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Podium Portrait Christl Greller: Neue und ausgewählte Gedichte.

Vorwort: Barbara Neuwirth.
Wien: Podium (podium porträt 54), 2010.
64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-.
ISBN 978-3-902054-83-8.

Link zur Leseprobe

Ein schmales türkisfarbenes Bändchen, kaum größer als ein Reclam-Heft: so verhalten, so unprätentiös verpackt kommen die zum überwiegenden Teil neuen Gedichte der Wiener Lyrikerin Christl Greller in der Ausgabe „Portrait 54“ des Podium Verlages daher. Einen spektakulären Auftritt haben diese Texte auch wahrlich nicht nötig. Christl Greller, die nach vielen Jahren in der Werbebranche erst relativ spät zum literarischen Schreiben kam, legt hier einen Abriss ihres lyrischen Schaffens der letzten Zeit vor, der an thematischer Vielfalt und an sprachlicher Integrität kaum etwas zu wünschen übrig lässt.

Die alte Frage, ob man durch die Gedichte anderer befähigt wird, einen verstehenden Blick ins eigene Innere zu werfen, beantworten ihre Verse positiv, und dies mit einer im besten Sinne „lesbaren“ nachdenklichen Leichtigkeit. Grellers Wurzeln im kommerziellen Texten werden ihren Gedichten entgegen allem Argwohn, den man im vorhinein vielleicht hegen könnte, nie gefährlich. Der wohlkalkulierte Umgang mit dem Medium Sprache ist immerhin in beiden Genres unabdingbar, und Christl Grellers Zeilen profitieren in gewisser Weise sogar direkt von der Professionalität des gewerblichen Schreibens, indem sie stets auf den Punkt kommen, sich auch in vordergründig nur beschreibenden Naturgedichten nie im Wolkig-Ungefähren verlieren: „hier gibt es berge? sehe nur/weißen himmel und zu füßen/schwarz die traun, darin/dicke polster von frau holle. plustrig/ihr bettzeug/hineingefallen. leintuch/und über den see,/jede farbe fehlt.“ (aus „ausseerland s/w“, S.27).

Viele Kollegen sind Meister des beobachtenden Sezierens, aber es fehlt ihnen oft die Wärme der eigenen Erfahrung, die gute Gedichte erst entstehen läßt. Greller schafft diesen Spagat: „helles punschglasurrosa, glänzend./plötzlich im blickfeld. dieser/knochentiefe/schreck.“ (aus „augenbestürzung“, S.21). Die Anlässe, über ihre Sujets zu schreiben, scheint sie dabei überall zu finden: neben dem Krankenhausbett, in herbstlichen Häuserschluchten, im Blick aus ihren Augen, „meinen zwei fenstern“, ihrem „glaspalast“ (aus „allein zuhaus“, S.34). Auch bildende Kunst reflektiert sie in manchen Gedichten, mehr noch – sie interpretiert sie auf eigenständige, eigenwillige Art und Weise, so dass es völlig unerheblich erscheint, ob der Leser das Kunstwerk kennt oder nicht: „da ist/ verwurzelung, dennoch streben: der/phönizische bug hochauf/und vorwärts ragend.//was heranbraust, heranstürmt.//tropfen wie funken, zündfunken/aus wasser.“ (aus: „im salzwind“, S. 45, zu Strandinstallationen von Miguel Sousa in Portugal).

Was aber sind nun Grellers Themen? Es klingt banal, aber es geht wie in fast aller guten Lyrik auch hier um die Facetten menschlichen Daseins, Sich-Erfahrens, Miteinander-Lebens und um das Verhältnis der Dichterin zur Welt. So versucht die Autorin, durch die Reflexion über eine längst nicht mehr vorhandene Puppe an die eigene Kindheit anzudocken: „schade, dass/ ich sie gehen ließ. wir hätten/herzlich werden können.“ (aus „ilse“, S.19). Sie schreibt über Selbstverstümmelung und Gebundenheit und spielt wirkungsvoll mit immer wieder gehörten Alltagsstereotypien: „wieso abhängig? kann/sofort aufhören, wenn will./aber jetzt/will haben, verdammt, brauche, will,/muss sofort, ihr habt keine ahnung.“ (aus: „süchtig“, S.32). Auch vor augenzwinkernden Lebensentwürfen macht sie nicht halt, bedient sich dabei der alten germanischen Kleinform des Spruchgedichtes: „mein unbewegtes sein./ ich werfe/ ein großes stück zucker/ ins leben, so dass es spritzt,/ und rühre kräftig drin um.“ („was man für sich tun sollte“, S.38).

Formal gibt es sonst wenig Auffälligkeiten, Christl Grellers Gedichte sind in aller Regel endreimlos und freirhythmisch, freilich nicht selten von fast süffigen Alliterationen und Assonanzen durchsetzt, auch dies vielleicht ein spätes Erbe ihrer früheren Tätigkeit als Werbetexterin. Doch so, wie sie ihre sprachlichen Mittel einsetzt, werden sie im Gedicht auch benötigt, kaum etwas erscheint je aufgesetzt oder gekünstelt. Ihre eigenständige Metaphorik verwendet sie fast durchweg sparsam – umso wirkmächtiger strahlt ihre Poesie. „und ich/ verwehrte den ausgang, vielleicht/ nur aus eigennutz: ein/ schutzengel/ mit angemaßten/ flügeln.“ (aus: „engelszweifel“, S.24). „süß soll er sein, der abgang. die/tödin stimmt schon ihr instrument“ (aus: „vielleicht unter falschem namen“, S.20).

Sehr selten allerdings läßt sich Christl Greller dann doch einmal zu einem Betroffenheitsgedicht hinreißen wie „deep water horizon“ (S.50). Was noch ausgesprochen interessant und sehr modern beginnt („wo dir aus dem mund./ wo dir wasser/ aus dem mund/ rinnt, aus/ den grobschlächtigen lippen, du/ mein neptun.“), endet leider in einer Allerweltsanklage, die in ihrer relativen Flachheit nicht überzeugend wirkt: „was haben die menschen aus/deinen meeren gemacht?// ein aufgerissenes auge,/ entsetzter blick - “. Da hätte man auf den direkten Zeitbezug gern verzichtet.
Aber das wiegt nicht schwer angesichts der Qualität der anderen zweiunddreißig neuen Texte, denen Christl Greller, wohl auch als Reminiszenz an den bisher vorherrschenden Charakter der „Podium Portrait“-Reihe, noch zehn ältere Texte an die Seite gestellt hat, die ihr vorheriges, vielfach ausgezeichnetes lyrisches Schaffen beleuchten. Hier zeigt sie u.a. mit dem Gedicht „Wien“ (S.61), um wie viel eindrucksvoller sie das Thema Umweltverschmutzung umzusetzen vermag: „körpersaft. durchrinnt/ den vernaschten bauch dieser stadt,/ versteckt, verdrängt, nur manchmal/ kurz aufgemacht,/ fast heimlich gezeigt/ wie blößen eines schamlosen – und/ schnell wieder verdeckt, als wäre da nichts./verschämt/ und vielfach überbrückt in den/ donaukanal/ ausgeschieden/ und die ganze stadt heißt danach.“
Solche Worte mögen vielleicht nicht gerade gut für das Image der österreichischen Hauptstadt sein – für die Wahrhaftigkeit des Gedichts sind sie es allemal.

Marcus Neuert
Mai 2011

auch publiziert in lyrikwelt.de, April 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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