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Peter Steiner: Der Sturz aufs Dach der Welt.

Roman
Salzburg: Otto Müller Verlag 2011.
196 Seiten, geb. Euro 18,00.
ISBN: 978-3-7013-1185-9.

Link zur Leseprobe

Lorenzo Unterberger ist Botaniker. Als solcher hat er per definitionem vor allem mit der Erforschung verschiedenster Pflanzen und deren Eigenheiten zu tun, eine Tätigkeit, die – insbesondere, aber nicht nur den Naturwissenschaften fern stehenden Menschen – gemeinhin wenig spektakulär anmutet. Doch Unterberger beweist, dass man als Botaniker keineswegs nur tagein, tagaus vor einem Mikroskop in einem zu allem Übel auch noch mikroskopisch kleinen Raum sein Dasein fristen und diverses Gewächs studieren muss, im Gegenteil: Fast sein ganzes Leben schon ist er auf Reisen, unterwegs in der halben Welt, um in jedem noch so abgeschiedenen Winkel exotische Pflanzenwelten zu erforschen – so auch in „Der Sturz aufs Dach der Welt“, dem neuen Roman von Peter Steiner.

Dieses Mal weilt Unterberger beruflich für längere Zeit im Hochland von Bolivien, um im Auftrag eines Pharmakonzerns eine für diesen interessante, d.h. rentable Heilpflanze aufzuspüren. Ein zu diesem Zweck mit einem Hubschrauber durchgeführter Erkundungsflug am Rande der Anden allerdings gerät etwas außer Kontrolle, und Unterberger stürzt zusammen mit seinem Piloten mitten im Urwald ab. Dieser Absturz allerdings ist weit weniger dramatisch als vermutet, sowohl Unterberger als auch sein Pilot überstehen den Aufprall unverletzt, sie werden schon nach kurzer Zeit gefunden und gerettet. Für Unterberger war die kurze Zeit hilflosen Wartens im Regenwald aber dennoch eine Art Offenbarung: Er dachte weniger an das ihm und seinem Piloten drohende Schicksal als vielmehr an seine Tochter Ljuba und vor allem an deren Freundin Marlis, die mit Unterbergers Assistenten Paul verheiratet ist. Dieser ist ebenfalls in Bolivien, allerdings weiter südlich zugange und hat nicht die leiseste Ahnung, dass sich Unterberger still und heimlich in seine Frau verliebt hat. Zurück von seinem Abenteuer, beschließt Unterberger, ihr seine Liebe zu gestehen.

Was den Inhalt betrifft, so muss an dieser Stelle nicht viel mehr gesagt werden, denn nicht die Geschichte von Unterberger ist es, die den Roman auszeichnet, sondern wie Steiner sie erzählt: Selbst Naturwissenschaftler und als Geologe des Öfteren in der Fremde unterwegs, vermag er es, jedem noch so unwirtlichen Landstrich etwas Besonders abzugewinnen und die Eigenheiten von Land und Bewohnern in gleichermaßen poetische wie prägnante Worte zu fassen: „Ach, Guanay, Weltstadt der Garküchen und Bierbuden, handfester Kellnerinnen und Animiermädchen, des Schlächters und seiner Gehilfen, des Händlers mit seinen Stoffballen, des Kinobesitzers, der Lastwagenfahrer, die nach glücklich überstandener Talfahrt aus dem Hochland sich eine schwüle Nacht lang betranken, bevor sie sich auf den Rückweg in die Kälte machten. Früher trug man nur leichte Waren aus dem Regenwald ins Gebirge, prächtig bunte Federn, Pfeilgift, die getrockneten Blätter des Cocastrauches. Heute karrte man tonnenwiese Bananen und Schlachtvieh hinauf ins Schneelicht und kam mit Plastikeimern und vollen Bierkisten zurück, mit Dieselöl für die Bohrhämmer und Pumpen der Goldgräber.“

Gleichzeitig merkt man Steiner und seiner Figur aber auch ihren beruflichen Hintergrund an, auch und gerade in prekären Situationen, die Unterberger unmittelbar betreffen und nahegehen (sollten), herrscht ein vernünftiger, rationaler Ton vor: Der Möglichkeit des drohenden Hungertodes nach dem Flugzeugabsturz zum Trotz bleibt Unterberger fast erschreckend gelassen, stellt lediglich Überlegungen zur Einteilung des nur dürftigen Nahrungsmittelbestands sowie zu ihrer baldigen Rettung an und ist sonst mit seinen Gedanken fast ausschließlich bei den zwei womöglich vor Sorge umkommenden Mädchen, Ljuba und insbesondere Marlis: „Unablässig dachte ich an Ljuba und Marlis, an das Verstreichen der Zeit, die sich für sie, die Schlimmes befürchten mußten, zur immer größeren Last anhäufte, während es für mich, der sich seiner Sache sicher sein und selbst die größte Mühsal als Geschenk empfinden durfte, Leben bedeutete, Atemluft, Lust an der eigenen Körperlichkeit, Lust an Bewegung, auch der mühevollsten. Auch spürte ich eine verstärkte Sehnsucht in mir. Ich verlor mich an den Wunsch, die plötzlich so beängstigend deutlich gewordene Gefahr habe Marlis' Aufmerksamkeit erhöht.“

Bei genauerem Hinsehen stellt sich Unterbergers scheinbar unerschütterliche Vernunft jedoch nur als ein anderer Ausdruck für Panik und Angst heraus: Während sein im Gegensatz zu ihm nicht mit solchen Situationen vertrauter Pilot Todesängste aussteht, flüchtet sich Unterberger in eine fremde Wirklichkeit, rekonstruiert in allen Einzelheiten das Verhalten und Handeln der Mädchen unmittelbar vor und nach seinem Absturz und blendet die Notlage, in der er sich befindet, fast komplett aus. Er begreift diese sogar als Art Geschenk und fasst schlechterdings kein einziges Mal die Möglichkeit ins Auge, im Regenwald von Bolivien sein Ende zu finden, so sehr glaubt er an sich und eine nahende Rettung, als „wäre nichts anders möglich“, wie es an anderer Stelle im Roman einmal heißt. Auch wenn ihm der weitere Verlauf der Geschichte recht gibt, so ist – zumindest in seiner Lage – auch dieses fast blinde Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten nicht unbedingt sehr vernünftig, sondern eher riskant.

Faszinierend an „Der Sturz aufs Dach der Welt“ ist auch, wovon es nicht spricht. So geraten durch bestimmte Andeutungen, erst mal nebensächlich wirkende Bemerkungen und Aussparungen diverser Details plötzlich Dinge für einen Sekundenbruchteil in den Vordergrund, die man dort eigentlich nicht erwartet hätte: das Lachen von Paul nach Unterbergers Rechtfertigung, eine amour fou könne jedem „einmal“ passieren, als Anzeichen dafür, dass Unterberger möglicherweise nicht mehr ganz unbescholten in Sachen Affären ist; Marlis' kurzer Monolog über die Beziehung zu und die Probleme mit ihrer Schwester zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt; oder auch die nur kurz skizzierte unaufhörlich voranschreitende Urbanisierung der abgelegenen Dörfer in Verbindung mit der wirtschaftlichen Erschließung derselben. Diese Phänomene werden, wie gesagt, eher nur nebenbei angesprochen, haben im Kontext des Romans aber dennoch teilweise eine starke Wirkung, so dass man sich irgendwann fühlt wie Unterberger: „Ich ging in Gedanken noch einmal die beschriebenen Ereignisse durch, verwundert darüber, wieviel mehr Bildkraft in der einen oder anderen kleinen Bemerkung steckte als in einer ausgereiften Schilderung.“ Dass der Teufel im Detail steckt, wissen also anscheinend auch die Botaniker.

Simon Leitner
19. Mai 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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