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Peter Handke: Die Geschichte des Dragoljub Milanovic.

Salzburg und Wien: Jung und Jung 2011.
Geb; 37 S.; 9 Euro.
ISBN 978-3-902497-93-2.

Link zur Leseprobe

Und noch einmal über Jugoslawien. Peter Handke, seit langem in Frankreich lebend, nimmt sich in seinem neuen, sehr schmalen Buch der Geschichte eines Mannes an, der Opfer geworden ist: Dragoljub Milanovic war Chef des serbischen Radio- und Fernsehsenders RTS, als am 23. April 1999 nachts um zwei Uhr Nato-Bomben das Sendegebäude in der Belgrader Innenstadt getroffen haben. 16 Mitarbeiter fielen dem nächtlichen Bombenangriff zum Opfer, Milanovic hatte das Gebäude kurz zuvor verlassen.

Zwei Jahre später wurde Milanovic der Prozess gemacht, man warf ihm vor, „für seine ihm untergebenen Angestellten fahrlässig oder womöglich gar absichtlich, die nötigen Sicherheitsvorkehrungen versäumt zu haben“, so Handke. Milanovic hatte zuvor eine Anweisung erhalten, den Sender auszulagern.
„Diese Anweisung, ein Zettel ohne Herkunftssignatur, anonym, ohne Unterschrift, auch ohne die Unterschrift des Adressaten Milanovic, mit der dieser sämtliche Anweisungen der ihm übergeordneten Stelle in jenen Monaten zur Kenntnis genommen hatte, genügte dem Gericht für den Schuldspruch.“

Milanovic rechtfertigte die Nicht-Auslagerung des Senders damit, dass er sich nicht vorstellen konnte, „dass in unserem Land absichtlich ein ziviles Ziel bombardiert würde am Eingang des dritten Jahrtausends.“ Und: „Der Hauptgrund für unser pflichtschuldiges Ausharren am Arbeitsort war, dass wir in der Tiefe unseres Herzens an ein Minimum militärischer Ehre des Gegners geglaubt haben.“ Und ebendahin zielt auch die Kritik Handkes, schon in mehreren Texten formuliert, dass nämlich das Nato-Bombardement auf Jugoslawien mit seinen gut 2000 „zivilen Kollateralopfern“ unrechtens war. Zu zehn Jahren Haft wurde Milanovic 2002 verurteilt, mittlerweile läuft ein zweiter Prozess wegen „Begünstigung von Untergebenen“.

Zwei Mal hat Handke Milanovic im Gefängnis nahe der Provinzstadt Požarevac besucht. Er traf dabei auf einen kindlich wirkenden Mann, apathisch, melancholisch, der sich nichts mehr erhofft und für die Verantwortlichen seiner Gefangenschaft nichts als Verachtung empfindet. „Unvorstellbar, daß dieser Mensch, in der Epoche des Slobodan Miloševic oder wann, ein Mächtiger gewesen war.“, so Handke.

Wie immer in seinen Jugoslawien-Texten steht Handke auf Seiten der Opfer. Sein Text macht deutlich, dass die serbische Politik unter allen Umständen einen Schuldigen gesucht und in Milanovic ihren Sündenbock gefunden hat. Wer aber war Dragoljub Milanovic? Handke liefert keinerlei biografische Informationen, warum? Wann, unter welchen Umständen wurde Milanovic zum Chef von RTS? Wie war sein Verhältnis zur Macht? Zwei kurze Gespräche führte Handke mit dem Verurteilten. Reicht das, um die „Geschichte des Dragoljub Milanovic“ erzählen zu können? Nein, tut es leider nicht. Milanovic bleibt für den Leser ein weißes, unbeschriebenes Blatt, er wird sehr einseitig (was aber nicht heißt, dass Handke damit unrecht hat) als Opfer stilisiert und die beiden „Fernkrieger“ Blair und Clinton sehr einseitig (was aber wiederum nicht heißt, dass Handke damit unrecht hat) zu Tätern erklärt.

Peter Landerl
1. September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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