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Elfriede Hammerl: Kleingeldaffäre.

Roman.
Wien: Deuticke, 2011
160 S., geb., EUR 18,40.
ISBN 978-3-552-06153-8.

Link zur Leseprobe

Wie spüre ich mich selbst? Wie versichere ich mich meiner eigenen Lebendigkeit? Für die Erzählerin in Elfriede Hammerls Kurzroman Kleingeldaffäre, eine namenlos bleibende, beruflich erfolgreiche und unabhängige Frau mittleren Alters, bedeutet G. die vorläufige Antwort auf diese Frage: In ihrer Affäre mit G., einem durch Heirat reich gewordenen Mann, erlebt sie intensive Gefühle: Leidenschaft, Romantik, Genuss, Spannung – und, in wechselnd starken Dosierungen, Schmerz, Ärger, Leid und Frust.
„Und wieso zum Teufel sollte G. so viel Schmerz wert sein?“ Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des Romans und verweist auf dessen Kern, eine existenzielle Krise der Ich-Erzählerin, der sie sich durch intensive Reflexion und Analyse der eigenen Lebenssituation stellt. Das eigene Altwerden, die emotionale Abhängigkeit von G., die in Liebesbeziehungen unvermeidliche Machtkomponente, die finanzielle Unsicherheit trotz Fleiß und beruflichem Erfolg – Schlagworte wie diese bilden den Rahmen ihrer inneren Krise und greifen doch zu kurz: Das Faszinierende des ganz auf das Innere der Erzählerin ausgerichteten Romans Kleingeldaffäre ist die Genauigkeit und Widersprüchlichkeit, in der jeder dieser Begriffe ausgeleuchtet wird.

Doch nun zum „Ort“ dieser Konflikte: Das Ich ist bloß eine sich ständig verändernde Konstruktion, sagen die Hirnforscher, abhängig vom aktuellen Zustand unserer Neuronen, Synapsen und so weiter. Es gibt kein stabiles Ich, sagen sie, keinen fixen Kern, nichts, worauf wir uns verlassen, worauf wir zurückgreifen können, wenn wir auf der Suche nach uns selbst sind. Das scheint mir plausibel. Im Grunde gibt es mich gar nicht. (S.13)
Das Irritierende an dieser Beschreibung der eigenen Selbstwahrnehmung ist die Perspektive, aus der sie kommt. Es handelt sich um eine Person, die die wesentlichen Entscheidungen ihres Lebens – Beruf, Heirat, Kinder, Scheidung, Affären – selbstbestimmt und unabhängig getroffen hat, die sich trotz ihrer Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen Ansehen und die Möglichkeit zum regelmäßigen „kleinen Luxus“ erarbeitet hat, die von ihren vielen Freundinnen und Freunden geschätzt wird. Wie passt diese gefühlte innere Leere zu einer so offensichtlich „selbst geschriebenen“, ereignisreichen Lebensgeschichte?
Im Verlauf des Romans zeigt sich, dass die Erzählerin die Überzeugungen, auf denen ihre Lebensentscheidungen basieren, mehr und mehr anzweifelt: Es gibt keine Gerechtigkeit, keine Garantie, dass man sich mit Fleiß und Klugheit ein gesichertes, befriedigendes Altwerden erkaufen kann, Ehrlichkeit und innere Reife werden nicht belohnt: Das „Experiment Edeltraud“, ein auf der Basis von Klischees erstelltes Profil einer eindimensionalen, Garten, Küche und Bett liebenden Mitfünfzigerin in einer Partnerbörse, entwickelt sich zu einem Hit, während die eigene Person nur wenig Beachtung erfährt. Verschiedene „Joes“ – für die Erzählerin uninteressante, langweilige Männer – weisen sie zurück, G.s Interesse an ihr lässt nach. Die berufliche Auftragslage verschlechtert sich.

Diesen großen und kleinen Ärgernissen gemeinsam ist ihre Struktur: Sie legen bloß, in wie hohem Maß der Selbstwert der Erzählerin von äußeren, unkontrollierbaren Faktoren abhängig ist. „Ich weiß, verdient ist eine Definitionsfrage, wer verdient schon, was er verdient, aber genau das ist der springende Punkt: Ich möchte viel verdienen. Wenn ich viel verdienen würde, hätte ich das Gefühl, dass meine Leistung viel wert ist, so einfach ist das.“ (S.154)
Doch was ist die Alternative, wenn „Verdienst“ so offensichtlich eine ungerechte Kategorie ist? Selbsttäuschung? Die eigenen Ansprüche senken? Die Protagonistin der Kleingeldaffäre will sich selbst nicht aufgeben – trotz ihrer zunehmenden Müdigkeit und der erdrückenden Beweislast für die Siege der „Schnösel“, „Selbstvermarkter“ und „von vornherein Privilegierten“.

Elfriede Hammerl ist es gelungen, diesem Grundkonflikt der Erzählerin, der Abhängigkeit von äußeren Objekten, eine (räumliche) Form zu geben: Die zunächst irritierende „Ortlosigkeit“ des Romans, der Verzicht auf konkrete Standortbestimmungen, Namen und Altersangaben von Personen verkörpert eine Struktur, in der alles Äußere nur insofern wichtig ist, als es Einfluss auf die Identität hat. Dadurch gewinnt das Äußere gerade wegen seiner Abwesenheit an Relevanz: Alles ist von unmittelbarer Bedeutung für die Konstitution des zentralen Ichs.
Beim Lesen eröffnet sich mit der Zeit eine zusätzliche, paradoxe Dimension, die den eigentlichen Konflikt zwar nicht aufhebt oder abschwächt, aber doch eine „Lösung“ im Sinn einer neuen, gelassen-distanzierten Sichtweise enthält: In ihren Widersprüchen, in ihrer Wut und in ihrer Verletzlichkeit gelingt es der Erzählerin – im Gegensatz zur starren „Edeltraud“ und den fantasielosen „Joes“ – manchmal geradezu übersprudelnde, erfrischende Lebendigkeit und Authentizität zu vermitteln und dabei ansteckend zu wirken. Instabilität und Unsicherheit werden so zum Zeichen von Lebendigkeit und innerer Dynamik.
Ein sehr gelungenes Buch!

Gianna Zocco
September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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