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Leseprobe: Alfred J. Noll - Kannitz

Die Ernsthaftigkeit, mit der Doktor Hoffer mir antwortete, machte großen Eindruck auf mich. Mehr als der Inhalt seiner Rede, von der ich nicht sehr viel behielt, überzeugte mich sein Tonfall. Er war frei von jeglicher Gehässigkeit, aber auch ohne jedes Selbstmitleid. Seit diesem Gespräch war das ganze Thema für mich erledigt. Für die Lektüre der Erzählung von Joseph Roth fand ich keine Gelegenheit.
Ansonsten hatte ich mit Doktor Hoffer keinen persönlichen Umgang. Stets war er höflich und gut aufgelegt. Hin und wieder erzählte er von Begebenheiten des beruflichen oder des gesellschaftlichen Lebens, selten lud er mich ein, in seinem Büro ein Glas Cognac mit ihm zu trinken. Doktor Hoffer war beschäftigt, er bereiste das Ausland, hatte dem Vernehmen nach viele Kontakte und war allgemein als eine gewichtige Person des öffentlichen Lebens anerkannt.
Ende des Jahres 1937 erhielt ich gegen Mittag einen Anruf aus seiner Kanzlei. Doktor Hoffer selbst war am Apparat. Ich möge mich ohne unnötigen Aufschub in den Heinrichshof begeben, es sei dringlich, er brauche mich. Ein derartiger Anruf verwunderte mich. Es war unüblich, dass mich Doktor Hoffer auf diese Art kontaktierte. Der Ton seines Anrufes verbat jede Nachfrage, worum es sich handle. Ich musste mich ungesäumt auf den Weg in die Kanzlei machen.
Ich ging also von der Elisabethstraße in den unweit gelegenen Heinrichshof und wurde von Doktor Hoffer mit dem Ansinnen überrascht, alle seine Vermögenswerte zu übernehmen – er würde Österreich gemeinsam mit seiner Frau verlassen, ich solle als Treuhänder sein Vermögen bis zu seiner Rückkehr verwahren. Doktor Hoffer gab mir für seine Absichten nur kusorische Gründe bekannt. Die politische Situation sei hoffnungslos, in Deutschland habe man sich darangemacht, zur allgemeinen Judenverfolgung aufzurufen, seine Frau, eine Engländerin, käme mit den österreichischen Verhältnissen nicht zurecht. Ich konnte die Gründe nicht nachvollziehen, Doktor Hoffer schien mir überspannt.
Wie sehr ich auch versuchte, dem ausdrücklichen Wunsch von Doktor Hoffer entgegenzutreten, er behielt die Oberhand und verwies auf die Geringfügigkeit er von mir zu übernehmenden Aufgabe. Also willigte ich ein. Alle Dokumente waren zur Unterschrift vorbereitet. Die einzige Ausfertigung des zwischen mir und Doktor Hoffer geschlossenen Treuhandvertrages nahm Doktor Hoffer an sich. „Sie werden das nicht brauchen. Es könnte zu Unannehmlichkeiten führen, wenn man dieses Schriftstück bei Ihnen findet“, meinte er lakonisch.
Tatsächlich erfolgte die Abreise von Doktor Hoffer noch im Jahre 1937, und so musste er den Einmarsch der Deutschen kurz darauf nicht mehr erleben. Ich selbst konnte nicht daran vorbei, den Jubel der Wiener und deren freudige Aufgeregtheit zu bemerken, wiewohl ich mich meist zu Hause aufhielt. Es gab so viele Gerüchte, dass ich nicht beurteilen konnte, was an den dem Einmarsch folgenden Geschehnissen wahr und was daran erdichtet war. Ich selbst wurde von niemandem behelligt. Auch hierin behielt Doktor Hoffer recht, niemand kümmerte sich um das mir anvertraute Vermögen.

(S. 116 ff)

© 2011 Czernin Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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