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Evelyn Schlag: Die große Freiheit des Ferenc Puskás.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2011.
240 Seiten; gebunden; Euro 19,40.
ISBN 978-3-552-05516-2.

 Link zur Leseprobe

Evelyn Schlag hat ihrem neuesten Roman einen Titel gegeben, der bereits mehrere Themen des Textes verrät: Freiheit, Fußball, Ungarn und seine Geschichte nach 1945. Die Autorin erzählt rund um das Thema Freiheit mehrere Geschichten, historische und fiktive, individuelle und kollektive, weibliche und männliche. Dabei wechselt sie Zeitebenen und Handlungsorte, erzählt nicht chronologisch, wechselt auch die Erzählperspektive. Denn diese bleibt ständig unklar zwischen Inneren Monologen und Figurenrede, die ohne Anführunszeichen rasch wieder in die auktoriale Erzählperspektive wechseln, welche die Handlung vorantreibt.
Die lyrischen Bewusstseinsströme der Figuren (die Autorin legte bezeichnenderweise bislang auch mehrere Lyrikbände vor) zeichnen ein künstlich verfremdetes „Deutsch als Fremdsprache“ nach, das anfangs ebenso irritiert wie die zahlreichen Vor- und Rückblenden. Beim Militär bedeutet
Blenden, einem Feind die Sicht zu nehmen, im Alltagsgebrauch ist man etwa von extremem Licht oder dem äußeren schönen Schein „geblendet“. Ersteres erlebt der Leser – er verliert rasch die Übersicht, orientiert sich an Jahreszahlen, die den Kapiteln vorangestellt sind, und ist gezwungen Nichterzähltes mit seinem Geschichtswissen auszufüllen. Den Figuren des Romans, ungarischen Flüchtlingen, passiert Zweiteres: Sie werden geblendet, in ihren Hoffnungen betrogen und enttäuscht. Was zur Frage führt: Wovon genau erzählt die Autorin in ihrem Roman von der großen Freiheit, den sie so kompliziert strukturiert?

Die Erzählung ist wie gesagt auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelt. Da ist das zentrale Jahr 1956, das Jahr des Ungarn-Aufstandes, das wir in Mosonmagyaróvár erleben, eine ungarisch-österreichische Grenzstadt, wo ein friedlicher Aufstand niedergeschlagen wird, und das Ehepaar Földes sich über die Grenze rettet – ins österreichische Wickendorf. Dort werden sie aufgenommen, von einem grundsätzlich den ungarischen Flüchtlingen gegenüber freundlichen Österreich, und finden Arbeit in einer Molkerei. Schon bald zeigt sich der Traum von der Freiheit im (seit kurzem „freien und neutralen“) Österreich als Illusion – das Ehepaar wird auf je eigene Weise ausgenutzt und gesellschaftlich gedemütigt – von Einzelnen, nicht mehr von einem Regime, aber immer noch systematisch und strukturell.
Der Vater, István, wird durch das nicht ausreichende Beherrschen der Sprache zum Gespött und ist ausgeschlossen aus Gesprächen und Gesellschaft, er arbeitet völlig überqualifiziert als Landarbeiter und verliert zunehmend die Lebensfreude und die Liebe seiner Frau. Diese, Etelka, wiederum wird zur Sekräterin des Direktors, der ihr als typischer Frauenheld nachstellt und sie in eine sexuelle Beziehung zwingt, die sie gleichzeitig mit großen Hoffnungen verbindet. Dies findet sich symbolisiert in den roten Schuhen – Symbole der Freiheit und des weiblichen (sexuellen) Selbstbewusstseis –, die die Figur immer wieder bewusst zu verschiedenen Anlässen anzieht. Aber auch diese Hoffnungen, die zudem ständige Zweifel, Ängste und Selbstdemütigung mit sich brachten, enden jäh, als der Direktor sich ein nächstes, wohl ebenfalls halbfreiwiliges Opfer sucht. Etelka bringt sich schließlich um. Zurück bleibt der Sohn, der „Ungarnbub“, jähzornig, aggressiv, mit „russischen Manieren“, wie es ihm Eltern seiner Mitschüler vorwerfen, mit großem Freiheitsdrang, sexueller Anziehungskraft, Fußballbegeisterung, und voller Wut auf die Sowjets wie auf die Österreicher, die ihn immer wieder zurückstoßen, nie ganz akzeptieren. Er wird später zur Hauptfigur, die auf den Spuren ihrer Jugend wandert, diese endlich zu verstehen versucht.
Das zentrale Jahr 1956 ist im Übrigen auch jenes, in dem Doderers
Dämonen erschienen, ein Text, der in einem anderen Strang des Romans als Lektüre einer Figur wieder auftaucht, und der etwa in einem Dialog die undankbare Aufgabe hat, einen überkonstruiert wirkenden intertextuellen Bezug (u.a. zum Selbstmord) herzustellen. Dass Doderer seinen Roman in bewusster Anlehnung an Dostojewskis Dämonen betitelte, wird zwar nicht konkret erwähnt, schließt aber den Kreis zurück zum thematisierten Russland. Generell dienen Intertexte der Autorin ein wenig plakativ dazu, Brücken zu schlagen. László liest Karl May und v.a. Sportartikel, um Deutsch zu lernen; Hier also kommen wir endlich zur Rolle des Fußballs in dieser Erzählung über Freiheit, in der Sport als Light-Version der Tagespolitik wie auch als „Deutsch als Fremdsprache“-Lehrmaterial fungiert. Nach dem Aufstand in Ungarn war der titelgebende Torschützenkönig Ferenc Puskás nicht nach Ungarn zurückgekehrt, was eine vom ungarischen Fußballverband durchgesetzte 18-monatige FIFA-Sperre nach sich zog. In Form eines von der Lehrerin gelobten Schulaufsatzes wird die Verehrung des Jungen für diesen Helden abgebildet. In charmant falschem, kaum verständlichen Deutsch erzählt er dessen Geschichte, verfolgt später in den Tageszeitungen dessen Karriere nach der wiedergewonnen „großen Freiheit“, als der Fußballer wieder – nun für Real Madrid – spielen darf.
Eine ähnliche Funktion haben auch weitere historisch-symbolische Ereignisse. So etwa die Lipizzaner und ein um deren Schicksal nach 1945 gestrickter amerikanischer Unterhaltungs-Propagandafilm aus Zeiten des Kalten Krieges, dessen Besuch die Autorin minutiös beschreibt, eine der reizenden Szenen des Buches, die aber seltsam unpolitisiert im Roman schweben bleibt. Diese Passage dient dann vielmehr dazu, Erinnerungen an Kino und Kindheitsliebe einer weiteren österreichischen Protagonistin, Katharina, mit dem Tod der Mutter von Laci zu verbinden. Unerwähnt bleiben problematische Tatsachen, dass etwa ein Teil dieses heute und einst mit großer kultureller Bedeutung aufgeladenen Pferdegestüts im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten aus dem slowenischen Lipice geraubt und nach Tschechien gebracht wurde, um gegen Ende des Krieges zwischen den Fronten amerikanischer und russischer Truppen zu landen. Die Amerikaner brachten schließlich in Zusammenarbeit mit deutschen Nazioffizieren die Pferde nach Oberösterreich, und hier kommt im Roman das oberösterreichische Wickendorf ins Spiel, wo Laci die Lipizzaner antrifft. Diese werden vor allem dazu benutzt, aus Sicht des jungen Laci zu erzählen, dass es den Amerikanern wichtiger war, Pferde in Sicherheit zu bringen, als Menschen vor den Russen zu retten.
Generell wird Österreichs Rolle im Zweiten Weltkrieg nur auf kleine Details reduziert, die keine große Bedeutung haben, auf eine Kinder erschreckende krakelige schwarze Spinne in der Hitler-Fahne, oder auf einen Österreicher, der vielleicht ein Nazi war (vielleicht aber auch nicht, wie Etelka ihren Sohn zurechtweist, sich nicht in fremde Angelegenheiten zu mischen). Da die Geschichte zu einem Großteils aus Kinderperspektive oder aus der Perspektive allzusehr in die Ereignisse verstrickter Personen erzählt wird, bleibt die Erzählung auch in gewissem Sinne (bewusst) naiv. Es war aber wohl auch nicht Anliegen der Autorin, eine Abrechnung mit Österreichs Vergangenheit oder eine detailliert politische Analyse des 1956er Jahres zu schreiben.
So kommt nur an einer Stelle das dunkle Kapitel in der Geschichte Österreichs etwas konkreter zur Sprache: 1968 werden wir in einem späteren Teil des Romans kurz nach Wien geführt, wo der Student László/ Laci nun auf der Universität für Bodenkultur studiert. Geschildert wird eine kurze Episode – ein sexuelles Abenteuer im Zuge der Studentenproteste gegen Burschenschafter an der Universtät Wien. Die Passage streift einige Klischees: die BH-lose Hippie-Studentin, die unter dem Symbol des roten Sterns gegen Nazis an der Uni protestiert, László als deren aggressiv-leidenschaftlicher Lover, der nicht verrät, dass er „ein Opfer des Stalinismus“ ist. Als wolle die Autorin an dieser Stelle systematisch vieldeutig bleiben, ist es gerade Laci, der den Burschenschaftern einen wütenden Schrei zuruft, woraufhin einer zurückbrüllt: „Noch nicht genug vom Kommunismus?“

2008 schließlich ist das Jahr der Gegenwart, zu dieser Zeit beginnt und endet der Roman, hier laufen auch einige – nicht alle – der Fäden, die die Autorin gesponnen hat, zusammen. „Er hat meine Mutter veruntreut.“ Diesen Satz spricht László Valentin gegenüber aus, und meint damit den Direktor, der seine Mutter verführt hat, und dessen Rechtsanwalt Valentins Vater war. Der Direktor auch jener Molkereifabrik, an der er Katharina, die Lebensgefährtin Valentins, als Kind kennenlernte. Um diese Fäden zusammenzuführen sucht er auch die Figuren, denen wir begegnen durften, auf. Unter anderem auf der Suche nach Auskunft über die Ereignisse rund um den Tod des Molkereidirektors. Dieses Zusammenlaufen von Fäden wäre in seiner Überkonstruiertheit reichlich übertrieben, verstünde es die Autorin nicht, dies durch ihre Zeit- und Ortssprünge zu kaschieren. Der Spannungsaufbau wird auf die Momente, die ans Ende des Romans versetzt sind, hin gelegt und erinnert an eine klassische Krimierzählung.
Etwas weniger überzeugend bleibt der Roman in seinem politischen Anliegen. Vieldeutigkeit und Auslassungen einerseits stehen gegen vereinzelt klare Positionen, die in Figurenrede und -gedanken auftauchen und auch mal erfrischend wütend-polmisch sind. Leider wird sehr vieles ausgespart, das eine echte Konfrontation erlauben würde. Die Themenwahl ist grundsätzlich breit genug für ein ganzes Epos – kollektive und individuelle Erinnerungen, Freiheitssehnsucht, Kalter Krieg, staatliche (kommunistische) Gewalt, individueller Missbrauch Schwächerer, Propaganda und Manipulation, der Aufbruch einer österreichischen, sich mit den Verbrechen der Eltern auseinandersetztenden Studentenbewegung und deren Verhältnis zum „Ostblock“, die Un- und Um-Ordnung Europas zwischen 1945 und 1989, all dies kommt in Symbolen, Intertexten, kurzen Anmerkungen und entworfenen Biografien der Figuren vor und zeugt nebenbei auch von der Unentscheidenheit der sprachlich so versierten Autorin.

Sehr überzeugend ist das Migrations-Thema, der sensible Umgang mit dem Erlebnis Sprache in einer neuen Heimat, wie diese Sprache Brücke, aber auch ein Korsett sein kann, deren Erlernen mit dem Verlust der eigenen Sprache, dem Ungarischen einhergeht. (Selbst-)Ausgrenzung durch Sprache thematisiert die Autorin etwa präzise, wenn Etelka zum Ungarischsprechen die Fenster schließt, um nicht gehört zu werden, wie auch wenn der Vater die Kommunikation Stück für Stück aufgibt. Oder etwa wenn der Sohn später formulieren wird, er könne die Sprache „zu gut“, weil er sprachliche Nuancen und Doppeldeutigkeiten im Deutschen produziert, die ans Künstlerisch-Lyrische grenzen. Gerade hier schafft es Schlag, ihr Gespür für Vieldeutigkeiten, Klänge und Missklänge, Assoziationsreichtum auszuleben: die Sprache Lászlós dient ihr als Möglichkeit, die deutsche Sprache generell auszutesten und abzuklopfen auf ihre klanglichen und semantischen (Un-)Möglichkeiten. Dies produziert zuletzt doch ein absolut überzeugendes Leseerlebnis.

Elena Messner
1. September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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