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Daniela Ellmauer: Geduldet, geschmäht, vertrieben.

Salzburger Juden erzählen.
Salzburg, Wien: Müller, 1998.
288 S., geb.; öS 298.-.
ISBN 3-7013-0975-2.

Link zur Leseprobe

Die jüdische Gemeinde war in Salzburg nie besonders groß. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Politik: Vor 500 Jahren, 1498, wurden Juden brutal aus Salzburg vertrieben und mit einem Aufenthaltsverbot im gesamten Erzstift Salzburg belegt. Erst mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 wurden alle konfessionell begründeten Aufenthaltsverbote aufgehoben, und so konnte sich Albert Pollak als erster Salzburger Jude in dieser Stadt niederlassen.

Allerdings konnte sich der Liberalismus in Salzburg nur vorübergehend etablieren. Nach dem ersten Weltkrieg, besonders anläßlich des Wahlkampfes 1918/19, wurden in der vielgelesenen "Salzburger Chronik" zahlreiche antisemitische Hetzartikel publiziert. Krieg, Wirtschaftselend, Hunger und Schwarzmarkt: "Die Juden" wurden dafür verantwortlich gemacht. Das war ein billiger Trick, da eine Gruppe, die nie mehr als 0,1 (!) % der Gesamtbevölkerung ausmachte, als Wählerstimmen vernachlässigbar gering war und so als Projektionsfläche für Ängste der Bevölkerung mißbraucht werden konnte.
Viele Salzburger waren einfältig genug, auf die Hetzkampagnen hereinzufallen, und so gab es bereits Anfang der 20er Jahre Sommerfrische-Orte, die sich als "judenrein" deklarierten. Sämtliche bürgerliche, ursprünglich liberale Vereine, wie der Deutsche Schulverein, der Salzburger Turnverein, der Österreichische Alpenverein u. v. a. m. schlossen spätestens nach dem ersten Weltkrieg die wenigen jüdischen Mitglieder aus.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging in Österreich alles sehr schnell: selbst diejenigen, die sofort flüchten wollten, hatten massive Schwierigkeiten, da sämtliche Nachbarländer ihre Grenzen für Juden geschlossen hatten. "Walter Schwarz bemühte sich bereits am 12. März [1938, Anm. P. R.] vergeblich, aus Österreich zu entkommen; er scheiterte dabei sowohl an der schweizerischen als auch an der tschechischen Grenze und wurde beim Versuch, nach Italien zu flüchten, verhaftet. Gerüchten zufolge soll er sich später nach langen Verhören in München im Polizeigefängnis erhängt haben." (S. 19)

1993 luden Stadt und Land Salzburg ihre ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu einem Treffen. So ergab sich die Möglichkeit zahlreicher Gespräche und Interviews. Der vorliegende Band enthält die Lebensschilderungen der Familien Sporer-Pollak, Herz, Karplus, Fürst, Meyer, Jacoby, Bonyhadi, Fox, Berkowitz, Pasch, Plattner-Kohn, Liebermann-Margulies, Reichenthal-Gerstenfeld, Robbins-Neuwirt, Ornstein und Schwarz.

Die Lebensberichte fokussieren sich zwar um Salzburg, handeln aber auch in Linz oder Wien bzw. von den Erfahrungen im Exil.

So etwa berichtet Käthe Sporer, geb. Pollak, von ihrer behüteten Kindheit, den Geschwistern, Schlittenfahrten, eingehüllt in eine dicke Pelzdecke, Schwimmausflüge mit der Gouvernante und von einem überstürzten Umzug: Graf Überacker hatte Herrn Pollak die 20-Zimmer-Wohnung in seinem Palais am Markartplatz gekündigt, "weil er keine Juden mehr im Haus haben wollte". Den Sporers gelang 1941 mit Hilfe ihrer Kinder, die bereits ausgewandert waren, die Flucht nach Amerika.

Oder Erna Karplus, die Tochter von Käthe und Hermann Sporer, die ihre Tanzausbildung in Paris absolvierte, anschließend als Turnlehrerin arbeitete und später in New York und Boston ihr renommiertes Tanzstudio "Studio Sporer" gründete. Zu ihren Schülern zählte auch Helena Rubinstein, deren Schwester sie bereits in Paris unterrichtet hatte.

Auch Irene Fürst, geb. Grün, emigrierte mit ihrem Mann nach Amerika, wo sie sich sehr gut akklimatisieren konnte. Heute fühlt sie sich als Amerikanerin und meidet jeden Kontakt zu Salzburg: "Salzburg bedeutet mir nichts mehr. Ich habe es so geliebt, aber das ist vorbei. Ich war nach dem Krieg in Europa, aber nie mehr in Salzburg. Ich konnte einfach nicht, ich hatte Angst, daß ich jemanden umbringen könnte. Ich habe den Vorhang zugemacht und ihn nie mehr geöffnet." (S. 70)

Hans Pasch dagegen kam gleich nach dem Krieg wieder nach Österreich. Er besuchte jeden Sommer Europa und auch Österreich, aber wohnen wollte auch er nicht mehr hier. Die Familie Pasch hatte eine Schuhgeschäft-Kette. Das Unternehmen wurde auch für heutige Begriffe sehr progressiv geführt: Firmenlogos, ungewöhnliche Einrichtung des Geschäftslokals und der Schaufenster, Verkäuferinnen, die im Sinne einer Corporate Identity gekleidet waren, und ein höflicher aber nicht untertäniger Umgang mit den Kunden. Pasch war von Jugend an ein kämpferischer Mensch. Notfalls stellte er sich einer Rauferei, um zu beweisen, daß auch ein Jude kräftig austeilen kann und sich nichts gefallen läßt.

Einige wenige Beispiele aus insgesamt 16 Lebensschilderungen. Die anfangs erwähnten Zusammenhänge werden durch die erinnerten Details weit anschaulicher erzählt, als sämtliche trockene Fakten und Zahlen dies vermitteln können. Überzeugen Sie sich in der Leseprobe, oder lesen Sie das Buch!

Petra Rainer
8. Juli 1998

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