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Attila Bombitz: Spielformen des Erzählens.

Studien zur österreichischen Gegenwartsliteratur.
Wien: Praesens Verlag 2011.
157 S.; brosch.; Eur (A) 25,-.
ISBN 3-7069-0659-3.

    Seit 2007 erscheint im Wiener Praesens-Verlag die Reihe „Österreich-Studien Szeged“, bislang mit Bänden u. a. zur „Österreichischen Identität und Kultur“, zu Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard. Einer der beiden Herausgeber der Reihe, Attila Bombitz, legt nun im selben Verlag, aber außerhalb dieser Reihe eine Sammlung von Aufsätzen zu zeitgenössischer österreichischer Literatur vor, die zum Teil schon andernorts (wie in der genannten Reihe) erschienen sind. Befremdlich, dass in dem vorliegenden Buch an keiner Stelle darauf auch nur hingewiesen wird, geschweige denn genaue Angaben (zu Fundort sowie zu allfälligen Erweiterungen und Veränderungen) gemacht werden. Es ist ja nichts Ehrenrühriges, bereits veröffentlichte, zum Teil nicht leicht zugängliche Aufsätze zu einem bestimmten Thema gebündelt in Buchform wieder zu veröffentlichen, wie es im vorliegenden Fall mit „Studien zu österreichischen Gegenwartsliteratur“ unter dem Titel Spielformen des Erzählens geschieht. Bombitz spielt damit zwar auf Christoph Ransmayrs Reihe kleiner Prosaarbeiten (Ch. R.: Die Verbeugung des Riesen. Vom Erzählen, S. 3, u. ö.) an, konzentriert sich aber nicht nur auf diesen Autor, dem zwei Beiträge gewidmet sind, richtet sein Interesse vielmehr, ohne auf einen Überblick zu zielen, doch auf ein recht breites Spektrum österreichischer Erzählliteratur, auf Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Robert Menasse und die jüngere Erzählergeneration mit Daniel Kehlmann, Arno Geiger, Thomas Glavinic, Daniel Glattauer und Wolf Haas. Und es sind auch nicht nur deren recht unterschiedliche Erzählstrategien, die analysiert werden. Nicht weniger Aufmerksamkeit schenkt Bombitz der Sprachreflexion und Poetologischem in den Werken der einzelnen Autoren sowie Fragen der Rezeption.

      Wenig überraschend erkennt der Verfasser die Thematisierung von Sprachproblematik als zentral in Bachmanns Drei Wege zum See, der umfangreichsten Erzählung aus ihrem Band Simultan (1972). Im Vergleich zum Schlusssatz der Erzählung Das dreißigste Jahr (1961), in dem der Musilsche Möglichkeitssinn aufleuchtet, so dass sich der Lebensspielraum des Dreißigjährigen zu erweitern scheint, beobachtet Bombitz an der Finalisierung von Drei Wege zum See eine deutliche Differenz in der Restriktion der weiteren Lebensmöglichkeiten der Protagonistin Elisabeth, zum Ausdruck gebracht in den sprachlichen Einschränkungen, die sie erfahren muss. Der scheinbar großen kommunikativen Kompetenz der Protagonistin, die als international tätige Starphotoreporterin viele Sprachen beherrscht, steht (übrigens wie bei der Simultandolmetscherin Nadja in Simultan) die Einsicht entgegen, in keiner zuhause zu sein, daher sprachlich keine Identität gewinnen zu können.

      Zwei Aufsätze sind Thomas Bernhard gewidmet, dem unter allen österreichischen Autoren und Autorinnen in Ungarn am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wurde und wird, wie unschwer einer im Anhang beigefügten Liste der Veröffentlichungen österreichischer Literatur in ungarischer Übersetzung seit 1989 zu entnehmen ist. Von Bernhard sind über zwanzig Titel genannt. Zum Vergleich: von Bachmann und Handke je zwei, von Elfriede Jelinek vier, von Menasse sechs. Am nächsten kommen Bernhard Franz Kafka mit zehn und Rainer Maria Rilke mit sieben Titeln. Ansätze der Auseinandersetzung mit Bernhard reichen in die siebziger Jahre zurück, 1974 erschien als erste Übersetzung Frost. Schon zuvor finden sich anlässlich des Erscheinens von Kalkwerk (1970) beachtenswerte Beobachtungen zu Bernhards Sprache und dem dargestellten Wahnsystem. Wirklich durchgesetzt hat sich Bernhard in Ungarn erst nach dem Heldenplatz-Skandal von 1988 – nicht 1989! –, der u. a. so prominente Autoren wie Péter Esterházy zu Stellungnahmen herausforderte. Mit der politischen Wende und ästhetischen Neuorientierungen in ihrer Folge wird Bernhard zum wichtigsten deutschsprachigen Autor in Ungarn. Literaturkritik und auch Literaturwissenschaft (u. a. mit einer Reihe von Hochschulschriften sowie einer internationalen Bernhard-Tagung in Szeged 2009) tragen dem Rechnung. Wichtiger noch: In Werken ungarischer Autoren, beim genannten Esterházy, bei László Garaczi u. a., finden sich Spuren, die auf eine Wirkung von Thomas Bernhard schließen lassen, andere – wie Imre Kertész – scheinen „an der bernhardschen Erzählgrammatik weiter“ zu „arbeiten“ (S. 57). Hier tut sich noch ein weites Betätigungsfeld für Intertextualitätsforschung auf.

      In einem Beitrag über den Roman Das Kalkwerk liest Bombitz diesen als Geschichte einer zunehmenden Entfremdung, deren Ursachen erzählend in widersprüchlichen Gedankengängen nachgespürt wird (vgl. S. 44). Werkgeschichtlich sieht der Verfasser in diesem Roman, der sich von der Erzählung einer Krimihandlung zu der eines Zerfalls entwickelt (vgl. S. 45), den Beginn des „Auslöschungsprozess[es] des figurativen Erzählers“ (S. 43) durch den „Geschichtenzerstörer“ Thomas Bernhard markiert. Zudem erkennt Bombitz im Kalkwerk, was ihm als „allgemeines Substrat“ von Bernhards Werk gilt, nämlich eine immer wieder aufgehobene „Dichotomie Metanarration vs. Psychogramm“ (S. 39).

      Der nicht gerade schöne Begriff „Metanarration“ könnte auch angewandt werden auf Handkes sowohl in der Literaturkritik als auch Literaturwissenschaft weitgehend positiv rezipiertes Epos mit dem mehrdeutigen Titel Die Wiederholung (1986), das Bombitz sehr nahe am Text interpretiert. Erzählen und Erzählreflexion, Erzählen als Arbeit an der Lesbarkeit der Welt, Erinnerung, Suche nach Heimat im utopischen „neunten Land“ Slowenien, das es mit seiner Sprache und besonderen Landschaft in einem Akt des erzählenden ‚Wieder Holens‘ gewissermaßen neu zu entdecken gilt, fließen ineinander und transzendieren die vorliegende Erzählung in einem offenen Schluss. Bombitz rechnet die Wiederholung fix zum Kanon zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur, sieht sie als Schlüsseltext im Oeuvre Handkes. Wie bedeutsam für den Autor die Slowenienbezüge (beispielsweise das von seinem Onkel Gregor während des Studiums in Maribor angelegte Gartenbuch für seine literarischen Ambitionen und dessen Bekenntnis zur slowenischen Sprache) sind, beweisen in der Zwischenzeit nicht nur die Handke-Biographien von Fabjan Hafner und Malte Herwig, sondern auch der 2010 erschienene, 2011 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Text Immer noch Sturm.

      Unter dem Titel Spielformen des Erzählens gibt Bombitz einen Überblick über die Vielfalt der Erzählmöglichkeiten im Werk von Christoph Ransmayr, das von dessen erster, gewissermaßen als Ouvertüre zu verstehender Buchveröffentlichung Strahlender Untergang (1983) an bis zum (die Gattung eigentlich sprengenden) Roman Der fliegende Berg (2003) das zwangsläufige Verschwinden des Individuums aus der Welt zum zentralen Thema hat. An den Schrecken des Eises und der Finsternis (1984) wird der dokumentarische literarische Verfahren in Frage stellende Dialog zwischen realer und fiktiver Geschichte verfolgt, eine Infragestellung, die ja insbesondere in der österreichischen Literatur seit den 1970er Jahren Tradition hat, man denke an Bachmanns dem Tortur-Essay Jean Amérys folgende Erzählung Drei Wege zum See, an Handkes Wunschloses Unglück (beide 1972) oder an Marie-Thérèse Kerschbaumers Der weibliche Name des Widerstands (1980). Eine andere österreichische Tradition beobachtet Bombitz in der Salzburger Festspielrede Ransmayrs. An der „Tirade an drei Stränden“ Die Unsichtbare (2001) lässt sich nicht nur das in den „erzählenden Texten“ des Autors „plastisch zum Vorschein“ kommende „Dramatische“ (S. 84) beobachten, sondern auch das Anknüpfen an „die alte komödiantische Tradition des Volkstheaters und Hofmannsthals“. Interessant wäre es auch noch gewesen, die Verhörsituation als „Spielform des Erzählens“, wie sie Ransmayr in geständnisse eines Touristen (2004) gestaltet, mit den Inszenierungen von Verhören als Sprachhandlungsspiele bei Handke (Hörspiel, 1968) und Jutta Schutting (BöhmischBeichten, 1973) zu vergleichen.

      Ein eigener Aufsatz analysiert eingehend Ransmayrs Roman Morbus Kitahara (1995), den Bombitz glaubt, „jenseits der Postmoderne“ – wo immer das sei – „positionieren“ (S. 83) zu können. Berings Lebenszeit umfassend, stellt dieser Roman eine Art Negation des Bildungsromanschemas dar. Nicht nur verfehlt der Protagonist ein wie immer definiertes Telos des Bildungsprozesses, ein solches fehlt vielmehr von vornherein. Es tut sich ihm in der von Gewalt, Verfinsterung des Blicks unter Versinken im Morast beherrschten Realität kein Fenster zur Zukunft auf, ein solches öffnet sich allenfalls und mit vielen Fragezeichen einzig für Lily. Als zentral für die Struktur des Romans erkennt Bombitz das „Prinzip der Dreiheit“ in personeller (Bering zwischen Ambras und Lily; Mutter, Lily, Myra) räumlicher (Moor, Brand, Pantano) und zeitlicher Hinsicht.

      Dass Menasses die Romane Sinnliche Gewißheit (1988), Selige Zeiten, brüchige Welt (1991) und Schubumkehr (1995) umfassende „Trilogie der Entgeisterung“ ein bedeutsamer Platz in der jüngeren österreichischen Literatur zukommt, ist unbestritten. Das verdankt sich weniger dem Abarbeiten Hegelscher Philosopheme, auch nicht unbedingt der Tatsache, dass die Romane „handlungsorientiert“ (S. 102) sind und mit Lesbarkeit spekulieren, vielmehr der Reflexion der Möglichkeiten modernen und postmodernen Erzählens, die ihnen eingeschrieben ist. In der in der Ich-Form erzählten Sinnlichen Gewißheit sieht Bombitz ein „Vorstadium zum totalen Roman“ (S. 104), in Selige Zeiten durch die Polyphonie des Textes und den Hang zum Essayistischen ein „Konstrukt nach dem Muster des modernen Romans“ (S. 106), was insofern problematisch erscheint, als Bombitz zugleich einen „allwissenden Erzähler“ erkennt, der ja gerade vom Roman der Moderne verdrängt wurde. In der Schubumkehr schließlich wird die Unmöglichkeit thematisiert, erzählend Sinn- und Lebenszusammenhänge herzustellen.

      Die Feststellung des Verfassers, dass in den Texten einer jüngeren Generation wieder erzählt wird, ist so wenig überraschend, wie seine Auswahl der Autoren, die er als Beleg für den Erfolg des Geschichtenerzählens bei Kritik und Publikum anführt. Bewusst wird allerdings durch seine Zusammenstellung die Vielfalt der Erzählstrategien: die Spiegelung von Lebensläufen und das postmoderne Spiel mit einem „Roman in Roman“ (S. 117) – so in Kehlmanns Vermessung der Welt (2005) beziehungsweise Ruhm (2009) –; der Rückgriff auf „traditionelle Muster“ (S. 118) wie den Familienroman – in Geigers Es geht uns gut (2005), im übrigen auch dem aktuellen Trend von Generationenproblematik entgegenkommend –; popliterarische Versuche – Glavinic mit dem Ratgeberliteratur ironisierenden Roman Wie man leben soll (2004) –; e-mail-Kommunikation reflektierende Internetliebesgeschichte – Glattauers Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) –; fiktives Gespräch zwischen Autor und Kritiker über ein nicht existierendes Buch – Das Wetter vor 15 Jahren (2006) von Wolf Haas.

      Gerahmt werden die genannten Beiträge über einzelne Schriftsteller von einem einleitenden, recht originellen Versuch, einen Kanon ohne Eigenschaften für ein „österreichisches Bücherregal“ (S. 9) mit Veröffentlichungen in Übersetzung seit 1989 zu erstellen (dazu im Anhang eine Auflistung). Wie gesagt, Thomas Bernhard hat am meisten Anklang gefunden, wenig hingegen Ransmayr, was ebenso überrascht wie die geringe bis fehlende Resonanz, die etwa Josef Winkler, Gerhard Roth, Michael Köhlmeier oder auch Marlene Streeruwitz erfahren haben. Elfriede Jelinek ist erst mit dem Nobelpreis ins Blickfeld gerückt. Bombitz verweist auch auf Bemühungen durch ungarische Zeitschriften sowie durch Verleger (namentlich Droschl und Kortina), ungarische und österreichische Literatur gegenseitig zu vermitteln. Für die Vermittlung österreichischer Literatur nach Ungarn trägt er mit seinen Bemühungen nicht nur im vorliegenden Band wesentlich bei, durch eine diesen abschließende „Einleitung in die ungarische Gegenwartsliteratur“, einem Systematisierungsversuch, der zum Vergleich mit zeitgenössischer österreichischer Literatur animiert, auch in die umgekehrte Richtung.

      Die Lesbarkeit der Ausführungen von Bombitz leidet unter dessen Neigung zu gequält originell sein wollender umständlicher Ausdrucksweise: Bernhards Verstörung wird ohne Begründung als „Patchwork“ (S. 37) bezeichnet, bei ihm herrsche „Konjunktivgefahr“ (S. 40), in Ransmayrs Morbus Kitahara werde die Gattung „Bildungsroman […] in einer destruierten Form rücktraditionalisiert“ (S. 91), Gauß und Humboldt in Kehlmanns Vermessung der Welt seien „versteinerte Wissenschaftsdingdsa“ (S. 116), in Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas bekomme der „Leser einen spiessigen [!] Freiraum“ verliehen. Bei manchen dieser und zahlreicher anderer angestrengt wirkenden Formulierungen hätte man sich das Eingreifen des (sogar namentlich ausgewiesenen) Verlagslektorats gewünscht, notwendig wäre es bei nicht so seltenen Fehlern gewesen: „Rhytmus“ [!] wird mehrfach falsch geschrieben (S. 87 passim), mit der ß-/ss-Schreibung gibt es Probleme („spiessig“, „zeitgemäss“ – S. 87), Fallfehler kommen ebenso vor (z.B. S. 93) wie abenteuerliche Steigerungen: „weitdefiniertesten“ (S. 88). Und dass „Würze“ (S. 116) und „Trouvaille“ (S. 124) keine Neutra, sondern Feminina sind, sollte selbst bei oberflächlicher Lektüre auffallen.

      Kurt Bartsch
      September 2011

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