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Lillian Birnbaum: Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit

Fotoband.
Salzburg-Wien:
Müry Salzmann, 2011.
101 Seiten; Klappenbroschur;  Euro 28,-.
ISBN 978-3-99014-042-0.

Link zur Leseprobe

Ich vermute, dass es in der deutschsprachigen Literatur nur zwei Schriftsteller gibt, deren Leben noch genauer erfasst und erforscht ist als jenes Peter Handkes, nämlich Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka. Auch die Sekundär- und Tertiärliteratur über Peter Handke wird demnächst unüberblickbar, obwohl im Google-Zeitalter gleichsam nichts verborgen bleibt. Aktuell erzielt die Suchmaschine für Peter Handke nicht weniger als 1,100.000 Ergebnisse – Fotos, News usw. nicht mitgerechnet.

Den Handke-Fotoband Lillian Birnbaums kann man dennoch als outstanding bezeichnen, weil nicht jeden Tag Bilder aus dem unmittelbaren, das heißt, privaten Umfeld des Schriftstellers an die Öffentlichkeit gelangen.
Die Fotografin ist eine in New York geborene Künstlerin, die in Paris lebt, wo sie den Schriftsteller oft, meist an Sonntagen, in seinem Haus nahe der Hauptstadt besucht hat, um ihn aus verschiedenen Anlässen zu porträtieren. Die entstandenen Porträts sind jedoch nicht Gegenstand dieser Wie-lebt-ein-Dichter-Monographie. Im Buch zeigt sie Gegenstände aus Handkes Haus und Garten. Der Dichter selbst wird in diesem Band nicht gezeigt. Er bleibt verborgen. Birnbaum porträtiert ihn tatsächlich „in seiner Abwesenheit“. Eigentlich ein neuer, schöner Einfall.
Die Frage, warum Lillian Birnbaum Haus und Garten abbilden durfte, also eine
privacy tangieren konnte, die beispielsweise Uwe Johnson über alles wichtig war, liegt auf der Hand. Birnbaum und ihr Ehemann, der österreichische Schriftsteller Peter Stephan Jungk, gehören zu Handkes Freundeskreis. Die Fotografin genoss sozusagen das uneingeschränkte Vertrauen des Hausherrn.

Die „Portraits“ sind Abbildungen kleiner Installationen. Sichtbar werden alltägliche und nicht alltägliche, gewöhnliche und ungewöhnliche sowie bedeutende und unbedeutende Dinge eines offensichtlich interessanten Hauseigentümers. Handkes farbig, aber auch schwarz-weiß - durch Linsenblicke - sichtbar gemachtes Eigentum sind eine antike Adler-Schreibmaschine, Bleistifte und Stummel, Bücher, auch mit von Wind und Wetter gekrümmten Einbänden, ein Dreirad in seiner Einsamkeit, Einrichtungsgegenstände natürlich, Farbstifte und Stummel, Federn, Gewürze, eine – man muss es so sagen – jugoslawische Ikone, eine Kinderschaukel aus Holz und ein Kinderwagen aus Metall sogar, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Manuskripte in Schönschreibschrift, Münzen, Notizbücher und noch einmal Notizbücher, Nüsse, Pilze, Postkarten, Sakkos, ein stark benutztes Slowenisch-Deutsch-Langenscheidt-Wörterbuch, unedle Steine, Schuhe und Stecken sowie Übersetzungen von Handke-Werken in viele Sprachen dieser Welt. Als letztes Bild sind die Hände des Dichters beim Pilze-putzen zu sehen. Der rechte Daumen und Zeigefinger halten zu diesem Zweck ein stark geripptes Steakmesser.
Peter Handke ist beim Schreiben und Leben ein eigenständiger und nicht plagiierbarer Monolith, ein Mann mit einem eigenen Stil. Natürlich könnte dieser Stil nicht ohne die Kunst Lillian Birnbaums zum Ausdruck kommen. Es wäre zu einfach zu sagen, sie habe Stillleben aneinandergereiht. Birnbaum ist mehr gelungen, viel mehr. Nahezu ein kleiner (Stumm-)Film aus und mit den Lebensumständen eines österreichischen Dichters in Frankreich.

Die Buchausgabe fällt in die Kategorie directors cut, zumal zum „Film“ auch Text geboten wird, und zwar von der Autorin, dem Porträtierten und dem langjährigen Handke-Kenner Peter Hamm. Birnbaum erklärt mit einer knappen Notiz, wie und wann die Bilder in den Jahren zwischen 1994 und 2008 entstanden sind: „ … intensive, schöne Sonntage.“ (S. 14.) Peter Hamms „Versuch über das Haus des Dichters“, geschrieben im Juni 2011, erklärt, dass Handke in seinem Werk „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ auch sein „fast hundert Jahre altes unverputztes Sandsteinhaus“ (S. 4), ein „edles Haus“ (S. 4), und Chaville dargestellt habe. Hamm konstatiert, Handke lebe in diesem Haus allein mit der „feinen Pracht der Leere“. (S. 4).
Handke selbst ist im Fotobuch mit einem Ausschnitt aus seinem „Versuch über den geglückten Tag“ vertreten. Das erste Buch, das der Dichter in seinem Haus, das er im Jahr 1990 bezogen hat, schrieb, war dieser dritte und letzte der „Versuche“.

 

Janko Ferk
31. August 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensonen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.









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