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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wiedersehen in Fiumicino.

Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011.
319 S.; geb; Euro 20,60 (A).
ISBN 978-3-455-40309-1.

Link zur Leseprobe

Der junge Oberösterreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker hat mit seinem 2008 erschienenen Roman „Der lange Gang über die Stationen“ einen glänzenden Einstand im Literaturbetrieb gefeiert. Das zu Recht rundweg gelobte Buch bestach durch sprachlichen und literarischen Mut, zeigte ungewöhnlich reife Sprachbeherrschung. Ebenso eindrücklich sein zweiter Roman „Magdalenaberg“, 2009 herausgekommen. Nun ist – Kaiser Mühlecker ist noch keine dreißig Jahre alt – bereits sein drittes Buch auf dem Markt, der vor allem in Argentinien spielende Roman „Wiedersehen in Fiumicino“.

Der Roman hat einen Protagonisten, Joseph, und drei Figuren, die um ihn kreisen. Kaiser-Mühlecker hat sich dazu entschieden, das Geschehen aus der Ich-Perspektive der vier Figuren zu erzählen. Deren Erzählungen überschneiden sich, kontrastieren, relativieren, manchmal sind sie auch redundant – doch dazu später.
Joseph, ein scheuer, schweigsamer, sensibler Agrarwissenschaftler, verlässt seine Partnerin in Österreich, ohne ihr seinen Abschied anzukündigen. Er fliegt über den römischen Flughafen Fiumicino nach Argentinien, um dort an einer Studie über die Lebensmittelindustrie zu arbeiten: Mit Akribie besucht er Lebensmittelgeschäfte, studiert deren Sortiment und die Anordnung der Produkte. Dazu beschäftigt er sich mit dem Anbau von Gen-Soja. In beiden Arbeiten geht es ihm darum, gegen die zunehmend globalisierte und kapitalistische Nahrungsmittelindustrie Munition zu sammeln, doch über den Inhalt und die Ergebnisse seiner Arbeiten erfährt man – leider – nichts. In der Arbeit ist Joseph ein Perfektionist, ein Kämpfer aus Leidenschaft, spürt er „eine kompakte Wut, die nicht hilflos war, einen zur Produktion und Konsequenz anstiftenden Zorn.“

In Buenos Aires lernt Joseph Savina kennen, die eine vielversprechende Karriere als Musikerin vor sich hatte, jedoch aufgrund ihrer Einsicht oder vielmehr Überzeugung, ihr Instrument niemals perfekt beherrschen zu können, die Musikerlaufbahn aufgibt. Joseph und Savina verlieben sich, er zieht bei ihr ein und wird sie nach Fertigstellung seiner Arbeit ohne ein Wort des Abschieds verlassen.
„Mich ließ ein Gedanke nicht los: Warum entwickelten sich meine Beziehungen zu Frauen nie allmählich, sondern immer plötzlich, jäh? Alles begann schnell, und dann endete alles schnell. Auch mein Interesse, es kam, es ging – einfach so. Es war das Gegenteil von dem, was ich wollte – oder zumindest in den Momenten, in denen ich innehielt und mich besann, glaubte zu wollen. Doch der Gedanke hieß einfach: Anfang und Ende. Weiter ging er nicht.“
Die dritte Figur ist Juan, ein Landsmann und Freund Josephs, der vor Jahren nach Argentinien ausgewandert ist. Er arbeitet als Museumswärter und hat überraschenden Erfolg mit einem Buch über einen nach Argentinien ausgewanderten Juden. Doch hat er nicht vor, eine Karriere als Schriftsteller einzuschlagen, es genügt ihm, ein gutes Buch geschrieben zu haben. Juan arbeitet weiter als Museumswärter und wird sein Glück mit Ceci, die er heiratet, finden.
Der Vierte im Bunde ist Alphonso, Sohn eines der größten Grundbesitzer des Landes, der das Erbe ausgeschlagen hat und nun als Arzt arbeitet. Wie auch Alphonso ist Joseph Kind eines Landwirts und ebenso wie sein argentinischer Freund hat er mit seiner Herkunft gebrochen: Den elterlichen Hof hat er an einen Bio-Bauern verkauft.
Sprachlosigkeit und Bindungsangst und Einsamkeit. Das Leben ist Joseph verstellt. Als er nach Österreich zurückkehrt, kauft er sich ein Haus auf dem Land, will als Mesner arbeiten.

Reinhard Kaiser-Mühlecker macht es dem Leser nicht einfach, in den Roman hineinzufinden: Zu viele Ichs drängen sich da auf den ersten Seiten, nicht immer ist klar, wer spricht. Man gewöhnt sich im Laufe der Lektüre zwar an die vielen Perspektivwechsel, doch erzeugen sie eine Unruhe, die den Blick verstellt auf die vielen Details, die intensiven Passagen, in denen die Kunst Kaiser-Mühleckers sich – man muss es so schreiben – versteckt.
Der Autor hat sich mit der Wahl der vier Ich-Perspektiven in ein Korsett gezwängt, in dem er seine erzählerischen Stärken nicht immer ausspielen kann. Und doch fesselt das Buch; hinterlässt dabei jedoch ein seltsam schales Gefühl.
Kaiser-Mühlecker hat mit seinem dritten Buch einen Schritt in eine andere Richtung gemacht, in die für ihn zweifellos notwendige. Es scheint, als habe er sich mit „Wiedersehen in Fiumicino“ los- und freischreiben wollen von dem Ruf, den er sich mit seinen ersten beiden Publikationen gemacht hat. Sein neues Buch ist nicht perfekt, es ist nicht leicht zu fassen, in seiner Ambivalenz aber durchaus interessant und deshalb lesenswert.

Peter Landerl
30. Mai 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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