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Primus-Heinz Kucher, Julia Bertschik (Hg.): „baustelle kultur“

Diskurslagen in der österreichischen Literatur
1918 - 1933/38.
Bielefeld: Aisthesis 2011.
495 S.; brosch.; 49,40 Eur[A]
ISBN: 978-3-89528-837-1.

Wenn nach dem berühmten Diktum von Walter Benjamin Paris die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ war, so ließe sich dieses Attribut für die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts problemlos auf Berlin übertragen: Keine andere europäische Metropole konnte während der Zwischenkriegszeit, oder doch zumindest bis zu epochalen Zäsur von 1933, mit Berlin Schritt halten, wenn es um Urbanität und Großstadtkultur, um Moderne und Modernität ging. Bekanntermaßen war Berlin nach dem Novemberumsturz von 1918 und dem Ende der Inflation politisch für ein halbes Jahrzehnt halbwegs zur Ruhe gekommen. Es entfaltete in Kultur und Kunst, in Literatur, Film, Theater und Musik ein unglaubliches Potenzial, was europäische Berlin-Reisende, wie ihre Berichte zeigen, immer wieder in helles Erstaunen und nicht selten auch in Entzücken versetzte. Das gilt nicht zuletzt auch für jene republikanische ‚Zerstreuungskultur‘, die wie nie zuvor die Massen erreichen sollte und auch erreicht hat.

Aber wenn das Berlin dieser Jahre zweifellos Kulturhauptstadt Europas war und seine dominante Rolle im besonderen gerade auch für die Literatur gilt, so sollten darüber weder die Leistungen der vielgeschmähten Provinz – Alfred Döblin spottete in diesem Zusammenhang über das „total platte Land“ – noch die Leistungen anderer deutschsprachiger Metropolen und Regionen aus dem Blick geraten. Sicher hat die Metropole Berlin unglaublich viele künstlerische Potenzen magnetisch an sich gezogen, an sich gebunden und absorbiert, was in der Forschung ja auch unstrittig ist. Aber es scheint überfällig, andere Felder der deutschsprachigen Literatur dieser Zeit genauer oder erneut in den Blick zu nehmen – so auch Wien und das Österreich der Zwanziger Jahre.

Dies tut der vorliegende Band. Er ist aus einer Tagung des FWF-Projektes „Moderne und Antimoderne. Literatur und Kultur der österreichischen Zwischenkriegszeit 1918-1938“ hervorgegangen und stützt sich zudem auf weitere Forschungen eben dieses Projekts, aus dessen Kreis sich rund ein Drittel der 21 Autorinnen und Autoren des Bandes rekrutieren.

Das vom Klagenfurter Literaturwissenschaftler Heinz-Primus Kucher geleitete Forschungsvorhaben konnte bei der vorliegenden Aufsatzsammlung auf einen bereits 2007 publizierten Kongress-Band zum Thema „Literatur und Kultur im Österreich der Zwanziger Jahre“ zurückgreifen, der, so der Untertitel, „Vorschläge zu einem interdisziplinären Epochenprofil“ unterbreitete (erschienen im Bielefelder Aisthesis-Verlag). Ein solches interdisziplinäres Epochenprofil bietet nun der jetzt vorgelegte umfangreiche Band, der sich programmatisch – so der Untertitel – mit „Diskurslagen in der österreichischen Literatur“ im genannten Zeitraum befasst.

Ausgangspunkt ist die oben angedeutete Frage nach der Relation bzw. den Differenzen zwischen Wien und Berlin und deren gängige literatur- bzw. kulturhistorische Festschreibung nach dem Schema: „Wien bilanziert die Epoche, Berlin erfasst die Gegenwart“, wie Sabina Becker in ihrem Eröffnungsbeitrag über „Topografien der Moderne“ (S. 29-45, hier S. 45) resümiert. Sicher, so heißt es in den einleitenden Überlegungen „Baustelle/Laboratorium Kultur“ der Herausgeber Heinz-Primus Kucher und Julia Bertschik, „wurden in Wien und Österreich kulturell-ästhetische Debatten zwar weniger pointiert, im retrospektiven Blick vielleicht verhaltener im öffentlichen Raum ausgetragen und nicht selten nach Berlin ausgelagert“ (S. 9-26, hier S. 11). Aber es wird mit Recht hervorgehoben, dass die in Berlin agierenden österreichischen Autoren und Autorinnen ja durchaus „an der als zeitaktueller, moderner wahrgenommenen Berliner Kultur nicht nur partizipiert“ haben, sondern dass sie – „oft unterschätzt“ – diese „an exponierten, sichtbaren Stellen und Institutionen mit geprägt“ haben. Und dies habe wiederum „auch in Wien und der österreichischen Kultur jener Jahre Spuren hinterlassen, Diskussionen ausgelöst und zu produktiven Interferenzen geführt.“ (S. 15) Produktive Interferenzen: Das ist der eine Bereich, der herausgearbeitet wird, wobei für das Theater auf Arnolt Bronnen und Ferdinand Bruckner und für die Publizistik auf Stefan Großmann verwiesen wird, es gibt zahlreiche weitere derartige Konstellationen – Vicki Baum als Ullstein-Star, Georg Fröschel in Berlin und Wien, Joseph Roth sowieso. Gelegentlich wäre aber hier und anderswo doch eine genauere Bestimmung hilfreich, nach welchen Kriterien nun ein Autor oder eine Autorin zum Textkorpus des Projektes gerechnet wird.

Der andere Bereich aber ist noch gewichtiger: Er widmet sich der „weitgehend verdrängten oder bagatellisierten Kultur der 1920er Jahre“ in Österreich (S. 13). Bereits die Wiederentdeckung von so bedeutenden Autorinnen wie Veza Canetti und Mela Hartwig seit den 1990er Jahren hat ja gezeigt, dass es eine schiefe oder selektive Optik war, die die Literaturwissenschaft gegenüber bestimmten Werken oder Autoren (und Autorinnen vor allem) blind machte. Und es ist nun genuines Ziel des Bandes und des ihm zugrundeliegenden Forschungsprojekts, gerade hier Schneisen zu schlagen durch neue Materialien und neue Perspektiven. Das gilt vor allem für den Ansatz, die gerade in Zeitungen und vor allem Zeitschriften ausgetragenen Diskussionen und Kontroversen zu erschließen und überhaupt journalistische Arbeiten ebenso wie das literarische ‚kleine‘ Feuilleton ernst zu nehmen und auszuwerten. Denn nicht nur findet sich in der Tagespresse wie in den Kultur-und Literaturzeitschriften eine Fülle häufig unbekannter oder nicht berücksichtigter Texte und Autoren – gerade auch die zeitgenössischen Diskurse lassen sich bekanntermaßen am ehesten anhand dieser Medien rekonstruieren. Und im Falle der österreichischen Szene ist es in dieser Hinsicht mit dem Hinweis auf die Fackel allein eben nicht getan. So widmen sich Projekt und Sammelband der Auswertung von Periodika wie die Arbeiter-Zeitung, die Neue Freie Presse, das Neue Wiener Journal, der Tag, aber auch einer Monatsschrift wie die Radiowelt. Dabei hätte vielleicht die KPÖ-Presse stärker mit einbezogen werden können. Auch der Blick auf Berliner Periodika zeigt nicht selten einen spezifisch österreichischen Anteil wie im Tage-Buch, der Dame, dem Uhu, dem Querschnitt. Eine Fülle von Autoren sind dabei berücksichtigt, neben den bereits genannten von Raoul Auernheimer über Hugo Bettauer, Oskar M. Fontana und Arnold Höllriegel bis Leo Lania, Hans Natonek, Ea von Allesch, Marta Karlweis, Berta Pauli, Alfred Polgar, Roda Roda, Fritz Rosenfeld und Bertold Viertel und anderen. Es ist dies ein Quellen-Fundus, der wie auch immer im Einzelnen verarbeitet, eine zentrale Basis dieses Bandes ausmacht.

Seine Einzelbeiträge sind in sechs Rubriken eingeteilt. Über sie kann hier nicht en detail referiert werden, es sollen aber doch Hinweise gegeben werden. Nach dem Kapitel „Potenziale und Diskurse“ (der genannte Eröffnungsbeitrag und ein weiterer zur Psychoanalyse von Bettina Rabelhofer) geht es um „Umbruch-Aufbruch 1918-1920, also um die unmittelbare Nachkriegphase (mit Beiträgen von Wolfgang Straub, Sabine Zelger, Gabriella Pelloni). Ein auch für die Weimarer Entwicklung zentrales Feld decken die beiden Beiträge des 3. Kapitels über „Amerika – Diskurse im literarisch-publizistischen Feld“ ab (von Rebecca Unterberger und Marcus Gräser), wobei man sich vielleicht doch ein korrespondierendes Kapitel auch über die österreichischen Russland-Reisen dieser Zeit gewünscht hätte.

Das mit fünf Beiträgen und einer Fülle von Abbildungen (S. 289-306) eines der umfangreichsten Kapitel des Bandes widmet sich dem Thema „Alltagskultur, Geschlechterrollen & literarisch-feuilletonistische Positionierungen“ (mit Beiträgen von Peter C. Pohl, Christian Räsack, Elisabeth Debazi, Christa Gürtler, Katja Kernjak). Hier werden die Themen Sport, Ehe, Geschlechterrollen, Mode, Prostitution anhand unterschiedlicher Medien und Autoren bzw. Autorinnen untersucht. Von „Medialisierungserfahrungen – Medialisierungsreflexionen“ handelt der 5. Teil, in dem es um Kommunikation, Reklame, Radio-Literatur und Medienromane geht (mit Beiträgen von Evelyne Polt-Heinzl, Julia Bertschik, Primus-Heinz Kucher). Das umfangreiche Schlusskapitel versammelt sechs Beiträge zum Thema „Zeiterfahrung und ästhetisch-kulturelle Strategien“ (mit Beiträgen von Jürgen Egyptien, Hermann Dorowin, Ernst-Ulrich Pinkert, Peter Höyng, Veronika Hofeneder, Donald D. Daviau). Hierbei geht es um einzelne Autoren wie Ernst Fischer, Alfred Polgar, Gina Kaus und Raoul Auernheimer sowie um Werke von Schnitzler und Bettauer.

Wie bereits angedeutet, basieren viele der Beiträge auf der Auswertung von Periodika, was ihre Besonderheit ausmacht und der Forschung neues Material erschließt. Es geht um neue Bewertungen, neue Akzente, es sind neue Blicke, die auf bekanntes und immer auch auf bisher nicht bekanntes oder einfach nicht beachtetes Material gerichtet werden. Für viele dieser Arbeiten könnte gelten, was Primus-Heinz Kucher am Schluss seines Beitrages über den österreichischen Medien-Diskurs schreibt: „dass die Debatte selbst viel facettenreicher und in den Ansätzen durchaus wegweisender war, als dies gängige Darstellungen über das Verhältnis von Literatur und Medienwelt in den österreichischen Zwischenkriegszeit bisher dargelegt haben.“ (S. 349-374, S. 374)

Ähnliches ließe sich, um ein Bespiel zu skizzieren, auch für die Frage nach der Neuen Sachlichkeit festhalten. Während nach gängiger Auffassung die Leistung des österreichischen Roman der Zwischenkriegszeit vor allem im hochliterarischen Reflexionsroman und dem ‚essayistischen Schreiben‘ à la Musil und Broch liegt und gemäß dem Bilanzierungs-Diktum der eher tagesbezogene, gebrauchsorientierte, womöglich reportagehafte Roman in Wien keine Chance hatte, so ist wohl auch hier nun zu differenzieren. Für die Neue Sachlichkeit dürfte etwa gelten, was Julia Bertschik als ein Ergebnis ihres Beitrages (S. 331-348) formuliert hat: „Wie die Analyse von Großmanns Tage-Buch zeigt, besteht aber gerade in einer so paradoxerweise auratisierten Form neusachlicher Gebrauchsästhetik und Unterhaltungskultur im Feld simulierter (Reklame )Welten der spezifische Beitrag von ästhetizistisch vorgeprägten Wiener Autoren im Berlin der Zwischenkriegszeit. Diese österreichische Variante der Neuen Sachlichkeit stellt sich weniger als eine – laut Sabina Becker – der Realität als vielmehr der erkenntniskritischen Wahrnehmung von Realität verpflichtete Ästhetik dar.“ (S. 346)

Es ist ersichtlich, wie differenziert das geläufige Berlin/Wien-Relation auf den Prüfstand gestellt wird, sie wird modifiziert und partiell umformuliert. Angesichts der hier vorgelegten Forschungen ist das eingangs zitierte Diktum vom allein bilanzierenden Wien gewiss ad acta zu legen. Deshalb muß nun aber nicht die Literaturgeschichte völlig umgeschrieben werden. Aber das Klischee vom allein bilanzierenden und bewahrenden Wien auf der einen und vom progressiven und gegenwärtigen und immer aktuellen Berlin ist zu verabschieden. Gleich mehrmals wird in diesem Sammelband die Metapher vom „Laboratorium Vielseitigkeit“ zitiert, mit der Walter Benjamin einst einen Aspekt der Weimarer Literatur umriss (S. 9, S. 29, S. 45), auch Musil greift einmal die „Laboratorium“-Metapher auf (S. 26). Damit und mit der von den Herausgebern hinzugenommen Rede von der „Baustelle“ Kultur ist in der Tat ein angemessener Zugriff auf das ermöglicht, was im Berlin und Wien der Zwischenkriegszeit oder genauer: bis 1933 bzw. 1938 im kulturell-literarischen Bereich geleistet wurde.

Man vermisst bei dieser umfänglichen Aufsatzsammlung, die mit ihrem rund 500 Seiten schon fast Handbuchcharakter aufweist, ein Personenregister, das den Gebrauchswert des Buchs deutlich erhöht hätte. Vor allem aber wünscht man sich nach der Lektüre dieses Bandes vom Klagenfurter Forschungsprojekt „Moderne und Antimoderne“ Folgendes: Es möge seinen Textpool, aus dem diese Beiträge so üppig schöpfen, baldmöglichst der Öffentlichkeit zugänglich machen. Denn die diesbezüglichen vorliegenden Textsammlungen, so vor allem die bewährte Sammlung Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933 (Hrsg. Anton Kaes. Stuttgart: Metzler, 1983) bieten angesichts der bisher stark auf die Weimarer Republik zentrierten Forschungslage eher wenig Material zur österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit. Eine umfängliche Präsentation dieser nun neu erschlossenen Quellen, die z.T. ja auch neu gehobene Schätze sind, wäre ebenso wünschenswert wie nötig.

Walter Fähnders (Osnabrück)
29. August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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