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Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch.

Kriminalroman.
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag 2010.
177 S.; geb.; Euro 17, 90.
ISBN 978 3 85218 634 4.

Link zur Leseprobe

Auf den ersten, flüchtigen Blick vereint der jüngste „Bracharz“ zwei Themen, die seit Jahren als Goldgruben der Branche gelten: Kochen und Krimi. Und das könnte erprobte LeserInnen in Zeiten hemmungsloser (Verlags-)Spekulation aufs gute Geschäft a priori misstrauisch stimmen ... Aber: Entwarnung. Selbst wenn man vertrauensselig, sprich: wenig konsumerfahren wäre, bliebe im Fall des „Zweitbesten Kochs“ am Ende nur das übliche Ärgernis: der fehlgeleitete Klappentext. Zitat: „Nach seinen kultigen Erfolgskrimis in den 90er Jahren hat Kurt Bracharz sich mit seinem neuen Krimi viel Zeit gelassen – doch das Warten hat sich definitiv gelohnt: angenehm pikant, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Nervenkitzel und in typisch amerikanischer Krimimanier: hartgesotten.“ Vorab: Das so beschriebene Buch ist nichts weniger als das; was aber keine Schwäche bedeutet.

Das Adjektiv „hartgesotten“ ist die Übersetzung von „hardboiled“: einem Begriff, der ein spezifisches Genre des Kriminalromans bezeichnet, frei nach seinem Protagonisten, dem „hardboiled detective“, also dem abgebrühten, mit allen Wassern gewaschenen Ermittler. Chandlers Philip Marlowe und Hammetts namenloser Detektiv waren die ersten in dieser Reihe zynisch-sentimentaler Outlaws; Lee Childs Jack Reacher oder Ross Thomas' Edd Partain zwei prominente unter ihren unzähligen Nachfolgern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie notorisch in Schwierigkeiten geraten: a) mit der Polizei, b) mit den Frauen; naturgemäß gibt es auch c) Tote, von denen mancher aufs eigene Konto geht, während man auf der Suche nach Mördern und ihren Auftraggebern ist und d) die Spur zunehmend zu mächtigen, korruptionsanfälligen Organisationen wie Staat, Geheimdiensten, Militär oder Mafia führt, gegen die man, wie der Wiener sagt, „kan Auftrag hat“.

Derlei Genretypisches findet man bei Bracharz allenfalls strukturell – vielleicht kann man auch von einer Folie sprechen, auf der elegant nach Thrillerbauweise mit den passenden „Zutaten“ und im richtigen Tonfall eine mehr amüsante als spannende Geschichte erzählt wird; ohne Leichen und Schusswechsel, doch voller Ironie, Anspielungen und Geistesblitze.
Protagonist und Ich-Erzähler ist der 60-jährige Restaurantkritiker und Feinschmecker Xaver Ypp (vielleicht ein entfernter Wiener Cousin von Gisbert Haefs wohlbeleibtem „Universal-Dilettanten“ Baltasar Matzbach; wie seinerzeit bei diesem wünscht die Rezensentin sich auch bei Ypp ein paar weitere Fälle ...).
Seine Leidenschaft für die Kulturhistorie der Kulinarik und sein stupendes, bis ins skurrile Detail reichendes gastrosophisches Wissen teilt Ypp mit seinem Schöpfer Bracharz; man denke etwa an die großartige Sammlung kulinarischer Aphorismen „Esaus Sehnsucht“ aus den 80ern. Oder an das 2010 erschienene „Appetit-Lexikon“ mit Glossen und Essays zum Thema Essen aus zwanzig Jahren.

„Der zweitbeste Koch“ beginnt am Arbeitsplatz des Ich-Erzählers Ypp, in der Redaktion des Wiener Magazins „Lukull“. Herausgeber Dr. Ska hat die Redakteure zusammengerufen, um ihnen seinen Großneffen Quentin vorzustellen, einen jungen Mann mit einem fotografischen Gedächtnis für Speisen und Getränke, was dieser sogleich bei einer Blindverkostung mittelmäßiger Veltlinersorten beweist. Ypp wird von Ska zu Quentins Mentor ernannt, und der gelehrte, eher zum Grant neigende Gourmet muss nun mit dem Studenten (ein „bekennender Angehöriger der Junkfood-Gemeinde“) durch die Restaurantlandschaft ziehen.

So kommen sie ins „Zhongguo – Reich der Mitte“, ein neben der Wiener Stadtgrenze bei Hagenbrunn gelegenes „Disney-China“. Naturgemäß weist Ypp darauf hin, dass auch Österreich, sozusagen, ein „Reich der Mitte“ sei, was Metapher und Leserglück noch um einige schillernde Assoziationen bereichert ... Im Restaurant „Shanghai 1938“ findet Ypp (selbstverständlich kennt er die Geschichte der chinesischen Küchen aus dem Effeff) in den „Acht Kostbarkeiten“ Fleisch, das weder er noch Quentin identifizieren können. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um ein Filetstück eines Vertreters der Raubtierart Homo sapiens handelt, und wird durch das spurlose Verschwinden des „Shanghai“-Kochs Wang Li-Shui keineswegs entkräftet. Wang Li-Shui ist hier übrigens der titelgebende „zweitbeste Koch“ (was man, by the way, als höchsten Rang zu verstehen hat – jeder Maître de Cuisine muss ja, dem Sprichwort zufolge, letztlich vorm besten Koch Hunger seinen Löffel strecken).

Nun, Ypp zweigt eine Probe des dubiosen Fleischs ab und deponiert sie in einem „Ziplock-Beutel“, doch der wird ihm, samt Umhängtasche, von zwei vermummten Motorradfahrern in der Nähe seiner Wohnung gestohlen. So bleiben zur Recherche in Sachen anthropophager Gelüste vorerst nur die detaillierten Informationen von „Lukullus“-Kollege Ante Zupan, einem wandelnden Lexikon des Kannibalismus.
Keine Frage, dass auch eine eurasische Schönheit durch die Geschichte flaniert, halluzinogene Drogen in der Handtasche inklusive: Tierschützerin Zoe, die als Mitglied der „Sechs Beine“ in den chinesischen Tiergarten einbrechen will. Oder dass Ypps Bruder beim österreichischen Heeresnachrichtendienst arbeitet und plötzlich großes Interesse am Fall des „zweitbesten Kochs“ bezeugt. Serbische Rechtsradikale, ein ungarischer Antisemit, ein mächtiger Triadenboss und Rabbi Rosenstamm, der u.a. die koschere Nahrhungsmittelproduktion in China kontrolliert, mischen ebenfalls mit. Um nur einen Teil des in verschiedenen Interessen miteinander verflochtenen Personals zu nennen.

Spade, Marlowe, Ypp? Nein. Aber warum auch, wenn man so viele interessante Kulinaria kennt und daheim ein mit antiquarischen Kochbüchern und Gourmetmagazinen angefülltes „Messie-Zimmer“ hat, in denen man liest, dass in den 70ern bei uns Krammetsvögel und Birkhähne auf dem Speiseplan standen, während Zucchini und Melanzani weitgehend unbekannt waren. Motto: Für einen Historiker gibt es nichts Altes. Sogar die Gegenwart wird neben einem wie Xaver Ypp interessant; und die aktuelle, dem Überfluss und Missbrauch durch die Lebensmittelindustrie geschuldete Frage, was wir denn essen sollen, zeigt sich enorm facettenreich. Bei so viel Geist reichen ein Stock und etwas philippinische Kampfkunst zur körperlichen Verteidigung … jedenfalls dem Heldengourmet. Sein Autor führt ohnedies eine feine stilsich're Klinge – Chapeau!

Birgit Schwaner
9. Juni 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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