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Josef Haslinger: Jáchymov.

Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2011.
Gebunden; 270 Seiten; 20,60 Euro.
ISBN 978-3-10-030061-4.

Projektpartner: readme.cc - Neue Literatur aus Österreich

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Ohne Umschweife sei gesagt, Josef Haslingers Roman „Jáchymov“ gehört zu den bedrückendsten und gleichzeitig besten Büchern, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Überhaupt zählt Haslinger mit „Opernball“ und „Vaterspiel“ zu den großen österreichischen Erzählern (wobei ich, zum Beispiel, Kafka, Zweig, Musil und Canetti meine).
Jáchymov“ ist eine Dreiecksgeschichte. Die Ecken bilden – in einem gut konstruierten Spannungsverhältnis, das bis zur letzten Buchseite hält – Bohumil Modrý, Blanka Modra und Anselm Findeisen. Erstere sind historische Personen, letzterer eine Romanfigur, die der Autor für die Rahmengeschichte erfunden hat. Die real existierende Blanka Modra ist der Dreh- und Angelpunkt für den verstorbenen Vater und die fiktive Gestalt Anselm Findeisen. Für Findeisen hat Haslinger Anleihen aus der Wiener Literatursociety beziehungsweise –community genommen, wobei ich keine Mutmaßungen anstelle, aber behaupte, dass eine andere Figur mit wenigen Strichen den Autor selbst markieren soll. (Wer im Buch das Wort Kitsch gegen Ästhetik austauscht und weiterdenkt, kommt dem ehemaligen Zivildiener Haslinger auf die Spur.)

Der kränkelnde Wiener Kleinverleger Doktor Anselm Findeisen und die Tänzerin Blanka Modra begegnen einander zufällig. Findeisen sucht in einem alten Kurhotel in Jáchymov in Tschechien Heilung oder vielmehr Linderung seines Morbus Bechterew, ohne zu wissen, welcher Ort des Grauens dieser tschechische Stützpunkt ehemals war. „Dass Sie ausgerechnet dort Heilung finden, wo mein Vater krank gemacht wurde, ist schon seltsam.“ (S. 239.)
Die Tänzerin beginnt, ihm ihre Geschichte zu erzählen, beziehungsweise das Leben ihres Vaters, das sie immer begleitet hat. Als Tragödie. Der Vater Bohumil Modrý war Tormann der tschechoslowakischen Eishockey-Nationalmannschaft und seit den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Star. Er „war mit seiner Mannschaft Weltmeister, danach Olympiazweiter und dann wieder Weltmeister geworden. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen.“ (S. 61.)
Modrý hatte als Sportler alles erreicht, was man sich damals erkämpfen konnte. Und dennoch haben ihn die Erfolge am Eis nicht vor der Willkürherrschaft des kommunistischen Regimes geschützt.
„Die ganze Nationalmannschaft ist verhaftet worden.“ (S. 57.) Und warum: „Wer nach 1948 durch eigenständiges Denken auffiel, kam ins Gefängnis“ (S. 56), wie Eduard Goldstücker oder Václav Havel. Haslinger fragt natürlich, wie man „den Bestand dieses Staates vierzig Jahre lang … sichern“ konnte und meint, „mit Gefängnissen und Panzern“ (S. 82), sowieso „gab Stalin den Ton an. In ganz Osteuropa, außer in Jugoslawien“ (S. 120).
Bohumil Modrý muss es ergangen sein wie seinem weltbekannten und unglücklichen Landsmann Josef K., der das Leid allerdings nur als Romanfigur zu ertragen hatte. Modrý wurde verhaftet, in das Arbeitslager von Jáchymov deportiert und fünf Jahre unter den katastrophalsten Bedingungen gehalten wie ein Tier und noch viel schlechter.

Jáchymov liegt in einem Tal des Erzgebirges. Im dortigen Uranbergwerk musste der Weltmeister fünf Jahre seiner fünfzehnjährigen Haftstrafe, die er für nichts und wieder nichts erhalten hat, absitzen, bevor er amnestiert und als Todkranker entlassen wurde. „Von allen Spielern hatte er die höchste Strafe bekommen.“ (S. 58.) Und: „Die Kommunisten haben hier in Jáchymov zwölf Arbeitslager für Strafgefangene errichtet. Sie sahen genauso aus wie deutsche Konzentrationslager, mit Baracken, Stacheldraht, Strafbunkern, Appellplätzen und Wachtürmen. Als hätten sie die Pläne von den Nazis übernommen.“ (S. 55, 56.)
Auch bei den Foltermethoden waren sie auf teuflische Weise einfallsreich, als ob das Böse unendlich wäre. Erfüllte ein ohnehin geschwächter Gefangener nicht die „Arbeitsnorm“ (S. 241), wirkte sich das auf das karge Essen aus. „Als man ihnen die Essensrationen reduzierte, gab man ihnen zusätzlich noch Abführmittel in den Kaffee, um das Hungergefühl zu verstärken.“ (S. 198.)
Seiner Familie, nämlich seiner Frau Erika und der Tochter Blanka, die die Geschichte dem Verleger erzählt und ihm zuletzt als Manuskript übergibt, bleibt nichts anderes, als dem Ehemann und Vater beim elenden Sterben zuzusehen. „Er wurde immer weniger und weniger. Am Ende war sein Körper ohne Muskeln, nur noch Haut und Sehnen.“ (S. 267.) „Sein Gewebe war so verstrahlt, dass es sich langsam auflöste.“ (S. 268.)

Viel später erzählt diese Tochter Josef Haslinger alles und macht ihm die Prozessakten zugänglich. Auch erlaubt sie dem Autor, aus den Briefen des Vaters, die dieser aus dem Gefängnis nach Hause geschickt hat, zu zitieren. Weitere Quellen für den Roman sind Aussagen der Eishockey-Kollegen Bohumil Modrýs und viele eigene Nachforschungen Haslingers. Der Autor sagt im Nachwort zu seinem Buch ausdrücklich: „Die romanhafte Verarbeitung des Geschehens erhebt keinen Anspruch auf detailgenaue historische Darstellung.“ (S. 272.) Zu Blanka Modra vermerkt er: „Die Darstellung der Tochterfigur im Roman ist der literarischen Fiktion geschuldet.“ (S. 272.)

Der Roman beginnt denkwürdig mit einem Zitat Radka Denemarkovás, das der Autor dem Buch als Motto voranstellt: „Sie haben sich von der Räudigkeit der Nazis anstecken lassen, ohne sich dessen bewusst zu sein.“ (S. 5.) Josef Haslinger belegt diese Behauptung ein ganzes Buch lang und stellt die Stalin-Vasallen in das richtige Licht. Er beweist seine Geschichtskenntnisse. Der Roman ist neben allen anderen Verdiensten eine tour d’ horizon durch den gesamten Ostblock der Vierziger-, Fünfziger- und Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Erstaunlich ist jedoch nicht nur sein politisches Wissen, er brilliert auch im Sport dieser Jahre. Manchmal gelingt ihm eine glaubwürdige Synthese, wenn er über ein sportliches Ereignis notiert: „Der Sieg wurde in den Straßen von Prag gefeiert, als wäre es ein Sieg über Hitler gewesen.“ (S. 65.)

Gelungen sind, ich könnte sagen, selbstverständlich, auch die Schilderungen der Wiener Atmosphäre, „wo man gerne im Windschatten der Geschichte gelebt hat“. (S. 248.) Café Schwarzenberg, Elisabethstraße, Hotel Imperial, der Ring - die Orte wirken geradezu anheimelnd. Eigentlich ist dieses greifbare Ambiente das Ausgleichende oder Versöhnliche des Buchs.
Josef Haslingers Recherchearbeit für das Werk weckt Anerkennung und Respekt, zumal sie sich auf viele Gebiete, nicht nur die erwähnten, erstreckt, etwa auch auf das medizinische. Man könnte sagen, der Professor für literarische Ästhetik in Leipzig hat vorbildhaft gearbeitet.
Mit „Jáchymov“ hat Josef Haslinger das private Detail in das historische Ganze eingefügt und eindurcksvoll nachgezeichnet, mit welcher Wucht „die große Politik“ das kleine Glück oder große Unglück, die Tragödie, bestimmt. Die Erkenntnisse, die man aus dem Buch gewinnen kann, sind erschreckend. Auch heute. Besonders für das Heute.

Janko Ferk
31. August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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