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Corinna Soria: Fahrtenbuch.

Roman.
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2011.
243 Seiten, gebunden, Euro 18,80.
ISBN 978-3-85129-893-2.

Link zur Leseprobe

Wohlgefallen hatte ich an der Welt und Wohlgefallen wollte ich von der Welt. Nicht zu hoch wollte ich, nein nicht zu hoch hinaus. Auf halber Höhe im Frühapfelbaum, in voller Blüte stand der. Auf halber Höhe am stillen Sonntag. Nicht Gipfel, nicht Kronenspitzen, auf halber Höhe sei die Ernte am reichsten. Tagträumte ich. Hinaus würde ich, hinaus, Sonne in den Akazien, in Angriff nehmen mein Sein und der Welt in die Arme. Alles wogend im Feld, die Gräser, die Ähren, das Wachsen, alles. Voll würde ich das Sein sommers wie winters. Voll würde ich das Sein greifen mit Händen bis in den Himmel gewachsen, mich schmiegen ans Sein. Kein Stein, der mich längslegen, kein grauer Schlund, kein Zerren aus dem Gestern, nur immer weiter ins Morgen, das mit neuer Sonne die Regungen weckte der Menschen, Menschen voll Zukunft, Welt voll Werdung.

Zugegeben: Corinna Soria macht einem den Einstieg in ihr „Fahrtenbuch“ nicht gerade leicht – zu abstrakt erscheinen die Sätze, bisweilen geradezu mystisch, kaum greif- und erst recht nicht auf die eine oder andere Weise einordenbar. Unwillkürlich versucht man, diesen Mangel an Konkretheit mit der fast fieberhaften Suche nach jedem auch noch so kleinen Bruchstückchen an Information, nach jedem noch so dürftigen Anhaltspunkt zu kompensieren, bleibt dabei aber ohne Erfolg. Man muss die ersten paar Seiten hinter sich lassen, buchstäblich reinfinden ins Buch, bis man merkt, dass die anfänglichen Irritationen wahrscheinlich einer enttäuschten Erwartungshaltung an einen Roman geschuldet sind und die Sätze auch trotz und gerade wegen ihres großen Maßes an Unbestimmtheit bestens funktionieren. Sie sprechen einerseits für sich, spiegeln aber andererseits auch den Aufruhr wider, in dem sich der Protagonist des „Fahrtenbuches“ befindet. Auch er ist anfangs nicht zu greifen, versteckt sich hinter seinen Sätzen, verliert sich in seinen Ausführungen und Assoziationen, und genau das will er: sich verlieren, verschwinden, „innere Emigration“.

Nicht mehr denken an damals, früher, einst. Nicht mehr das Jugendgesicht aufsetzen, auch in Gedanken nicht. Sich entkernen von der eigenen Geschichte, sie hinter sich lassen wie eine Eisenkugel am Fuß, der man endlich ledig wird. Amnesie, totale Amnesie täte mir gut, Wunder würde sie wirken, Wunder, die verlustig gegangen, Wunder, ein seltsames Wort für ein seltsames Phänomen unter seltsamen Lebewesen.[…] Daß niemand mich attackiert, niemand mich fragt, niemand mich zur Rede stellt, niemand etwas will von mir, kein menschliches Wort an mich. Eine Wohltat. Keine Verdrehungen, keine Verwirrungen, keine Lügen, keine Häme, kein Spott, kein Dünkel. Keine Eitelkeiten. Weder meine noch die der anderen.

Der Protagonist will also weg, weit weg, wie schon so viele vor ihm seine Geschichte, seine Vergangenheit, alles hinter sich lassen – aber nicht unbedingt um irgendwo neu zu beginnen, sondern nur, um weg von seinen „Artverwandten“ zu sein, um nicht mehr von irgendwem behelligt zu werden. Deshalb beschließt er kurzerhand, nach Burgos zu reisen und dort im Sommerhaus von Guillem zu leben, einer Bekanntschaft, die nicht mal das Wort „flüchtig“ verdient. Doch auch hier wird der Protagonist nicht in Ruhe gelassen: Nach anfänglich ruhigen, nur von gelegentlichen Anrufen Guillems unterbrochenen Tagen des Nachdenkens und Sich-Herumschlagens mit banalen Aufgaben treten nach und nach immer mehr Persönlichkeiten in das von ihm bewohnte Haus und somit in sein Leben – zuerst Guillem, der immer mal wieder ungebeten reinschaut und die Wünsche des Protagonisten nach Einsamkeit mit der Aussage abtut, jeder Mensch brauche Gesellschaft, dann dessen (Guillems) Freundin Mayte, die auch der einsame Held in vielerlei Hinsicht anziehend findet, schließlich sogar noch ein alter und mürrischer Kater, der von den dreien gepflegt wird. Der vermeintliche Einsiedler verhält sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten mehr als abweisend, und nicht nur einmal sucht er nach einer Auseinandersetzung Zuflucht an der Mauer des nahen Klosters, dessen Bewohner er ob ihres Friedens beneidet. Und zu allem Übel taucht dann noch Silia, eine Jakobsweg-Pilgerin auf, die aufgrund einer Verletzung einige Tage beim Eremiten und seinem Kater verbringen muss …

Hat man den schweren Einstieg erst mal geschafft, sich etwas eingearbeitet und mit Sorias Art zu schreiben vertraut gemacht, kommt man kaum mehr weg vom „Fahrtenbuch“ – gerade die anfangs so gewöhnungsbedürftige Sprache, diese lyrische, hakenschlagende Prosa entwickelt mitunter eine derartige Dynamik, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag, wie man so schön sagt. Erzähl- und Ausdrucksweise passen sich dabei an die jeweiligen Situationen und Stimmungslagen des Helden an, und dies gelingt Soria auf geradezu meisterliche Weise: Die bereits erwähnte innere Erregung des Protagonisten am Anfang des Romans, die auch in der Sprache ihren Niederschlag findet, macht einer langsam, aber stetig zunehmenden Ruhe und Gelassenheit Platz, weshalb auch die geäußerten Gedanken ruhiger und zugänglicher werden. Sie erschließen sich zwar nicht zur Gänze – noch nicht –, aber so ganz allmählich erfährt man auch einiges über die Hintergründe der angestrebten „inneren Emigration“, über die Geschichte, die im Hintergrund läuft (wie es an einer Stelle heißt) und die er hinter sich lassen will wie die „Eisenkugel am Fuß“.
Genaueres über jene Eisenkugel weiß man aber erst gegen Ende des Romans, vorher werden lediglich Andeutungen gemacht, in Monologen oder Gesprächen oder auch in den Träumen des Helden, die die ersten (und einige Zeit lang einzigen) Fixpunkte für den Leser darstellen. Man erfährt so, dass er Lehrer für Kunstgeschichte, Zeichnen und Spanisch war, offenbar an einer Art Gefäßkrankheit leidet und der Sohn einer dem Alkohol verfallenen Mutter ist; was ihn aber zu dieser Flucht nach Spanien getrieben hat, dies fragt man sich ebenso verzweifelt wie der gutmütige Guillem, der ihn ständig aufzuheitern und aus der Reserve zu locken versucht. Erst als sich Silia notgedrungen in das Ferienhaus einquartiert, beginnt der Protagonist sich etwas zu öffnen und, im wahrsten Sinne des Wortes, zu sprechen: Dialoge und klare, konkrete Aussagen dominieren nun, und endlich erfährt man die traurigen Gründe des selbstgewählten Exils.
Die höchst wandelbare und ungewöhnliche Sprache ist es, die das „Fahrtenbuch“ zu einem zwar fordernden, aber letztendlich überaus dankbaren Buch macht.

Simon Leitner
August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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