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Johannes Weinberger: Schwarz und voller Vögel.

Roman.
Wien: Luftschacht Verlag, 2011.
176 Seiten; geb.; Euro 19.-[A].
ISBN 978-3-902373-70-0.

Link zur Lesprobe

„Ich bin Johannes Weinberger. Ich schreibe Bücher und verbringe daneben sehr viel Zeit damit, Texte wie diesen hier zu schreiben. Zur Zeit bin ich heftig damit beschäftigt, nicht verrückt zu werden. Ich mag Gewitter und Mehlspeisen. Drogen nehme ich keine mehr, trotzdem verliere ich beständig an Gewicht. Irgendwann werde auch ich nicht mehr da sein. Aber dann kann man immerhin noch meine Bücher lesen, wenn man sie findet. Gute Nacht. Und viel Glück.“ (tubuk.com)

Wir haben eines dieser Bücher gefunden, Schwarz und voller Vögel. Das Glück, das wir darin gefunden haben, hat blaue Augen mit silbernen Einsprengseln. Es lebt nicht lang, so ein Glück. „Man muss es mit Unglück füttern, sagt die Mutter des kaputten Zugs, dann wird es so alt wie die Sonne selbst. Ich habe sicher noch ein bisschen davon im Speiseschrank, sage ich. Aber mein Speiseschrank ist leer.“

„Medikamente, Herr Weinberger.
Komme schon, komme schon.“

Johannes Weinberger ist jetzt eine Romanfigur. Seine Diagnose lautet: Kombinierte Persönlichkeitsstörung bei hoher Borderline-Persönlichkeitsorganisation vor neurotischer Persönlichkeitsorganisation im introvertierten Bereich. (Wien, 7. Oktober 2008 / tubuk.com)

Er ist in der Anstalt. „Draußen hängt der Regen und drinnen verrottet der Tag wie ein alter, alter Apfel.“ Patienten schleichen durch die Flure, zur Medikamentenausgabe, zur Morgenrunde, zur Beschäftigungstherapie. „Wir sind alle verrückt hier“. Beißend einsam und weltverloren, „grün und schwarz und voller Vögel, Rehe und Spaziergänger“. Und alles ist aus Plastik.

Der Patient Johannes Weinberger führt Protokoll. Mit traumscharfer Sensibilität und Genauigkeit beschreibt er sein Ringen mit der würgenden Angst angesichts der „Unfassbarkeit der Welt“. Verzweifelt bekämpft er die Ungeheuer, die der Schlaf der Vernunft und die „zerfallende Wirklichkeit“ gebären: Das Lächeln des Sohnes, aus dessen Lücke sich dunkelbraune, silbrig glänzende Nacktschnecken zwängen. Die Mutter, die „tot mit blauviolettem Gesicht und zwischen den Lippen pflaumendick hervorgeschwollener Zunge auf dem fleckigen Parkettboden“ des Wohnzimmers liegt. Die „haustürgroßen Schmetterlinge mit durchlöcherten sonnengelben Flügeln“ und das tote Kätzchen im Schnee aus seiner Kindheit.

Doch die größte Bestie von allen - „nichts ist mir fremder“ - ist er selbst, vor nichts ekelt er sich so, nichts ist ihm mehr zuwider. Der eigene Körper wird zum Schlachtfeld, er wird geschunden, ausgezehrt, auf seine reine Kreatürlichkeit reduziert: „Will ich ficken, will er scheißen, will ich scheißen, will er schlafen, will ich essen, will er sich übergeben.“

„Ich bin: nichts.“ Ein Fremder im eigenen Körper, unbehaust und verloren. Der Spiegel ist leer. „Ich habe geträumt, dass ich schlafe und träume, dass ich schlafe.“ Der Schrecken der Träume besteht aus ihrer Wirklichkeit.

Johannes Weinberger findet für diese Erfahrung einer immer stärker ins Phantasmagorische driftenden Realität eine überbordend surreale, bildverrückte Sprache. Aus 67 Prosaminiaturen komponiert er einen Roman voller grotesk-komischer Dialoge, gewalttätiger Momente und zärtlicher Gesten. Und zieht für uns, seine Leser, „die klebrigen Fäden des Glücks aus seinen Wimpern“.

Martina Wunderer
28. Juni 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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