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Leseprobe: Martin Kolozs - Jason Crane, der Tod und König Blaubart.

Im Taxi versuchte er, Linda zu erreichen, aber wie am Vorabend ging sie nicht ans Telefon und Jason Crane sagte dem Fahrer, er möge eine andere Route zum Präsidium nehmen.
„Das ist ein Umweg“, sagte dieser.
„Macht nichts, ich habe meine Gründe!“
Wie sich das anhört, dachte Lieutenant Crane, als müsste ich eine Erklärung haben, wenn ich bei meiner Exfrau läute, um zu sehen, ob bei ihr alles in Ordnung ist!
Aber war es wirklich bloß das? Machte er sich tatsächlich nur Sorgen um Linda, oder meldete sich abermals seine Eifersucht, die er zu kontrollieren glaubte?!
„Du musst mich mein eigenes Leben führen lassen“, hatte ihm Linda noch lange nach ihrer Scheidung sagen müssen. Es ging ihm einfach nicht in den Schädel hinein, dass es zwischen ihnen aus und vorbei war und jeder seinen eigenen Weg gehen musste. „Du kannst hier nicht unangemeldet aufkreuzen, hörst du ?“
Der Wagen hielt und der Taxifahrer sah über den Rückspiegel Jason Crane an.
„Soll ich warten“, fragte er.
„Fahren Sie weiter“, antwortete Lieutenant Crane.
Er hatte es satt, sich lächerlich zu machen, und wenn Linda nicht abheben wollte, hatte sie auch das Recht dazu. Er musste es endlich einsehen: dieser Zug war für ihn bereits abgefahren.

Doktor Miller wollte es sich nicht nehmen lassen und war ebenfalls zur Besprechung gekommen. Er saß in der Nähe des Clipboards und betrachtete die Tatortbilder und die Fotos der Leiche.
„Das war ein Metzger“, sagte er und wandte sich mit einem Gesichtsausdruck des Grauens ab.
„Ist das Ihre professionelle Einschätzung, oder lässt Ihr Bericht auch einen größeren Spielraum für Interpretationen zu?“
Jason Crane konnte Edward Miller einfach nicht leiden. Was der Gerichtsmediziner auch tat oder sagte, es war wie ein rotes Tuch für den Lieutenant.
„Fest steht, dass die beiden Hände des Opfers mit großer Brutalität abgetrennt wurden“, entgegnete Doktor Miller ungerührt und schlug die Mappe mit seinen Unterlagen auf, „ich glaube daher nicht, dass der Täter irgendwelche medizinischen Vorkenntnisse hat. Es ist eher anzunehmen, dass die Amputationen, wie übrigens auch die Zerstörung der Mundpartie, den Versuch darstellen, die Identifikation des Opfer unmöglich zu machen! Der Täter hat wohl geglaubt, dass wir ohne Finger- oder Gebissabdrücke keine Chance haben!“
„Wurde die Tote vergewaltigt?“ Sergeant DeFrancos Frage schnitt wie ein Rasiermesser ins Bewusstsein der Anwesenden. „Ich meine, immerhin haben wir die Leiche nackt gefunden! Die Vermutung liegt nahe ...“
„Dieser Gedanke ist mir anfangs auch gekommen“, unterbrach Doktor Miller. „Aber für einen sexuellen Missbrauch ante mortem oder post mortem gibt es keine Hinweise!“
„Wie sieht es mit Raubmord aus“, eröffnete Officer Berry die Motivsuche.
„Das halte ich für unwahrscheinlich“, konterte Sergeant Reighley. „Wäre es dem Täter nur um Geld gegangen, hätte er die Frau vielleicht umgebracht, aber bestimmt hätte er sie nicht entkleidet, verstümmelt und dann irgendwo im Stadtpark abgelegt. Was hätte das für einen Sinn?“
Für einen kurzen Moment schwiegen alle. Die Sinnfrage war bei Mord noch nie zu beantworten gewesen!
„Wenn Sie mir erlauben, meinen Bericht abzuschließen“, begann Doktor Miller erneut.
Für einen Mediziner, der nach Plan vorging, war dieses Raten im Dunkel eine zu bittere Pille.
„Die Todesursache ist ein multiples Schädel-Hirn-Trauma. Der Täter muss auf das Opfer eingeschlagen haben, mit einem stumpfen Gegenstand!“
„Haben wir eine andere Möglichkeit die Tote zu identifizieren?“
Das war für Jason Crane die alles entscheidende Frage.
„Das ist die einzige gute Nachricht, die ich für Sie habe, meine Herren!“ Doktor Miller machte es spannend. „Obgleich der Täter alle persönlichen Gegenstände entwendet und die Leiche in einem großen Ausmaß versehrt hat, so hat er dennoch etwas übersehen!“
„Geht das nicht etwas schneller“, zischte Lieutenant Crane, sah aber in Edward Millers Augen, dass dieser es keinesfalls eilig hatte. (Er genoss diesen Moment zu sehr.)
„Wie gesagt, der Täter hat etwas übersehen, soll heißen, er konnte es gar nicht sehen, weil es sich im Körper der Toten befindet!“ Er stand auf und deutete auf eines der Fotos am Clipboard. „Unsere unbekannte Tote trägt eine Endoprothese!“
„Eine was“, fragten die beiden Sergeants fast gleichzeitig.
„Ein dauerhaftes Hüftgelenks-Implantat!“ Hier am rechten Oberschenkel!“
Doktor Miller tippte mit dem Finger auf die Stelle am Foto als würde er die Probe aufs Exempel machen, ob die abgebildete Frau darauf reagierte.
„Und wie kann uns das bei der Identifizierung helfen“, fragt Officer Berry.
„Jedes Implantat verfügt über eine Seriennummer“, sagte Doktor Miller, „der Rest ist also Archivarbeit!“
Er sah zu Lieutenant Crane über den Tisch hinüber und lächelte selbstzufrieden.
„Danke“, sagte Jason Crane, weit davon entfernt echte Dankbarkeit zu meinen. „Ich bin dafür, dass wir eine kurze Pause machen und uns in einer halben Stunde wiedertreffen.“ Und in einem Nachsatz: „Dann will ich ein paar Ideen zum Tathergang hören, verstanden!“
Alle nickten und gingen in eine Pause, die keine war.

(S. 33-36)

© 2011, kitab-Verlag, Klagenfurt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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