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Valerie Fritsch: Die VerkörperungEN.

ein bilderbuch.
Roman.
175 S.; geb.; Euro 18,90.
Graz: Leykam Verlag, 2011.
ISBN: 978-3-7011-7737-0.

Autorin

Leseprobe

Es mag an Paris liegen, es mag an einer (von der Leserin) imaginierten Schreibsituation und im gleichen Atemzug an den beschriebenen Zimmern liegen, dass ich an das „Jahr der Liebe“ von Paul Nizon denken musste, als ich einen Prosatext von Valerie Fritsch las, der der Buchpublikation zugrunde liegt. Über die Erinnerung, den Textraum, sagt Nizon, dass er nicht außerhalb der Zeit, sondern in ihr liege, aber darin habe die Zeit ihre Macht verloren. Bei jenem Erstkontakt mit Fritsch-Texten dachte ich mir die Autorin am Computer – den ich als ihr „Schachtelzimmer“ unterstellte –, in die Tastatur hämmernd: „GOOGELN: Edelbordelle, Prostitutionsberichte, Medizinstudium, Geschichten, Paris“. Dieses Bild überblendete ich mit den Manuskriptseiten Nizons, die fein säuberlich mit Wäscheklammern gehalten über dem Schreibtisch hängen, im Zimmer der Tante in Paris, ich stellte mir vor, wie sich hier wie da in der absoluten Gegenwart des Zimmers Erinnerung und Gedachtes, Zusammengelesenes und -gefundenes, Vergangenheit und Zukunft miteinander vermischen und war äußerst neugierig darauf, was kommt.
Nun ist das Buch von Valerie Fritsch, „Die VerkörperungEN“, im steirischen Leykam-Verlag erschienen: Die Mode der „kleinSchreibung“ oder ähnliches ist doch schon lange wieder vorbei, außerdem wurde als Untertitel „ein bilderbuch“ gewählt und natürlich, „Roman“ – ich zögerte.

Tatsächlich ist Paris die Stadt, in der die Geschichte angesiedelt ist, und die Autorin wird nicht müde zu erwähnen, dass ihr das authentische Kennenlernen und Erfahren der Schauplätze besonders wichtig ist und die wären: Bordell und Krankenhaus, Palliativstation, Altersheim – von wegen Schachtelzimmer und Google-Recherche! Außer dem Burgenland, das als ein märchenhafter Ort für Familien (oder deren Gründung) eingeführt wird – „Man denkt sanftere Gedanken als sonst.“ – und in beinah ungebrochener Hochglanz-Ästhetik schimmern darf, ist die Stadt der „roten Lichter“ (Klappentext), geeignet für „eine merkwürdige Biographie“, der einzige Ort, der namentlich genannt wird. Aus welcher Kleinstadt die Erzählerin – früher Hure, heute Ärztin – zugezogen ist, bleibt unerwähnt, gereist ist sie jedenfalls viel und sie kann extravagante und milde Sonnen in verschiedenen Städten unterscheiden. Dieses Paris ist aber ein Ort bei Fritsch, der schwer an seinen Klischees zu tragen hat, etwas dunkler, verruchter und sexualisierter zwar als das Montmatre aus Jean-Pierre Jeunets Kinoerfolg „Le fabuleux destin d’Amélie Poulain“ aus dem Jahr 2001: Der Text vermittelt eine Stadt-Wirklichkeit der Geisterbahnen und Vogelhandlungen, Hundebegräbniscenter und Berufsclowns. Ähnlich verhält es sich mit dem Personal: Die erwähnte Ärztin, die schon als Kind an Körpern interessiert war und mit ihren Spritzen in den weißen Taschen eher dem Klischee einer Ärztin entspricht oder zumindest einer Darstellerin, die eine Ärztin verkörpert, spricht unentwegt ein „Du“ an, das man als schwierigen Freund/Feind in ihrem Bett bezeichnen könnte, Kokain und Suff und Nebengeliebte inklusive (und ist der erst mal weg, wird die Protagonistin viel lesen). Sie und Carime mit den havannaroten Lippen, die Betreiberin und Tod-Darstellerin ihrer Geisterbahn, sind die wichtigsten Menschen für die Erzählerin, aber das tatsächliche „Personal“, die Prostituierten im Puff „Les Fleurs du Mal“, die Krankenschwestern oder das Reinigungspersonal und einzelne Krebspatientinnen scheinen beinah besser ausgeleuchtet und mehrdimensionaler in ihren Rollen.

Rhythmus ist das formende Element dieser Prosa, auch inhaltlich, und meist an Farben oder Lichtsituationen gebunden; der Doppelpunkt wird meistens als trennend oder betonend beschrieben: Bei Fritsch ist er ein Motor, der all die Schlüsse, aus denen der Text besteht, weitertreibt und drängt und jedes Ende ist immer ein Beginn – eines Satzes, eines Gedankens, einer Ausführung. Pragmatische, man könnte allerdings auch sagen, fadenscheinige Orientierungshilfen in Ort und Zeit eröffnen oft den Absatz, diese Methode unterwandert oder hintertreibt gleichzeitig auch die Kolon-Spielerei, denn die Doppelpunkte sind ein starkes Demonstrationsmittel für die Zielsicherheit der Rede bei Fritsch, heben ebendiese aber wieder auf, wenn sie inflationär eingesetzt werden („Und: Ich vermisse diese Morgen: hell und heftig: und schlafwarm nebeneinander.“). Inhaltliche Parallelführungen und eine starke Struktur oder Manie der Ordnung machen den Text aus, der nur assoziativ scheint, eigentlich aber recht genau konstruiert ist; vor allem im Mittelteil jedoch verirrt er sich, wird langsamer und kann über weite Strecken nicht mehr vermitteln, wohin er möchte, oder mit wem bzw. wie er dahin gelangen will. Dazu kommen zunehmend Wortspiele und Aphorismen, die zuerst stechend klar wirken, mitunter ins Banale kippen bzw. mindern immer wieder Plattitüden, Kitsch und Kalauer das Lesevergnügen, das dieser Text auch ist.

Vielleicht ist der Titel „VerkörperungEN“ bewusst als Irreführung gewählt: Denn nicht um Körper, wie es die Protagonistin behauptet, geht es, sondern um Erscheinungen und die Vergegenwärtigung von Gedanken. „Die Stadt geht unter die Haut.“ – aber die Sätze folgen ihr nicht darunter und der Text findet (wie „Geschichte und Alter“) auf der Haut statt, die Oberfläche vermögen diese schönen Sätze zu reizen und zu ritzen, aber intensiver würden sie ihre Aussage und Sinnlichkeit in einer inhaltlichen Umgebung vermitteln, die weniger im Allgemeinen bliebe. Es sind also eher Flächen, die vor dem inneren Auge der Leserin entstehen und nicht so sehr Bilder, wie es eben der Umschlag suggerieren möchte. Die Entmachtung von Zeit durch stetes Heran- und Wegzoomen gelingt dabei durchwegs. Ein zentraler Satz steht wie eine Zusammenfassung am Ende des Textes: „Immer noch und mehr denn je: Es geht um Haut und Gedanken.“ Und diese, so ein wenig weiter vorne im Text, seien im Verrücktsein verkörpert worden. Die Erzählerin sagt an der Stelle, dass sie nun weiß, dass man Büchern Grenzen setzen müsse. Die Rezensentin hätte sich ganz und gar auf ein grenzenloses literarisches Vorhaben gefreut.

Angelika Reitzer
22. Juni 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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