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Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie.

Hg. von Joseph McVeigh.
Berlin: Suhrkamp 2011.
411 S.; geb.; Eur (A) 25,60.
ISBN 3-518-42215-1.

Lange Zeit (vielleicht manchen immer noch) galt (gilt) Ingeborg Bachmann als „dichtende Märchenprinzessin aus Österreich“ (Bernd Witte im Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur, s.v., S. 2), die „einer Welt, die sich bereits mit dem entzauberten Autor … abfinden wollte, noch einmal das Bild vom Dichter als dem ganz anderen, dem Gezeichneten, dem Zauberer“ bot – so Peter Hamm 1978 im Spiegel (S. 193), nicht ohne die Autorin der Selbstinszenierung zu verdächtigen. Nicht auszuschließen aber auch, dass es sich bei diesem zweifellos verzerrten Bild einer unzeitgemäßen Romantikerin um eine Wunschprojektion einer (überwiegend männlichen) Literaturgesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre handelte. Mit den Texten Bachmanns hatte es wenig zu tun. Und dass die Autorin keine weltfremde, vielmehr eine der Alltagsrealität aufgeschlossene Zeitgenossin war, musste spätestens nach der Veröffentlichung ihrer Römischen Reportagen (1998) jedermann klar sein. Die nun edierten Beiträge der Dichterin zu der erfolgreichen Funkreihe der fünfziger Jahre Die Radiofamilie des Senders Rot-Weiß-Rot bestätigen es eindrucksvoll. Besonders auch – es sei vorweggenommen – durch die Souveränität, mit der Bachmann sich in einer ihr bis dahin nicht vertrauten Textsorte bewegt und mit der sie die Möglichkeiten des Mediums Hörfunk, dessen technische Gestaltungs- und akustischen Ausdrucksmittel handhabt. Ihr handwerkliches Können dokumentieren denn auch weitere Arbeiten für den Rundfunk in den fünfziger Jahren, ihre Hörspiele Ein Geschäft mit Träumen (Ursendung 1952), Die Zikaden (1955) und Der gute Gott von Manhattan (1958), diverse Hörspielbearbeitungen von Prosa- und Dramenvorlagen sowie Radioessays.

Die angesprochene Sendereihe lief zuerst vierzehntäglich, wegen des großen Erfolgs bald wöchentlich zwischen 1952 und 1960, Bachmann, Mitarbeiterin am Script Department des Senders der amerikanischen Besatzungsmacht, wirkte gemeinsam mit Jörg Mauthe und Peter Weiser, ihren Kollegen an der Abteilung, an der Entwicklung des Konzepts der Serie mit. Dieses musste den kulturpolitischen Vorgaben der Besatzer entsprechen, die auf ein erzieherisches, verdeckt politisch erzieherisches, gleichwohl betont unterhaltsames Programm nach dem Muster amerikanischer soap operas zielten, im übrigen den Verfassern und dem Regisseur Walter Davy auch Freiheiten in der Wahl der Themen und Motive einräumten. Bachmann steuerte von Anfang an (2. Folge, Februar 1952) bis Oktober 1953 (Folge 63) die Textvorlagen bei für insgesamt 15 Sendungen (elf als Alleinverfasserin, je zwei gemeinsam mit Mauthe beziehungsweise Weiser). So informiert der amerikanische Germanist Joseph McVeigh, der vor einigen Jahren die als verschollen gegoltenen Skripte der Sendereihe im Nachlass von Mauthe in der Wien-Bibliothek entdeckt, nun die Bachmann zugeschriebenen Beiträge sorgfältig ediert und in einem Nachwort kommentiert, in ihrer Eigenart sowohl als auch in ihrem „Stellenwert“ (340) innerhalb des Werkes der Dichterin umrissen hat.

Das den einzelnen Sendungen zugrunde liegende, schon aus Hörspielen der 1920er und 1930er Jahre bekannte Verfahren zielt auf Vermittlung des Eindrucks von Unmittelbarkeit. Ein „Sprecher“ ist jeweils vor Ort und ermöglicht den Zuhörenden, (vorwiegend innerfamiliäre) Gespräche quasi als stumme Familienangehörige mitzuverfolgen. Das personelle Gerüst bildet die Familie Floriani, eine typische bürgerliche Familie der fünfziger Jahre, mit dem Vater Hans, Oberlandesgerichtsrat, beruflich gesichert, gleichwohl nicht mit finanziellen Reichtümern gesegnet, als korrekter Beamter altösterreichisch anmutend, tolerant, liebenswürdig, hypochondrisch, mit der Mutter Vilma, dem ruhenden Pol der Familie, großbürgerlicher kroatischer Herkunft, offen für Neues, mit der 16-jährigen Tochter Helli und dem 12-jährige Sohn Wolferl, deren Schulsituation und Freundeskreis Begegnungen mit Menschen sozial heterogener Zugehörigkeit (neureichem Kleinunternehmer, Sohn proletarischer Eltern) erlauben, mit Onkel Guido, der schillerndsten Figur, und mit dessen Frau Liesl, pragmatisch, jedoch an rückständigen Wertvorstellungen orientiert. Dazu kommen Arbeitskollegen, zufällige Begegnungen etc. Die interessanteste Person ist zweifellos Guido, ehemaliger Nazi, angeblich nicht überzeugt, sondern verführt, jederzeit für irrwitzige Eskapaden gut, eine komische Figur, wie sie – Ordnung unterlaufend - einem Volksstück entstammen könnte, von den Kindern ob seiner originellen Einfälle geliebt.

McVeigh findet dreierlei bemerkenswert: erstens die „positive“ Zeichnung einer in der Verdrängung politischer Themen typischen bürgerlichen Wiener Familie der frühen 1950er Jahre, befasst mit den üblichen beruflichen und schulischen Problemen, geplagt von Geldsorgen etc.; zweitens die humorvolle, zum Teil ironische Zeichnung des (klein-)bürgerlichen Alltags, zum Beispiel leicht irritierter, aber nie ernsthaft in Streit ausartender Familienfeste; drittens „das Figurenprofil eines ehemaligen Nationalsozialisten“ (341), eben Guidos. In dessen Charakterisierung tut sich, wie es McVeigh deutet, eine grundsätzliche Differenz zu den literarischen Texten Bachmanns mit ihrer Thematisierung des über das Ende des Dritten Reichs hinaus zerstörerisch weiterwirkenden Faschismus auf. Nicht ist Guido eine (insbesondere auch auf Kinder) zerstörerisch wirkende Person, vielmehr vollziehe - so McVeigh – die Autorin mit ihm eine „symbolische Rehabilitierung des [eigenen, mit seiner NS-Vergangenheit belasteten] Vaters“ (361). Fest steht, dass Bachmann, wenn sie die Verfasserin der Folge 2 war, die Figur Guido in die Radiofamilie einführte und deren NS-Vergangenheit thematisierte. Schwer zu entscheiden, ob sie die angesprochene Rehabilitierung intendiert hat. Man kann allerdings die innerfamiliäre Verdrängungs- und Harmonisierungsstrategie einer für die Sendereihe durchaus typischen sanften Ironie unterworfen sehen. Guidos Zeichnung als eben „komische Figur“ erlaubt über die Darstellung von deren Widersprüchlichkeiten und irrwitzigen Eskapaden verdeckt gesellschaftliche, politische Kritik. Dafür mag auch der in der Folge 4 von Bachmann geprägte, in der Endfassung jedoch gestrichene Begriff „Chiffrensprache“ als Bezeichnung für die nicht immer eindeutige Rede Guidos stehen (362 u. 386, Anm. 68), die sich auch auf die verdeckte Schreibweise der Autorin beziehen ließe. Die verharmlosend harmonisierende Exkulpierung „minderbelasteter“ Nazis wurde im übrigen nicht nur von den Österreichern betrieben, sondern kam in der Kalte-Krieg-Politik der Amerikaner auch deren Vorstellungen entgegen. Eine deutliche Kritik an den Nazi-Mitläufern, zudem in einer populären Sendereihe, wäre kaum akzeptiert worden. Zu erwähnen wäre allerdings auch, dass sich Bachmann in späteren Jahren ihrer Mitwirkung an dieser Sendereihe nicht gerade brüstete.

Welche Thematik auch immer angeschlagen wird, die einzelnen Folgen der Sendereihe – auch hierin dem traditionellen Volksstückschema vergleichbar - münden, jeweils harmonisierend, häufig mit einem Resümee oder einem fabula docet des Sprechers. Über weite Strecken müssen die Zuhörenden eher harmlosen familiären Gesprächen und nicht weiter aufregenden kleinen Konflikten, wie beispielsweise einem banalen Geplänkel über das Essen (vgl. 33) folgen. Nichtsdestoweniger werden Verhaltensweisen und Denkmuster der einzelnen Personen, aber auch politische und gesellschaftliche Zustände durchaus ironisch beleuchtet. Vor allem wird kleinbürgerliche Borniertheit aufs Korn genommen, am schärfsten in der Folge 24 Unliebsamer Panigl. Der im Titel genannte Kollege von Hans entpuppt sich bei einer Einladung im Hause Floriani gerade in seiner Kritik an der Kleinbürgerlichkeit seiner Verlobten selbst als engststirniger Kleinbürger, selbstgefälliger Spießer und Phrasendrescher. Beispielhaft auch, dass im Gegensatz zu Panigls für die 1950er Jahre typischen, geradezu militanten Kunstfeindlichkeit und Ablehnung der Moderne mit Berufung auf Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte die Florianis eine offene, neugierige Haltung gegenüber dem Unvertrauten in der Kunst einnehmen (bes. in Folge 54). Dies zielt eindeutig auf „Erziehung“ des Radiopublikums zu Toleranz in Fragen der Kunst. Weiters wird ein ironischer Blick geworfen auf verfehltes Ordnungsdenken - Vilma will „Ordnung in unsere freie Zeit“ bringen (12) –, auf Anfälligkeit für klischeehaftes Denken – Faszination durch Monarchisches (Folge 21), Fremdenverkehrswerbung (vgl. 67), Kunstliebe der Österreicher (vgl. 121) -, auf Korruption (Folge 9), auf neureiches Spießertum (Folge 32) und auf phrasenhaften Sprachgebrauch, insbesondere des Sprücheklopfers Guido (vgl. 23 u. ö.).

Wieweit die Vorgabe des jeweiligen Themas der einzelnen Folgen durch die Kollegen Bachmanns mitbestimmt wurde, lässt sich ebenso wenig rekonstruieren wie allfällige Eingriffe des Regisseurs beziehungsweise der – durchaus prominenten – Sprecher (Hans Thimig, Vilma Degischer, Guido Wieland, Alfred Böhm, Erna Mangold u. a.). Ein Verzeichnis der einzelnen Folgen im Nachlass Mauthes gibt die Sendedaten, Autorschaft und Titel an. Dieses findet sich ebenso im Anhang der vorliegenden Publikation wie das Nachwort, ein Verzeichnis der Mitwirkenden, ein Literaturverzeichnis und ein „Editorischer Bericht“, der genaue Auskunft über den Fundort und Details der Textzeugnisse (Fassungen, Anmerkungen etc.) gibt. Besonders interessant ist der Hinweis des Herausgebers darauf, dass die Folge 29 vom 11. Jänner 1953 „Anlass einer gerichtlichen Klage gegen die Autoren der Radiofamilie“ (397) wurde. Ein Unternehmer glaubte „sich in der Figur des neureichen Export-Import-Spekulanten“ wiedererkennen und einen Racheakt Bachmanns sehen zu müssen. Über den Ausgang des Verfahrens weiß der Bericht McVeighs nichts zu vermelden. Immerhin ist die Tatsache der Klage ein Indiz dafür, dass bei aller harmonisierenden Tendenz und Präferenz für Unterhaltung die Sendereihe Die Radiofamilie dank ihrem erzieherischen Anspruch auch irritierende Momente aufweist.

Kurt Bartsch
18. Mai 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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