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El Awadalla: dort und da – oder: wie klein die welt ist.

Klagenfurt: Sisyphus Verlag, 2011.
156 Seiten, broschiert, Euro 12,90.
ISBN: 978-3-901960-53-6.

Link zur Leseprobe

amadou meint, photographieren ginge viel schneller als schreiben. photos kannst du herzeigen aber wer liest schon. ich habe keine kamera mitgenommen, werde keine photos oder filme zeigen können. [...] auf die kamera verzichte ich, weil ich erzählen und zuhören für wichtiger halte als bilder anschauen. ich werde mir bilder merken müssen, die farben der kleider, die größe der bäume, den dreck der stadt.

El Awadalla gelingt es nicht nur, sich die Bilder einzuprägen. Es gelingt ihr auch, sie dem Leser näherzubringen – authentisch, leuchtend, lebendig.
In ihrem Roman „Dort und Da - Oder: Wie klein die Welt ist“ beschreibt sie eine Reise in den Senegal, die eine Frau mit ihrem Kind Samir unternimmt. Sie reist nach Dakar, später dann in die Dörfer im Hinterland. Begleitet wird sie von Landing, einem einheimischen Mann, der für Geld den Gästen das Land zeigt, das sie sehen wollen. Für eine syrische Basketballmannschaft organisiert er ein Ziegen-Festessen, deutschen Männern besorgt er Prostituierte. Und der Protagonistin – von den Ansässigen wird sie Madame Toubab (= Weiße Frau) genannt – zeigt er das wahre Land. Er führt sie in Dörfer und in Lokale, wo Frauen Erdnüsse rösten und es Kaffee mit gesüßter Milch gibt.

Es sind schöne Bilder, die El Awadalla erzeugt: Saftige Kokosnüsse, frisch aufgeschnittene Ananas. Auch lustige Bilder, wenn etwa der österreichische Reiseleiter mit Förstervollbart und Lederhose die All Inclusive-Club-Touristen am Flughafen abholt.
Und natürlich sammelt die Reisende auch triste Eindrücke: Dürre Kühe, bloßfüßige Kinder, Fernseher, die von Autobatterien betrieben werden, scharfrandige Metalldosen statt Trinkgläser.

sie [die männer] fragen nach meinen eindrücken vom senegal. ich sei entsetzt über die armut hier. sie lachen, ob ich das nicht gewußt hätte. ich wußte bescheid über die armut, wußte nur nicht, wie diese armut aussieht, wie ihre nähe, ihre alltägliche anwesenheit wirkt.

El Awadalla, die Afrikanistik studiert hat, beschreibt den Alltag mit Worten viel besser als jedes Foto ihn zeigen könnte.
Und damit erreicht die Autorin genau das, was Literatur mitunter schaffen soll: Sie entführt den Leser in andere, neue Welten. In modernen Zeiten sind Abenteuergeschichten dieser Art selten. Selbst Jules Vernes‘ „In 80 Tagen um die Welt“ hat an Sogkraft verloren in Zeiten, in denen ein Around the World-Ticket für viele erschwinglich geworden ist. Aber in den Senegal oder nach Mali reist man nicht so schnell. Aus Angst. Oder wegen der Vorurteile.

„Dort und Da“ ist als Titel dieses Buchs mehr als passend. Immer wieder zieht die Autorin, Jahrgang 1956, Vergleiche zwischen dem Burgenland, wo sie aufwuchs, und dem Leben im Senegal. Sie überrascht dabei mit erstaunlich vielen Parallelen – denn in kleinen Dörfern, egal, wo auf der Welt sie liegen, ticken die Menschen ähnlich. Die Sehnsüchte sind die gleichen, mit dem Unterschied, dass sie in Europa oft gestillt werden. Im Senegal nicht.
Zudem hat El Awadalla zwei Zeitebenen verwoben: Während die Reise vor 20 Jahren angesiedelt ist, schildern eingeschobene Absätze, was zwei Jahrzehnte später – heute – passiert sein wird.
El Awadalla erhebt in ihrem Roman nicht besserwisserisch den Zeigefinger. Sie schreibt eher wie eine objektive, neugierige Reisejournalistin und wechselt dabei zwischen Gesellschaftskritik und humorvollen Alltagsbetrachtungen. Auf eine angenehm nüchterne Weise versucht sie, mit Vorurteilen zu brechen. Es gelingt ihr meist, wenngleich sie stellenweise zu moralisch wird: Etwa als die Protagonistin ihre Handtasche verliert, sie am Flughafen wiederfindet, ohne dass ein Cent oder sonstiger Inhalt fehlt. Dort (im Senegal) wie da (in Österreich) wird diese Aufrichtigkeit selten sein. Aber natürlich: Sie kann sein.

Dieser Roman ist wie ein Abenteuer an einem Tag. Die 156 Seiten sind schnell zu lesen, wenn man sich auf die konsequente Klein- und alte Rechtschreibung einlässt.
El Awadallas Sprache ist flüssig, gespickt mit österreichischen Dialektausdrücken (sie ist Präsidentin der österreichischen DialektautorInnen). So sitzt die Reisende etwa unter dem baobab (=Affenbrotbaum), isst Fleischlaberl, während eine Frau vor dem Feuer wachelt. Diese Sprachmischung aus Österreichischem und Wolof, der Sprache im Senegal, sorgt für eine besondere Nähe zwischen den zwei doch so fernen Handlungsorten.

Emily Walton
29. August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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