sich allenfalls ex negativo definiert und personell und institutionell schwer bis nicht zu fassen ist. Pankau entledigt sich der Aufgabe durchaus mit Geschick, auch wenn am Ende der Lektüre zwangsweise die Frage bleibt, ob sich für Leser, die mit der Materie nicht vertraut sind, Begriffe und Bilder tatsächlich geklärt haben. Die Periodisierung und die „Unschärfe in der Grundbestimmung als Stilbegriff, politischer Begriff, Eopche oder Gruppenphänomen“ (S. 17) bleiben als Aufgaben der Forschung bestehen. Im Kapitel drei: „Historische, politische und kulturelle Kontexte“ findet sich ein kurzer Abschnitt mit der Überschrift „Die Nachwirkungen des Krieges“. Der Krieg, so Pankau, ist als „Erfahrungsgrundlage nicht nur in der explizit auf den Krieg bezogenen Literatur präsent, er durchdringt die Texte durch die Gattungen hindurch subkutan“. Und es war schon unmittelbar nach dem Krieg, dass der Begriff „Neue Sachlichkeit“ zum ersten Mal auftauchte (S. 13), keineswegs erst bei der Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle 1925.

Ein Dilemma der Beschäftigung mit der Neuen Sachlichkeit ist vielleicht auch die Schmalheit des von der Forschung wieder und wieder behandelten Textkorpus'. Aussagen wie, die Neue Sachlichkeit habe der „eng mit der Psychologie des 19. Jahrhunderts und der Psychoanalyse verbundenen Literatur eines Arthur Schnitzler“ den Boden entzogen, denn „Psychologismus ist im Kontext der Neuen Sachlichkeit überhaupt negativ konnotiert“ (S. 8), entziehen damit automatisch ein Buch wie Schnitzlers „Therese, Chronik eines Frauenlebens“ (1928) dem Blick der Forschung.

Es sind auch fünf Standard-Titel von Erich Kästner, Mascha Kaléko, Egon Erwin Kisch, Erich Maria Remarque und Friedrich Wolf, die Johannes Pankau im abschließenden Kapitel 5 einer „Einzelanalyse“ unterzieht. Und letztlich hat diese Reduktion des Textkorpus' auch dazu beigetragen, dass Helmut Lethen seine „Verhaltenslehre der Kälte“ als mentalitätshistorisches Epochenisignum identifizierte. Mit dem beschränkten Textkorpus verengt sich der Blick, und stereotype Urteile beginnen sich zu repetieren. Dass in Vicki Baums „Menschen im Hotel“ „die große Oper […] von zwei eigentlich nicht in die Moderne passenden Figuren durchgespielt wird“ (S. 20), ist eine Aussage, die mit dem von Lethen vorgegebenen schmalen Segment an Figurentypen zu tun hat, bzw. mit dem Fehlen einer prinzipielleren Typologie von zeittypischen Sozialfiguren, zu denen Baron van Gaigern als Hochstapler und die Grusinskaya als (alternde) Tänzerin zweifellos gehören. Und wo die großen „qualitativen Unterschiede“ (S. 50) zwischen Erich Kästners „Fabian“ und Christine Brückners „Frauen an Schreibmaschinen“ wirklich liegen, müsste man erst einmal herausarbeiten und auch, dass Joe Lederers „Das Mädchen George“ literarisch beide um einiges überragt. Es ist schwer zu übersehen, dass bei derartigen Werturteilen – die Pankau keineswegs erfindet, sondern von der gängigen Forschungsliteratur übernimmt – weibliche Autorschaft nach wie vor eine Rolle spielt, auch dort, wo kanonisierte Autorinnen gegen neu entdeckte ausgespielt werden, wenn etwa Mela Hartwigs 1931 entstandener Roman „Bin ich ein überflüssiger Mensch“ dem „ungleich höherem ästehtischen Niveau“ (S. 37) von Marieluise Fleißers „Eine Zierde für den Verein“ gegegenübergestellt wird.

Dass „weit ausgreifende Generationenromane oder auch bildungsromanähnliche Formen nicht mehr entstehen“ (S. 47), stimmt eben auch nur dann, wenn man AutorInnen wie Mechtilde Lichnowsky, Oskar Mauruas Fontana, Sir Galahad oder auch Grete von Urbanitzkys „Eine Frau erlebt die Welt“ (1931) nicht einbezieht. Nicht zu übersehen, dass viele der in der Forschung zur Neuen Sachlichkeit nie erwähnten Autoren Frauen, und noch mehr Österreicher sind. Das hat damit zu tun, dass sich hartnäckig die These hält, in Österreich habe es keine Literatur der Neuen Sachlichkeit gegeben. Kisch, Joseph Roth und allenfalls noch Horváth werden leicht der deutschen Literatur zugeschlagen, Vicki Baum trifft die Trivialitätskeule, die Kästner stets verschont, Gina Kaus wird mit „Die Verliebten“ genannt, nicht aber mit ihren Inflationsroman „Die Schwestern Kleh“, Robert Neumann oder Marie Leitner werden nur namentlich erwähnt, von Ferdinand Bruckner wird gerne „Krankheit der Jugend“ einbezogen, kaum je sein Epochenporträt in Form einer Justizkomödie „Die Verbrecher“.

Es wäre töricht, diese Defizite dem vorliegenden Buch anzulasten, das einen fundierten Überblick über den Stand der Forschung liefert, sie spiegeln nur die vielen Desiderata und Leerstellen im Bild der Literatur der Neuen Sachlichkeit wieder. Andererseits ist aus österreichischer Perspektive der Impuls schwer zu unterdrücken, eine Aufstellung mit angefügten Beispielen zur Typologie des Romans der Neuen Sachlichkeit in patriotischer Weise zu ergänzen. Pankau listet neun Romantypen auf (S. 49): den Frauenroman immerhin mit Joe Lederer, den Film- und Starroman mit Arnolt Bronnens „Barbara La Marr“; Angestellten-,Sekretärinnen-, Arbeitslosen-, Sport-, (Anti-)kriegs- Industrie und Großstadtroman bleiben ohne Beispiele aus Österreich. Das ist schmerzlich, zumindest zum Sektor Arbeitslosenroman hat die österreichische Literatur der Zeit mit drei gänzlich unterschiedlichen, unorthodoxen Konzepten beigetragen, und zumindest zwei davon – Rudolf Brunngrabers „Karl und das 20. Jahrhundert“ und Fritz Hochwälders „Donnerstag“ – sind eindeutig neusachlichen Konzepten verpflichtet.

Von den Kategorien her wird an anderer Stelle noch der Presseroman (S. 47) genannt, ein Thema, an dem sich die Literatur der Zeit, vor allem auch in Österreich, in einer langen Reihe von Romanen abarbeitete. Ergänzend könnte man noch den Justiz- und Verbrechensroman hinzufügen, dem der Berliner Verlag Die Schmiede mit der Reihe „Aussenseiter der Gesellschaft; Die Verbrechen der Gegenwart“ Rechnung trug, an der sich auch Franz Theodor Csokor, Karl Federn, Arthur Holitscher oder Leo Lania beteiligten.

Evelyne Polt-Heinzl
18. Mai 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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