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Leseprobe: Martin Kubaczek - Die Knie meiner Mutter und mein Vater im Krieg.

Übern See

Er kleckert herum, findet mit dem Löffel nicht mehr in den Mund, die Suppe tropft ihm vom Kinn, Lauch zwischen den Lippen, als wäre er eben aufgetaucht, Algen auf dem Kopf, wie er es früher getan hat: Tief tauchte er ab, weit hinaus, beim ersten Sprung ins Wasser, nein, vorsichtig ging er hinein, kühlte sich ab, und dann, ein tiefes Atemholen, welches Volumen! Irgendwo weit draußen tauchte er wieder auf, nach langen, bangen Minuten, nein, Sekunden, in denen wir Kinder am Ufer zusammenliefen und versuchten, seine Tempi mitzudenken, die Hälse und die Köpfe reckten, starr und schreckensbleich und stumm, und dann ein Seufzer, wogendes Ausatmen, und peinlich berührt wandten wir uns ab, verschämt das Gesicht zu Boden, wenn er dort, mitten im See, mit Algen auf dem Kopf, auftauchte, sich im Wasser auf den Rücken drehte, zurück zum Ufer wandte und weithin hörbar juchzte oder jodelte!

Aber ein verschämtes Lächeln huschte uns auch über das Gesicht, wir blinzelten uns zu und spielten mit den Steinen am Strand unter den Weiden mit den silbrigen Blättern, die leise fächerten im leichten Wind an grünen und orangen Zweigen aus dem knorrigen Strunk, schlank und zart, schmiegsam und elastisch, mit leichten Knoten, dort wo das Knospen war. Dann tauchte er wieder, sank in die Tiefe ab, war lange nicht zu sehen, während wir, diesmal nicht mehr so bange wie beim ersten Mal, am Ufer in den Kieseln kratzten, mit den Zehen Stücke von schwammig leichtem Schwemmholz aufklaubten, einen Ast, einen besonders flachen runden Stein, eine Steinscheibe, klein wie ein Fingernagel oder groß wie der Teller einer Hand, und auf das leise Plätschern der Wellen lauschten, die hier in Sand und Kies am Ufer nagten.

Dann tauchte er auf, schoss jäh hervor, ein weißer Kopf, ein mächtiger Finnwal, stand lachend da, die Schnittstelle von Wasser und Brust gerade an den Brustwarzen, stand mit Algen auf dem Kopf, wie er jetzt triefend in der Suppe löffelt, prustend und blasend, stieß einen Blas aus und sah mir tief in die Augen, ohne was zu sagen, stieg tastend, balancierend auf den Felsen und aus dem Fluss. Zieh dir doch den Suppenteller näher!, schlage ich vor und schiebe ihm den Teller näher an die Brust, während er mit ungelenker Hand den Löffel wackelig zum Mund führt, als träfe er nicht Teller mehr noch Mund. Die Verbindungen werden schwierig, die Linien sind nicht mehr gerade und sicher geführt, diffus und lapidar wie bei einem Säugling, der sich erst im Begreifen übt.

Erinnerst du dich, wie du damals über den See geschwommen bist, dem Fährboot hinterher, oder voraus, wir im Boot, aber du wolltest schwimmen und das Geld sparen?

(S. 86f)

© 2011 Folio Verlag, Wien-Bozen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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