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Klemens Renoldner: Lilys Ungeduld.

Roman.
Wien und Bozen, Folio 2011.
267 S., geb., Euro 22,90.
ISBN 978-3-85256-577-4.

Link zur Leseprobe

Nachdem die vierundzwanzigjährige Lily von einer Brücke in den Tod gesprungen ist, verliert auch ihr Vater, der erfolgreiche Architekt Sebastian Zinnwald, sein Gleichgewicht und seine Sprache. Er stürzt von der hölzernen Treppe, die zum Atelier seines Engadiner Bauernhofes hinaufführt. Mühsam lernt er unter Anleitung einer Logopädin wieder zu sprechen, ohne den Tod der Tochter verwinden zu können. Zinnwald nimmt keine Aufträge mehr an und überlässt sich seinem Kummer. Bittere Selbstvorwürfe plagen den genialen Architekten, dem beruflich fast alles gelungen ist, der sich in menschlicher Hinsicht indes für gescheitert hält. Über seinen anspruchsvollen Projekten entfremdete er sich lange vor Lilys Tod von seiner Familie. Seine Frau trennte sich von ihm und verstarb in der Folge an Krebs. Der jüngsten Tochter Lily, seinem Liebkind, ist er besonders zugetan und vernachlässigt dabei ihre Schwester Veronika, die später als Kinderärztin in Berlin Karriere macht. Lilys schreckliches Ende vertieft den Riss, und anstatt nach dem Begräbnis Kontakt mit der noch lebenden Tochter aufzunehmen, hüllt sich Zinnwald in Schweigen.

Als er Veronika in einem umfänglichen Brief bittet, zu ihm ins Engadin zu kommen, sind zwölf Jahre verstrichen. Die Begegnung zwischen dem vereinsamten Vater und der irritierten jungen Frau wird für beide zur Nagelprobe. Wo soll der gerissene Gesprächsfaden – wenn es ihn je gegeben hat – wieder aufgenommen werden? Wie viel kann nach diesem Bruch überhaupt er- und geklärt werden? Der in seinen Schmerz verstrickte Zinnwald hat Schwierigkeiten, auf die Anklage der Tochter, die inzwischen zwei Knaben geboren und eine Scheidung hinter sich hat, einzugehen. Allzu sehr gefällt er sich in der Rolle des einsamen Alten und muss allmählich zur Kenntnis nehmen, dass auch Veronika noch immer unter Lilys jähem Tod leidet, der vielleicht zu verhindern gewesen wäre. Aber wäre er das wirklich gewesen?

Lilys Ungeduld, ein intertextueller Verweis auf Zweigs Ungeduld des Herzens, erörtert literarisch die komplexen Ursachen, die dazu führen können, dass sich ein Mensch, zumal ein junger, das Leben nimmt. Und diese fiktionale Spurensuche gestaltet sich umso schwieriger, als die Hinterbliebenen völlig unvorbereitet mit den Tatsachen konfrontiert werden. Verbissen forschen Sebastian Zinnwald und Veronika nach Andeutungen, fördern Gesprächsfetzen aus der Erinnerung zutage und betrachten die gesammelten Indizien durch das Vergrößerungsglas der Psychoanalyse. Freunde und Bekannte der Verstorbenen werden konsultiert und angehört, als ob solcherart die Trauerarbeit verkürzt werden könnte. Zwar galt die junge Frau, die einmal meinte, „ich finde es origineller, traurig zu sein“, als exzentrisch, aber lässt sich auf der Grundlage bruchstückhaften Wissens die Vorgeschichte von Lilys Tat ermitteln? Gewiss, sie litt an Depressionen und musste sich deshalb einem Klinikaufenthalt unterziehen. Weshalb sie dann allerdings beschloss, ihre Medikamente nicht mehr einzunehmen, bleibt ebenso ein Rätsel wie der Umstand, dass sie ihre Psychotherapie abbrach. Dass sie ihr Freund Valentin verließ, dass sie keine Kinder bekommen konnte, werden als mögliche und dennoch nicht ausreichende Motive ins Spiel gebracht, eine junge Biografie durch einen brutalen Schnitt zu beenden. Wie viel Verzweiflung, aber auch Kalkül letztlich zum Todessprung führten, lässt sich im Zuge quälender Vater-Tochter-Dialoge nicht ermitteln. Vielmehr kommt es bei dieser Konfrontation im rätoromanischen Engadin, in diesem Hochtal des Inns, wo Verständigungsprobleme für Ausländer wie Veronika auf der Tagesordnung stehen, geradezu zwangsläufig auch im familiären Zwiegespräch zu Missverständnissen, welche die aus Berlin angereiste Veronika um ein Haar dazu bringen, gleich nach ihrer Ankunft wieder abzureisen. Dabei macht sie klar, dass die väterlichen Versäumnisse der Vergangenheit zwar nicht ungeschehen zu machen seien, wohl aber das, was von der Zukunft noch bleibe, ein versöhnliches Ende nehmen könne.

In dem meisterhaft konstruierten Psychogramm einer nicht ganz durchschnittlichen Familie zeigt Renoldner auf eindrückliche Weise, wie vor dem Hintergrund emotionaler Zerrüttung und eines traumatisierenden Verlustes Versöhnung durch Sanftmut und Beharrlichkeit möglich wird. Widerstandslos ergibt sich der Leser der Erzählkunst des Autors, aus dessen Feder man die späte Versöhnung von Vater und Tochter im fernen New York wie einen Gruß aus jener Zeit empfängt, als das Wünschen noch geholfen hat, und vergisst dabei, dass es sich bei dieser Geschichte bloß um Sprache handelt.

Walter Wagner
4. September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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