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Kurt Neumann: Zweitschriften.

Texte, Reden, Aufsätze, Rezensionen, Interviews.
Wien: S
onderzahl Verlag, 2011.
Broschur
; 276 Seiten; Euro 22,-.
ISBN 978-3-85449-358-7.

Link zur Leseprobe

Kurt Neumann ist ein erstaunlicher Mann. Ein Zeitgenosse, der sich selbst sozusagen gegen den allgemein gültigen Strich gebürstet hat. Als promovierter Mediziner hat er die Aussicht auf viel mehr "Geld" gleich nach dem Studium fahren lassen und ist mit jeder Faser seines … Herzens Literaturmensch geworden. Leiter des Literarischen Quartiers „Alte Schmiede“ im ersten Wiener Gemeindebezirk. Möge das längst erworbene höhere Ansehen ein Äquivalent für die Medizinergehälter sein, die ihm nunmehr seit Jahrzehnten Monat für Monat entgehen.

Wie auch immer, Doktor Kurt Neumann gehört zu den bekanntesten Menschen in der Literaturszene. Nicht ohne Grund beginnt Sabine Blauhut ihr Interview, das gegen Ende des neuen Buchs abgedruckt wird, mit einer dezidierten „Fragestellung“: „Die Alte Schmiede gilt als einer der renommiertesten europäischen Literaturveranstalter.“ (S. 265.) Und sie hat vollkommen recht.
Die „Alte Schmiede“ wurde im Jahr 1975 auf Initiative der Stadt Wien als Ort der direkten Förderung von und der unmittelbaren öffentlichen Begegnung mit Autorinnen und Autoren literarischer Werke eingerichtet, seit September 1977 und bis heute wird sie von Kurt Neumann geführt. Kurt Neumanns Programm ist konsequent und hat Niveau. Hunderten Schriftstellerinnen und Schriftstellern hat er ein angesehenes Podium geboten und sie bekannt gemacht, aber auch die Eingeladenen haben der „Alte Schmiede“ zu Berühmtheit verholfen.

Die „Zweitschriften“ drehen sich im Eigentlichen um Neumanns „Literaturquartier“ und seine Gäste. Sie sind nicht Neumanns erstes Buch, aber eines seiner dichtesten, zumal die „Texte, Reden, Aufsätze, Rezensionen, Interviews“ so gut und lesbar ausgewählt sind, so dass man bei der Lektüre mithin das Gefühl hat, man sitze in einer Veranstaltung der „Alten Schmiede“ in der Schönlaterngasse.
Die Textsammlung skizziert Neumanns drei Jahrzehnte langen Weg durch die Literatur. Neben seiner Liebe werden auch die Vorlieben, die man beim Namen nennen kann, kenntlich:
Aichinger, Hackl, Rosei, heißen sie beispielsweise, haben aber noch viele andere Namen.
Neumann
hat das Programm der „Alten Schmiede“ konsequent in seiner Qualität intensiviert und darüber nicht die eigene Literaturproduktion im Sinn der ureigensten Bedeutung von litera vergessen. Im Vorwort sagt Neumann, er wollte „immerhin einmal … die Freiheit des Schreibens … errungen haben“ (S. 7), was ihm mit Sicherheit immer wieder gelingt.

Die ausgewählten Texte zeigen, dass sich Kurt Neumann als Autor gleichermaßen ernst nimmt wie als Literaturvermittler, der im Buch einige seiner „Lesungsanleitungen“ dokumentiert. Jeder Zuhörer, der ihn einmal in seinem Element gehört hat, weiß, dass seine Einleitungen interessanter und vor allem profunder sind als die meisten Rezensionen, die im österreichischen Feuilleton abgedruckt werden. Erstaunt hat mich bei Neumanns Live-Auftritten immer wieder, mit welcher Kompetenz er über Franz Kafka sprechen kann, ohne auch nur einmal zu behaupten, er sei ein ausgewiesener Kafkologe.
Daneben finden sich in den „Zweitschriften“ kulturpolitisch akzentuierte Texte über die österreichische Gesellschaftlichkeit … und ihre Verkommenheit. Und noch etwas eher Seltenes hat der Autor in sein Buch aufgenommen, die altehrwürdige Form des philosophischen Dialogs, der uns hier gleichsam als „ jandlndes Selbstinterview“ entgegen kommt: „ich selbst interviewt mich sich elbst“ (S. 74 – 76)
. Wer es liest, wird zum Beispiel etwas über den Bachmann-Preis (S. 74), einen „Literaturparteitag“ (S. 76), oder über Elias Canetti (S. 76) erfahren.

Der Mediziner Neumann kann über allem Ernst und Engagement für die Literatur auch geistreich und witzig, was ja tatsächlich nicht ein und dasselbe ist, sein. Der witzigste Text sind die „Denkunfälle im Staat“. Vielleicht schlägt hier der „Doktor med.“ am stärksten durch: „Das Ministerium für Geschlechtsverkehr empfiehlt bis zu fünfzehn Stöße bis zum Samenerguß. Mehr Stöße sind ungesetzlich.“ (S. 55.) In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass mir eine Staatsanwältin kürzlich erklärt hat, dass manche Frauen ein Faible für Verbrecher haben.

Janko Ferk
September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

























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