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Antonio Fian: Man kann nicht alles wissen.

Dramolette V.
Graz, Wien: Literaturverlag Droschl, 2011.
187 S.; geb.; Euro 19,-.
ISBN 978-3-85420-780-1.

Link zur Leseprobe

Seit Antonio Fian von der exklusiveren Wiener Stadtzeitung „Falter“ zur österreichweit erscheinenden Tageszeitung „Der Standard“ gewechselt ist, hat sein Bekanntheits-und Beliebtheitsgrad noch um einiges zugenommen, denn der Mensch lacht nun einmal gerne und dazu sind die Fian’schen Dramolette angetan. Obwohl einem immer öfter das Lachen im Hals stecken bleibt, wenn sich Fian der täglichen heimischen Politik- und Kulturszene für den Stoff seiner „Dramolette“ bedient.

Nicht dass Antonio Fian jemals unpolitisch gewesen wäre, aber vergleicht man die erste, 1994 erschienene Dramolett-Sammlung mit dem nun vorliegenden fünften Band seiner Produktion aus den Jahren 2007 bis 2010, fällt die zunehmende Politisierung auf. Sei es, dass er dabei von seiner Tätigkeit für den „Standard“ beeinflusst wird, sei es, dass Antonio Fian sich selbst dafür verantwortlich fühlt. Das meint man an zwei Minidramen zu erkennen, die über die Jahre hinweg den Autor Norbert Gstrein betreffen: in „Norbert Gstrein sitzt mit der deutschen Literaturkritik im Wirtshaus und erzählt, wie es war“ (Dramolette I, 1994) ist die deutsche Literaturkritik Stichwortgeber für einen Witz über den Schriftstellerkollegen. Jahre später in „Fremdkörper“ (Dramolette V, 2011) sitzt derselbe Autor mit einem anderen, unbedarfteren Kritiker zusammen und diesmal kommt Gstrein nicht mit einem bloßen Witz davon, sondern wird aufgrund seiner politischen Enthaltung gemaßregelt. Dieser beschämende Fingerzeig auf die fehlende oder die Fehl-Haltung von Kollegen und Verantwortungsträgern – da bleibt nicht einmal der Bundespräsident ungeschoren („Wahltag, Panorama“) – ist es, der bei Antonio Fian fast zur Hauptsache wird. Während er zu Beginn seines Dramolett-Schaffens meist vom Literaturgeschehen inspiriert wurde, schlägt der Kärntner Autor nun in immer schnellerer Abfolge immer schärfere Töne an. Liebevolle Satiren etwa wie jene, in der Michael Köhlmeier das Telefonbuch erzählt („Sonntagsprogramm“ in Dramolette IV, 2007) werden selten, böse über gehuldigte Staatskünstler wie Hermann Nitsch („Verschüttet“, „Harte Zeiten“) und André Heller („Marrakesch“, „Korrektur“) sind dagegen Dauerbrenner, ebenso wie Thomas Bernhard immer gut für ist eine Dramolett-Idee („Die Weltverbesserer“).

Was sich seit 1994 noch verändert hat, ist die Länge der Dramolette - sie sind nämlich entscheidend kürzer geworden. Die Ausführlichkeit der Szenenanweisungen ist praktisch gleich geblieben, es gibt also eine Vielzahl von Anweisungen und stummen Beschreibungen, Pausen und natürlich Vorhängen. Die Sprechtexte, die sich früher oft über einige Seiten erstreckten, gehen jetzt meist über eine Buchseite nicht hinaus. Der Witz des Fian hat an Absurdität zugenommen, gesteigert noch durch die Verwendung von Dialekt („Im Salzkammergut“) und speziell des Wiener Idioms („Dengemma“) in Dialogen und Monologen. Und wie in der „Ökonomischen Theorie“ erklärt sich alles von selbst, wenn man nur gut zuhört, was „der Mann von der Straße“ spricht. Fian macht sein Publikum (fast) glauben, dass er ganz einfach aufschreibt, was er auf der Straße hört („Hasi“) oder im Kaffeehaus („Fremdsprache“) oder an der Theke („Man kann nicht alles wissen“). Aber nachdem es sich bei manchem Dramolett um die verschärfte Version eines mit Fußnote zitierten Zeitungsartikels handelt, muss man annehmen, dass der Autor einiges dazu tut, um das Gehörte in ein aus dem Leben gegriffenes Dramolett zu verwandeln. Alltagsereignisse werden auf das Wesentliche oder auch das Typische reduziert oder eine treffsichere Verknüpfung von künstlerischem und politischem Lebensalltag mit sprachsicherem Witz hergestellt. Insofern sind Fians Dramolette mit dem politischen Witz oder Kabarett verwandt, wie es in der Bezeichnung schon anklingt. Auf jeden Fall hebt sich der Fian’sche Vorhang über all jenen, die in uns hinter’s Licht führen wollen, und es genügt der entblößende Minuten-Blick, um sich dessen gewahr zu werden, was läuft in Politik und Kultur und dabei ist es egal, welcher Partei die Darsteller gerade angehören.

Einziger Nachteil der tagesaktuellen Dramolette ist die Schnelllebigkeit unserer Politik, sodass man sich heute an Herrn Gusenbauer und morgen an Frau Rosenkranz kaum noch erinnern kann – aber ein Dramolett ist ja kein Drama und wie der Witz nicht für die Ewigkeit geschaffen. Zeitlosigkeit erreicht Antonio Fian im – vom beständigen und kongenialen Umschlagillustrator Tex Rubinowitz so bezeichneten - Bonusdrama „Hennir“ (zu Deutsch: Wiehern). Eine größere Herausforderung als diesen Monolog, der nur von Anweisungen eines Regisseurs (mit der Stimme von Bruno Ganz) unterbrochen und von einem taub-blind-stummen Pianisten begleitet wird, kann man sich für eine Schauspielerin kaum denken (Uraufführung 2009 mit Isabel Karajan). Zwischen äußester Komik und tiefster Tragödie schillert diese Sprechrolle, durch die man Fian auch als Autor des „großen“ Dramas kennenlernt. Ich persönlich möchte das Dramolett als regelmäßiges Minuten-Lesedrama nicht missen, aber sollte sich der Autor für Nachhaltigkeit interessieren, wünschte ich mir („Der Dramolettforderer“) noch mehr Fian'sches Theater.

Silvia Sand
7. Juni 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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