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Julya Rabinowich: Spaltkopf.

Roman.
Wien: Deuticke, 2011.
(EA Edition Exil, Wien 2008)
208 S.; geb; EUR (A) 18,40.
ISBN 978-3-552-06177-4.

Link zur Leseprobe

So häufig passiert es wahrlich nicht, dass ein gerade einmal drei Jahre junger Roman nochmals groß aufgelegt und im Buchhandel lanciert wird von einem viel größeren Verlag. Der Deuticke Verlag, Teil des zahlreiche Literaturnobelpreisträger in seinem Programm führenden Münchner Hauses Carl Hanser, hat dies nun unternommen. Und Julya Rabinowichs 2008 in der kleinen Edition Exil erschienenem Debütroman ein sehr ähnliches Umschlagkleid geschneidert wie ihrer in diesem Frühjahr ebenfalls bei Deuticke erschienenen „Herznovelle“. Diese Einheitlichkeit soll zweifellos eines signalisieren: Verlags- und Programmleitung setzen stark auf die 1970 in Leningrad geborene und mit sieben Jahren nach Österreich gekommene Wiener Autorin. Die jüngste Bestätigung hierfür war nicht zu übersehen – Julya Rabinowichs Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, bei dem sie allerdings für ihren voyeuristisch-amourösen Textauszug ungekürt wieder von dannen ziehen musste. Aber schon dort wurde seitens des Verlages mehr als nur unter der Hand das Erscheinen eines neuen Buches aus ihrer Feder für den Herbst 2012 angekündigt.
Für „Spaltkopf“ erhielt Rabinowich, studierte Malerin und Simultandolmetscherin, unter anderem den Rauriser Literaturpreis und Stipendien. Und Kunst und das Simultane spielen in diesem größtenteils virtuosen Roman eine ganz wesentliche Rolle.

Erzählt wird aus der Perspektive des Mädchens Mischka, die in den 1970-er Jahren in einer überreich belegten Kommunalka, einer einst großen, inzwischen in viele einzelne Einheiten zerlegten Wohnung in Leningrad lebt. Die dann am Ende jenes Jahrzehnts mit ihren intellektuell-oppositionellen Eltern – der Vater ist bildender Künstler, die Mutter gab ihre eigene Karriere des familiären Lebensunterhalts halber auf – und der Großmutter mütterlicherseits nach Westen emigriert, wie viele andere Verwandte auch, die damals auf Grund ihrer personaldokumentarischen Kennzeichnung als Juden Anträge auf Auswanderung stellen; die einen verschlägt es in die Vereinigten Staaten, andere nach Israel. Mischkas Familie bleibt in Österreich, versucht in Wien neuen Boden unter den Füßen zu finden. Man folgt dem Schicksal Mischkas: in der Familie, in der Schule, beim Übergang in die Pubertät, der die nun junge Frau mit Fressattacken und Gewichtszunahme kontert. Weitere Stationen sind Reisen mit dem ersten Freund, die weltgeschichtlichen Veränderung in Mittel- und Osteuropa, der überraschende jäheTod des Vaters auf seiner ersten Reise nach Leningrad, das nun wieder St. Petersburg heißt, Perestrojka und Glasnost, die Orientierungslosigkeit der Immigrantin, die nach Punk- und Protestphase schließlich doch maturiert und, das winzige Atelier des Vaters übernehmend, Kunst studiert und dann, mehrere Jahre nach seinem Tod, als geschiedene Mutter einer kleinen Tochter – und hier fügt sich die Simultaneität ihrer zerrissenen Welten zusammen – ihre Geburtsstadt und die dort verbliebenen mehr oder weniger fremd gewordenen Verwandten und das Grab des Vaters besucht.
Julya Rabinowich erzählt überzeugend nah entlang der Perspektive des Mädchens, entschlägt sich allerdings eines künstlich verstellten Idioms und versucht sich nie an einer eh nicht zu erreichenden Kopie kindlicher Naivität. Vielmehr schafft sie es leichthändig, das Staunen über die Welt, sei es das mit Nippes gefüllte eigentlich verbotene Zimmer einer Flurnachbarin, einzelne Artikel der Konsumwunderhemisphäre namens Westen, die emotionalen Jojospiele der jungen Frau zwischen Freund und Kurzzeitaffäre auf einer Reise ins frisch vereinte Berlin, immer wieder in sehr abwechslungsreicher Form in eine schmiegsame, flexible, stets im konkreten Hier und Jetzt bleibende Prosa zu überführen. Die Großfamilie mit exotischen Ausprägungen, von der zur Tänzerin gedrillten Cousine bis zur stark adipösen Tante, die zwei ebenfalls stark adipöse Töchter im Schlepptau hat, und innerfamiliäre Faktionen, die von eisig schweigender Ablehnung bis zum ausgelebten Neid reichen, gerät ihr bei allem Spott nie zur bloß bösen oder bitteren Karikatur. Sie bändigt vieles durch Ironie, durch Witz und durch einen großen Vorrat an Tragischem sowie einen Reichtum an dramaturgischen Wendungen. Vor allem aber durch Empathie.
Wichtig ist dieses Buch nicht nur als herausragendes Exempel der Literatur von AutorInnen, deren familiäre, ethnische, religiöse Wurzeln außerhalb des deutschen Sprachraums liegen und die somit aufregende, aufregend neue Wahrnehmungswinkel präsentieren. Wichtig ist es, weil es vom beträchtlichen Erzähltalent Julya Rabinowichs Zeugnis ablegt. Wichtig ist es, weil dieses mutmaßlich autobiographisch grundierte Buch die essentielle Basis bildet, auf der ihre ‚österreichischen’ Bücher, wie etwa die wesentlich von Schnitzler inspirierte „Herznovelle“, aufbauen. Zu erzählen war davor in diesem erfundenen Auto-Roman zuerst vom (eigenen?) Aufbruch und den Mühen des (eigenen?) Ankommens, von der Verwirrung der Herzen, der Köpfe, der Zungen und der Gespräche zwischen Ost und West. Zwischen Österreich und dem an Märchen, Legenden und Mythen (wie etwa dem Kinder heimsuchenden dämonischem Spaltkopf) reichen Russland.

Alexander Kluy
August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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