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Kurto Wendt: Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?

Roman.
Wien: Milena, 2011.
150 S.; Euro 16,90.
ISBN: 978-3-85286-212-5.

Link zur Leseprobe

In Kurto Wendts etwas sperrig betiteltem Debütroman „Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?“ ist der Einsteig ein Ausstieg: Die Hauptfigur Frank Smutny verabschiedet sich mit zwei Briefen privat (von einer Arbeitskollegin) und vom Staat (von UHBP). Da er nunmehr als Frank Smutny zu existieren aufhöre, bitte er um Löschung seiner privaten wie staatlich registrierten Existenz. Ein Romanbeginn also mit dem Ende der Story, aber mit einem Ende, das rätselhaft ist und neugierig auf die Vorgeschichte macht. Warum wird aus Frank Smutny Harald Jenninger? Und warum blickt dieser neu geborene Harald Jenninger so überaus optimistisch in die Zukunft : – „Harald wollte hier anders leben als Frank in Wien. […] Sich nicht verkriechen, sich Kollektiven anschließen und neue bilden, initiativ werden und nicht auf die eigene Erweckung warten; sich richtig verlieben. Das Leben war schön, er hatte keine Eile; er war 33.“ (S. 9)

Trotz dieses (vorangestellten) Happy Ends ist „Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?“ keineswegs ein oberflächlicher Schönwetterroman. Auf der Folie der aktuellen Weltwirtschaftskrise zielt der Text am Beispiel Österreichs auf eine satirische Kritik an der neoliberalen Schlagseite westlicher Demokratien und Arbeitswelten ab. Denn noch einige Wochen vor seinem Ausstieg ist Frank Smutny ein langzeitarbeitsloser Buchhändler, der ausgehend von einer Anordnung des „MINISTERS“ vom Arbeitsmarktservice gezwungen wird, sechs Wochen im Call Center von T-Mobile zu arbeiten. Die dortige Ausbildnerin gibt als Überlebensstrategie aus: „Denkt einfach, ihr seid nicht ihr“ (S. 20). Frank versteht den Sinn dieser Empfehlung – „Pseudonyme dienten nicht mehr dazu, Verbotenes zu publizieren, sondern es nicht allzu persönlich zu nehmen, von Menschen beschimpft zu werden, die eine unzulänglich ausgeführte Dienstleistung oder ein mieses Produkt konsumiert hatten.“ (S. 20) – und nennt sich Jean Améry, wie der jüdische österreichische Schriftsteller Hans Meyer, dessen Arbeiten er jedoch kaum kennt.

Die Beschreibungen des Arbeitsalltags in einem McKinseyesk geführten Unternehmen haben den Charakter von Reportagen mit unterschwelligem ironischen Unterton, stehen in einer Tradition, die von Siegfried Kracauers „Die Angestellten“ bis zu Kathrin Rögglas „wir schlafen nicht“ reicht. Die spannungserzeugenden Momente des Textes wirken vor diesem sehr realen Hintergrund hingegen hochgradig fiktiv: Die Anrufe der mysteriösen – wie Frank sie nennt – Calla, die lakonisch die postmoderne, zwischen Motivationsmeetings, Mittagspause und globalen Mitbewerbern aufgespannte 08/15-Großkonzern-Arbeitswelt in Frage stellt. Der gesellschaftskritische, politische, eigenbrötlerische Frank wird neugierig auf die unbekannte Anruferin, genauso wie auf den eleganten Amerikaner Bo, den er – wie es scheint zufällig – auf der Straße kennen lernt, faszinierend findet, aber trotz miteinander verbrachter Nacht nicht recht zu fassen bekommt.

Über die beiden Figuren Calla und Bo entwickelt Wendt die politisch unterfütterte Krimi-Ebene seines Romans. Nicht nur, dass Frank nicht herausfinden kann, wer Calla und Bo eigentlich sind und was sie mit ihm bezwecken. Calla macht Frank regelrecht zum Detektiv, als sie ihn auf einen Zusammenhang zwischen einem Hausbrand und einem Mord an einem 17-jährigen Lehrling in Wien Favoriten aufmerksam macht. Bei seinen Nachforschungen vor Ort trifft Frank auf eine polarisierte Gesellschaft, in der ghettoisierte türkische Migrant/inn/en auf rechtsradikale Ausländerfeinde treffen. Ohne die Sache wirklich aufklären zu können, vermutet Frank, dass der Lehrling das türkische Wohnhaus angezündet hat und dafür bezahlen musste. Die Polizei scheint jedenfalls kein Interesse an einer Aufklärung des Falls zu haben.

Calla konfrontiert Frank schließlich mit dem echten Jean Améry und der Frage nach Gewalt als Mittel zum Widerstand. Der größere, ideologiegeschichtliche und philosophische Hintergrund ist dabei aber nicht nur Améry. Hier schwingt ein Diskurs mit, der von der antiken Frage nach der Legitimität des Tyrannenmordes über Frantz Fannons Philosphie der Gewalt als Mittel zur Brechung von kolonialer Hegemonie – auf Fannons „Die Verdammten dieser Erde“ bezieht sich Améry übrigens in „Jenseits von Schuld und Sühne“ – bis zu den Arbeiten von Antonio Negri und Michael Hardt reicht. Hardt und Negri imaginieren/deduzieren in ihrem Hauptwerk „Empire“ eine „Multitude“, eine Menge an unangepassten Andersdenkenden/-lebenden/-arbeitenden, die zur Überwindung der herrschenden Welt- und Wirtschaftsordnung beitragen müsste. Hardt und Negri, der wegen seiner Verbindungen zu den gewalttätigen Roten Brigaden zu jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilt wurde und daraufhin nach Frankreich flüchtete, regten mit ihrer Theorie junge Globalisierungskritiker zum aktiven Widerstand an, erwähnt seien hier nur die Aktionen der als Multitude auftretenden italienischen Tute Bianche/Disobbedienti.

Die Verbindungen von Wendts Buch zu diesem Diskurskomplex werden erst gegen Ende der Geschichte wirklich deutlich. Denn es scheint, als würden Calla und Bo einer Widerstandsgruppe angehören, die bewusst Kontakt zu Frank gesucht hat. Dieser wird dabei jedoch vor die Wahl gestellt: Möchte er lieber ein ruhiges Leben und eine Karriere im Call Center von T-Mobile oder möchte er aussteigen und frei sein – aber dafür, vielleicht, gerade jenen Minister ermorden, der für seine Zwangsverpflichtung im Call Center verantwortlich zeichnet.

Gerhard Roth ließ in seinem 1995 erschienen Roman „Der See“ seine Hauptfigur Paul Eck mit dem Gedanken spielen, einen populistischen Rechtspolitiker zu ermorden. Wütende Reaktionen der FPÖ und eine – sehr polemisch gehaltene – parlamentarische Anfrage im Nationalrat waren die Folge. Man darf gespannt sein, ob auch Wendt mit Angriffen zu rechnen hat. Sein „MINISTER“ ist unschwer als der langjährige ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zu dechiffrieren. Vielleicht war ein bisschen medialer und politischer Rummel um den Roman vom Autor mit diesem Plotelement ja auch intendiert.
Mit der literarischen Qualität von „Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?“ hat das aber nur insofern zu tun, als die „Ministerepisode“ zu wenig auserzählt wird. Das darauf folgende Ende wirkt abrupt und seltsam unfertig. Natürlich muss nicht alles erklärt werden, um manches verstehen zu können. Dennoch hätte man sich als Leser nicht nur beim Ende etwas mehr epische Breite gewünscht, mehr zu den Motiven und Motivationen der Hauptfigur und der Nebenfiguren und mehr an tiefgehender politischer Reflexion. Nicht ganz rund, aber insgesamt gesehen doch gelungen, ist „Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?“ jedenfalls ein kurzweiliges Buch, sympathisch, spannend und gewitzt.

Gerald Lind
September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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