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Henze, Eyk; Zeckert, Patricia F. (Hg.): Flachware.

Fußnoten der Leipziger Buchwissenschaft.
1. Ausgabe 2009/2010.
Leipzig: Plöttner 2010.
281 S.; brosch.; m. Abb.; Euro 14,90.
ISBN 978-3-938442-99-9.

Der Titel dieses neuen „buchwissenschaftlichen Almanachs“ (S. 9) ist eine raffinierte Wahl. Flachware ist sozusagen der Inbegriff all dessen, was Literaturausstellungen langweilig macht, alles liegt mehr oder minder flach in der Vitrine: Zettel, Fotos, Bücher. Für Ausstellungsgestalter ist freilich genau das die Herausforderung: Man braucht mehr Phantasie und Ideen, um daraus trotzdem ansprechende Ausstellungskonzepte zu entwickeln. Und der „Flachwaren“-Aspekt legt sich aktuell gewissermaßen über das Gesamt der Buchkultur. Was nicht in neuen medialen Formen vorliegt bzw. mit ihnen arbeitet, landet rasch im verschnarchten „Flachwaren“-Eck. Herausgegeben wird das neue Jahrbuch von der „Leipziger Buchwissenschaft“ und damit kommt eine dritte Problematik hinzu: Leipziger Buchmesse ja, aber Leipziger DDR-Vergangenheit, wen interessiert das außerhalb von Leipzig oder vielleicht noch den „neuen“ Bundesländern?

Die erste Ausgabe von „Flachware. Fußnoten der Leipziger Buchwissenschaft“ legt einen fast 300 Seiten starken Beweis vor, dass es buchkulturell wie gesellschaftspolitisch spannend ist, sich damit zu beschäftigen. Die 20 Beiträge sind breit gestreut. Das sagt sich leicht bei einem Sammelband, trifft hier aber hier in einem besonderen Maße zu. Das zeigen schon die fünf großen Kapiteleinteilungen: „Preisträger“ enthält Arbeiten, die mit dem seit 2005 vergebenen Förderpreis Buchwissenschaften ausgezeichnet wurden, „Zeitreise“ bringt buchhistorische Aufsätze, „Dokumentation“ – ein besonders spannendes Kapitel – versucht das radikale Vergessen und den Traditionsbruch der Buch-, Lese- und Schreibkultur der DDR aufzubrechen, „Kuriosa“ bringt unterschiedlichste Miszellen und „Perspektiven“ wendet sich der Buchkultur in Zeiten des Web2.0 zu. Die drei Beiträge dieses letzten Kapitels sind es nicht unbedingt, die den Band empfehlenswert machen. Das hat mit einem prinzipiellen Problem im Verhältnis Buchkultur/neue Medien zu tun. Wer von Pol eins herkommt, verwendet oft eine beschwörende Diktion, dass der (buch)kulturelle Weltuntergang doch nicht bevorstehe, und man wird mitunter den Verdacht nicht los, dass die Schreibenden vor allem sich selber überzeugen wollen. Wer von Pol zwei herkommt wiederum denkt selten in historischen Dimensionen und das fürht zu eigenwilligen Einschätzungen. Keine Frage, dass neue Kleinverlage wie Blumenbar oder Kookbooks und viele andere dank geschickter Nutzung neuer (medialer) Kommunikationsstrukturen einen erfolgreichen Start hingelegt und neue Impulse eingebracht haben. Doch das unterscheidet sie nur in den zur Verfügung stehenden medialen Möglichkeiten von der regen Klein- oder Privatverlagsszene der 1970er und 1980er Jahre. Auch damals entstanden Verlags- oder auch Zeitschriftenprojekte immer aus einem aktiven und engagierten literarischen „Netzwerk“ heraus, auch wenn sich die Community damals anderer Verständigungsformen bediente, setzte sie sich genauso mit Events (ante litteram) in Szene und orgnanisierte Feste, Vernissagen, Gruppenlesungen. Davon erfuhr man nicht via facebook sondern per hektographiertem Handzettel oder Telefonanruf. Aber das ist eben nur ein medialer, kein prinzipieller Unterschied – so wie die Hersteller von Zahnprotesenreinigern heute nicht mehr nur in der Pensionistenzeitung werben sondern auch auf den Webseiten von Altenbetreuungseinrichtungen.

Das ist freilich eine generelle Überlegung und kein Einwand gegen den vorliegenden Almanach, auch die drei „Perspektiven“-Beiträge sind hier durchaus anregend. Dringend empfohlen sei vielleicht der Beitrag von Julia Nositz und Linda Dietze über das Projekt der Rekonstruktion von Lebensgefühl aus den milllionenfach auf Mülldeponien landenden DDR-Büchern: eine großangelegte Sammelaktion und ein eigenes Methoden-Instrumentarium soll helfen, aus den Lesespuren in den Büchern aus privaten Haushalten Befunde über Stimmung, Befindlichkeiten und natürlich auch Leseverhalten zu destillieren. Spannend ist auch der Beitrag von Mildred Wagner über den Kinderbuchverlag Berlin bzw. dessen „Abwicklung“ in den Jahren 1989 bis 1992. Es ist ein seltenes Beispiel für eine derartige Spurensuche; dank des Bundesarchivgesetzes, das für alle Akten und Dokumente ab dem 2. 10. 1990 eine Sperre von 30 Jahren verhängt hat, wird frühestens ab 2020 sukzessive enthüllbar werden, wer hier vor wem datengeschützt wurde.

Historisch wie von der Tiefendimension her breit gestreut sind auch die Beiträge der Rubrik „Zeitreise“: Von einem allgemein einführenden Aufsatz Christine Kratzkes über mittelalterlichen Buchschmuck bis zur detaillierten Darstellung der Einbandgestaltung einer konkreten Buch-Werkstatt des frühen 16. Jahrhunderts (Thomas Thibault-Doring). Wiederum in die DDR-Vergangenheit führt das Kapitel „Dokumentation“, zum Beispiel anhand des Themas „Brigadetagebücher und der Bitterfelder Weg“. 83,4 Prozent der unter 24-Jährigen, so Konstantin Ulmer, verbinden mit den Begriffen absolut nichts mehr, obwohl 1989 bei der Übernahme der DDR nicht weniger als 310.000 schreibende Brigaden existierten. Das ist doch eine bemerkenswerte Zäsur. Dass der Beitrag über die Geschichte des Suhrkamp Verlages (Berthold Petzinna) im Kapitel „Kuriosa“ zusammen etwa mit einer Caprice über „Bibliothekare als Bücherdiebe“ (Lisa Merten) zu stehen kommt, hat vielleicht umgekehrt mit Wissenslücken über die westliche Buchgeschichte in den „neuen“ Bundesländern zu tun. Vielleicht wagt „Flachware“ Nummer zwei dann auch schon einen Blick ins deutschsprachige Ausland – die Buchhistorie als ein einigendes Band interpretierend. „Flachware“ Nummer eins jedenfalls hat sich als probates Mittel gegen die „Krise“ des Buches und vor allem gegen die vielleicht bedrohlichere Krise des Wissens gut eingeführt.

Evelyne Polt-Heinzl
29. August 2011

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