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„… und so ein bisschen Morgenlandfahrer steckt doch in jedem oder?“

Kommt der Frühling, denken wir an den Herbst; kommt der Herbst, lesen wir uns dem Frühling entgegen: Vom Verleger schöner Literatur wird mit schöner Regelmäßigkeit ein aktuelles Frühjahrs- wie auch ein Herbstprogramm erwartet, wobei die Adressaten der Verlagskataloge – Buchhändlerinnen, Journalisten, Agenten, Veranstalterinnen etc. – wohl mit bangem Kopfschütteln den saisonalen Auswurf der Verlagshäuser registrieren, gilt es doch, sich in möglichst kurzer Zeit durch eine Flut an Neuerscheinungen, neuen Romanen, Namen, Preisträgern zu „fressen“. Nun wird aber gerade der kleine Literaturverlag nicht unbedingt die Novitäten der Büchnerpreis- oder Nobelpreisträger feilbieten; dafür aber – hoffentlich – neue Gesichter am Markt, die erst einmal in Leipzig, Frankfurt, Klagenfurt in Position gebracht werden müssen. Zudem kann der „Independent“-Verlag in Deutschland wie in Österreich oder in der Schweiz auch von der bisweilen entrückten Ankündigungsrhetorik der Literaturkonzerne Abstand nehmen, mit der die Familien-, Liebes- oder großen Gesellschaftsromane der Debütanten oft gleich von Null weg in den Olymp gehievt werden – „unerhört neuer Ton“ ... „Stimme einer Generation“... „Roman des Jahres“ etc. – um den Break-Even auch ja nicht zu verpassen.

Aufgefordert, etwas über den jungen Tiroler Robert Prosser zu verlautbaren, komme ich als Verleger der beiden ersten Bücher des Autors im Klever Verlag („Strom. Ausufernde Prosa“, 2009; „Feuerwerk. Prosa“, 2011) auch gar nicht in die Verlegenheit, große, den Verkauf ankurbelnde Worte auf den Rücken der beiden Publikationen zu pressen. Prosser schreibt keine Romane. Die Figuren in seinen Büchern kommen ohne Eigennamen daher. Es gibt keinen einheitlichen Plot, keinen großen Stoff, vielmehr liefert er poetische Aufzeichnungen aus verschiedenen Regionen, die er bereiste, wie auch autobiographisch grundierte Impressionen aus seiner Tiroler Waldheimat im „Alpmassiv.“

Da der Autor eine eigene Homepage unterhält, dürfen wir diese als erstrangige Quelle der quasi autorisierten Autoren-Selbststilisierung heranziehen. Beim ersten Klick auf Robert Prossers Homepage www.robertprosser.at eröffnet sich dem Blick ins Fenster eine Photographie, die ein vom Autor inszeniertes und arrangiertes Stillleben präsentiert. Darauf im Vordergrund das obligatorische Arbeitswerkzeug des Sprayers: drei Sprühflaschen resp. Dosen (can), daneben separat drei Aufsätze (cap), rechts daneben die Maske. Die genannten Utensilien liegen auf Manuskriptseiten – aufgrund der charakteristischen Einrückungen und Absätze als Manuskriptseiten des Autors leicht auszumachen; ich vermeine das Wort „Exit“ zu lesen – die Überschrift des letzten Kapitels aus Robert Prossers Buchdebüt „Strom“. Die Manuskriptseiten wurden wiederum – wie im rechten Bildhintergrund zu erschließen – auf rauem Beton platziert; die Photographie selbst vordergründig zentral vor einem dezenten, grau-weißen Bildschirmhintergrund: Beim näheren Hinsehen scheint es sich um eine Korrespondenz aus Großmütterchens Zeiten zu handeln; die Schrift mit der Feder akkurat aufs Blatt gesetzt, einzelne Schmutzspuren (Tintenkleckse?) – rechts oben der Schriftzug in Fragmenten lesbar: „...ihr Auslaufen und dies...“ Also ein nett arrangiertes Stillleben in guter kunsthistorischer Manier: Und wir dürfen mutmaßen, dass sich der Autor dabei etwas gedacht haben wird.

Wenn Robert Prosser die Autorenbiografie in der Innenklappe seines Buches „Feuerwerk“ wie folgt darlegt – „geboren 1983 im Tiroler Alpmassiv, Komparatistikstudium, Graffitivergangenheit, längere Aufenthalte in Asien und in der arabischen Welt. Im Textvortrag performanceorientiert, musikalische Arbeit im Bereich Experimental-HipHop“ – so halten wir fest, dass Prosser als Autor einige Zeit bereits aktiv war, ehe er als Autor von Texten in Zeitschriften und schließlich als Buchautor im Literaturbetrieb reüssierte. Wenn wir die ikonografischen Überlegungen zu jener Photographie weiterverfolgen, mit der er sich eingangs auf seiner Homepage präsentiert, so können wir mutmaßen, dass die sorgfältig positionierten Dosen (die Dose links etwa eine „Molotow Premium“, jene mittig eventuell „Montana black“ o.ä.) wohl leer sein mögen, ja müssen, aufgebraucht, die Spuren der Verwendung gut sichtbar, als aufgebrauchte Requisiten der Graffitivergangenheit ebenso historisch wie der vergilbte Schriftzug der Korrespondenz im Bildhintergrund, wie die Manuskriptseiten (eine Vorstufe? Endfassung?), die Prossers erstes Buch „Strom“ zu einem Ende führen, das auf der letzten Seite des letzten Kapitel „Exit“ wieder unmittelbar in den Anfang des ersten Buchkapitels mündet: „...denn vor jeder Reise dasselbe, ich fühle, ich fühle mich infiziert mit“ „Tollwut und nach jeder Reise dasselbe: Ich will nicht, ich will das Zimmer nicht verlassen ...“ (Strom, S. 127 bzw. S. 5) usw.

Es wäre ein lohnendes Unterfangen (würde allerdings den Rahmen dieser Notizen sprengen), mit einem ikonografischen Abecedarium des Graffitijargons der Literatur Robert Prossers auf den Pelz zu rücken, liefert diese Fachsprache doch ein vielfältiges Sprach- und Technikrepertoire, dem sich der Autor eben auch als Dichter verpflichtet fühlt, sei es, dass er konspirativ Motive in seine Texte einstreut, ablagert, sei es aber auch, dass er – hingeworfen, hingespritzt, improvisiert – Techniken des Graffiti-Autors in seine Literatur einschleust, einfließen lässt, ausprobiert.

A, etwa wie Aerosol / Ausufernde Prosa / Amalgam: Aerosoul – so der ursprüngliche Ttitel für Prossers Erstling „Strom“. Ein Neologismus, kombiniert aus „Aerosol“ (ein Gemisch aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen und einem Gas; ein dynamisches System!) und „Soul“ (dem Klang zuliebe, aber musikalisch wohl nicht ganz falsch gelesen: man kann auch Blues, HipHop, Word Music hinzuhören). In „Strom“ begegnen wir dem Aerosolgeruch gleich zu Beginn des zweiten Kapitels „Augustgras“, das programmatisch ins „Kindheitsrevier“ (Strom, S. 19 und S. 108) des Autoren-Ichs hineinführt:

den Kopf voller Revolution, voller revolutionärer Gedankenblitze um die Vergangenheit zu erhellen setz ich mich in einen Zug, ein Partisanenlager unterm Haar versteckt, und die Lok zieht mich durch Landschaften, die rein gar nichts in mir bewirken, doch Kilometer für Kilometer folgt ratternd Annäherung an eine bekannte Hemisphäre. An den Bildern vorm Zugfenster beginnen Gefühle zu kleben, ich erkenne immer mehr Graffitis am Bahndamm wieder, steige endlich aus dem Regionalzug und atme tief gedankenverloren den Aerosolgeruch ein, dieser flüchtige Willkommensgruß verhängt mir die Sicht und bringt Unruhe ins Elternhaus, dringt dort ein, wo sich am Abend ein offener Schlund im Stiegenhaus zur Nacht hin öffnet. Schon als Kind was weiß ich warum vermutete ich dort unten einen Elefanten, ich klammerte mich ans Holzgeländer und konnte nicht wegschauen, durchdrang mit zusammengekniffenen Augen den Elefantenkörper, welcher knapp unter mir zu wachsen und atmen begonnen hatte, seine Anwesenheit füllte das ganze Stiegenhaus, die Elefantenhaut spannte sich und es spannen sich die Muskeln darunter“ (Strom, S. 23)

In der Passage sind folgende Phrasen kursiv hervorgehoben:
um die Vergangenheit zu erhellen
was weiß ich warum
und es spannen sich die Muskeln darunter


Derartige Einschübe ziehen sich durch den gesamten Text, strukturieren ihn Absatz für Absatz, fungieren auf semantischer Ebene als zusätzliche Interjektionen, die sich ins Textgewebe als expressive und appellative „Verknotungen“ einschreiben. Dabei ist die ganz unsystematische Handhabung dieser Interjektionen evident; geht es doch darum, verschiedene Textebenen zu amalgamieren, aber dies gleichzeitig vor dem Hintergrund eines möglichst „offenen“, fließenden Textkörpers, offen für den unterschiedlichen Gebrauch durch den Leser/Sprecher, der sich lesend in den Fließtext einschleust. So kann sich ein poetischer Mehrwert ergeben, den ich mir als Leser auch ganz individuell „mischen“ kann: Mal kann ich mit derartigen Phrasen den Textfluss unmittelbar zuvor und eben daran anschließend zusätzlich aufladen, bestimmen, d.h. überdeterminieren, mal kann ich selbige als lyrische Kontaminationen nehmen, die für sich stehen, separate Einsprengsel, die mich lesend innehalten lassen.

Amalgamierung als Programm, oder: als „Nicht-Programm“ oder vielleicht als programmatischer Aufbruch ins Offene. Den Text „amalgamieren“, d.h. Mischungen diverser Ebenen bewusst zulassen, herbeiführen, sich dem Plot, der Erzählung ebenso hingeben wie dem Fall von einem Bild ins nächste, die Fallenstellerei einerseits definieren, andrerseits die Zügellosigkeit im Bildersturm als Aufgabe im Hier und Jetzt re-definieren; dazu ein längeres Zitat aus dem Kapitel „Amalgam“ aus „Feuerwerk“:

„dieser eine Moment da wir ins Fallen geraten, kippen raus aus: Geschichten und Leben werden gradewegs vergessen mit Stirn und Haar und allem Rest dem ganzen Fleisch und Blut und Geist eignet sich eine Verneinung an, lass ab und runter gehts rein ins Vergnügen ein Haufen Adern, Knochen, Zellen klatscht auf im Takt voll und lebendig dröhnt es durch uns, tatsächlich geht Lust als Speichel bis in Augen über, um wie aus Rubensweibern Äolsharfen zu bauen: ein Graben durchs Fleisch, um uns Musik zu geben, zu substanzivieren, gib mir: Masse Körper, eine Aussage wie Irre und Licht was denn sonst füllt Wörter, damit es spürbar wird, ein Schatten Erinnerung speichert auf dem Blatt wie Echo im Mund weiterkommt, dahinglossolaliert, tief dringend Augen verdrehend und Speichel süßlich färbenden Grund zeigt, nicht länger verbirgt, was diese Spielarten der Liebe dem Leben beibringen als Möglichkeit, das da hinter Lippen haust. Leck es aus, das Sammelsurium aus Gegenwart, Luft und Leere vor dir, gib dich dazu, gib dich hin, vorlaut, schreiend, sei nur diese Aktion: sprechen plappern halts Maul im Chaos, im Fühlen und Austesten der Stimmlagen, und wie uns dieses Tun ergreift, packt und schüttelt Mund Lungen Atem durcheinandergeraten, werden wir Aussprache, kommen nach draußen, wo wir uns spüren, ein simples Unterfangen, wie: Wind braut und brodelt kurz vorm Unwetter und wir gelangen in eine neue Stadt, laufen durch warmen Regen, um überhaupt erstmal zu begreifen, was Lebendigkeit nicht alles sein kann. Füllt das Jetzt sich mit Drang und Draußen, bleibt davon nichts als: Rhythmus Passagen einer neue Einsamkeit, der wir die gewohnten Opfer bringen, sie ins eigne Schrittzählen zwischen Fenster Tisch Tür betten ritualisierte Standortbestimmung die sich aus billigem Fusel speist, es brennen und Augen flirren lässt die eigentümliche Erotik irgendwelcher Zimmer, Absteigen, die schäbigen Behausungen, die durch uns, unser Streiten, Lieben, Würgen, an Schönheit gewinnen, wir starren von kratzenden Laken aus hoch zur rasanten Ventilatorendrehung, verlangen im Surren nacheinander und nach Blicken, die sich als Schrift erneut die Welt aneignen, teil- und Ausdruck haben. (Feuerwerk, 153 f.)

Und „dieser eine Moment“ wird Seite für Seite beschworen. „Jetztzeit“ als Auftrag für das sinnenwache Ich, Epiphanie-Momenten nachjagend, egal ob im Kindheitsrevier des Alpmassivs oder on the road irgendwo in Asien, Arabien, Amerika: allgegenwärtig dem flüchtigen Aufblitzen hinterher: „Erscheinung“ – ja was bloß? – Sinnenkitzel, Taumel: dem alchemistischen Zauber dieses Sinnencocktails wohnt wie jedem Zauber auch ein Schwindel inne: Die Vereinigung mit der Dingwelt, mit den Bildern, die der Dingwelt abgetrotzt werden, fordert aber das „Loslassen“, das In-eins-Werden von „Geschichte“ und „Leben“ (die Kategorien werden nicht hinterfragt, da sie in den nicht-linearen Erzählfluss eingespannt werden: poetische Kopfsprünge, Bocksprünge: Indem Du in Dich mit Leib und Seele gänzlich dem Treiben / dem Trieb / dem „Flow“ verschreibst, wirst Du – zumindest als Leser – auch ganz woanders landen, aufwachen: Schwebezustände zwischen Märchen, Legenden, Mythen.

Hinsichtlich der Rezeption der beiden Bücher Prossers ist es nicht uninteressant zu beobachten, dass es vor allem junge Literaten und Kritiker waren, die Konstruktives über seine Literatur zu sagen wussten; wie etwa der Autor und Literaturwissenschafter Martin Fritz in der Zeitschrift „schreibkraft“ (Nr. 19/2009):

Der Gedanken-, Wahrnehmungs- und Sprachstrom dieser lyrischen Prosa tritt sogar in den einzelnen Abschnitten über die Ufer der Syntax: Kursivierungen mäandern über die herkömmliche Interpunktion, ergeben sowohl mit dem Satzglied davor, wie auch mit jenem danach Sinn, höhlen stet die Prosa zum verzweigten, doch mitreißenden flow, bieten zudem Ankerplätze im wogenden Rhythmus, können aber teilweise auch für sich als Text im Text gelesen werden und verdichten so den Text noch stärker, sorgen also indirekt für Auftrieb. Es muss nicht jede Andeutung gleich beim ersten Lesen nachvollzogen werden, der Assoziationsstrom der ausufernden Prosa trägt den Lesefluss schon immer irgendwohin – wohin ist dabei letztlich gar nicht so wichtig, denn eine fertige, starre Geschichte soll hier nicht erzählt werden, sondern vielmehr die verästelte Vieldeutigkeit der Welt nachvollzogen.“

Robert Prosser wollte im letzten Moment vor der Drucklegung auf der ersten oder der allerletzten Seite seines zweiten Buches „Feuerwerk“ ein Zitat des französischen Strukturalisten Roland Barthes einfügen, das die Dramaturgie seines Textes gut umreißt:
Ich habe zwei Gesprächspartner in mir, die darum bemüht sind, von Replik zu Replik die Stimme zu heben wie in den alten Stichomythien: es gibt eine Wollust der verdoppelten, verstärkten, bis zum Schlußspektakel (Clownsszene) gesteigerten Sprache.“
(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt / M. 1988, S. 187)

Stichwort Stichomythien – dialogischer Rednerwechsel von Vers zu Vers, der die Heftigkeit des Gesagten unterstreichen soll. In Robert Prossers Prosa geht es – nicht zuletzt auch – um den konspirativen Dialog von Autor und Leser. Eine Literatur im emphatischen Sinn setzt einen Leser voraus, der bereit ist, den Einsatz des Autors Seite für Seite auch für bare Münze zu nehmen. Eine gesteigerte Literatur der Idiosynkrasien erfordert einen entsprechend prädestinierten Leser, der auf seiner Reise – offen für jegliche Reize und überempfindlich die Emergenzen von innen und außen überschreitend – gerüstet ist: Marschrichtung vorwärts ins Offene, denn: „und so ein bisschen Morgenlandfahrer steckt doch in jedem oder?“ (Strom, S. 73) wird konsequenterweise in „Strom“ auf Seite 72 f. proklamiert.

Navigare necesse est
– Unterwegs-Sein als Strategie: Der Lehrauftrag jeder ambitionierten Poesie. Radikale Offenheit für neue Emergenzen im Spiel der Elemente. Entsprechend gehört es zum „Style“ des Schreibenden, sich unterwegs den Sinnen, dem Schweiß – mitunter dem Scheitern – mit Haut und Haar zu verschreiben. Die Poesie der gesteigerten Wahrnehmung zwischen Reisen, Ruinen und Requisiten der Gegenwart mag mitunter nicht auskommen ohne ein Maß an Sentimentalität, Bilderzauber oder einer Dosis Naturkitsch zwischen bekannten Topoi der Heimat- wie der Antiheimatliteratur, aber es gehört, wie ich meine, zum Kalkül dieser Literatur, auf die unmittelbare Präsenz der gesteigerten Wahrnehmung zwischen den Zeilen und Seite für Seite zu setzen, sozusagen ein gewisses Maß an Ambivalenz zwischen „Erleben“ und „Beschreiben“ im Schreibvorgang in Kauf zu nehmen. Sei es im unmittelbaren Scheitern in und an der Sprache, das im Text auch immer wieder reflektiert, ja, auch gesucht wird („auf ein Neues, wiederum die Sprache verloren“, heißt es programmatisch, Feuerwerk, S. 87), sei es auch im exzessiven, bewusst „unsauberen“ Gebrauch von Metaphern, der sich konsequent den Satzkaskaden, dem Rhythmus beugen muss – dirty notes, wie beim Blues eben auch! Entsprechend schwierig sind oft auch Entscheidungen von Seiten des Lektorats zu treffen, ob man passagenweise gewisse „unsaubere“ Stellen bereinigt oder belässt (und an dieser Stelle sei Birgit Schwaner, der Lektorin des „Feuerwerks“, gedankt).

Der Rhythmus jedenfalls diktiert den Satzbau. Und im Vortrag des Autors wird auch für den Hörer seiner Prosa evident, wie das semantische Feld des Textes vom Autor Besitz nimmt („Der Wald ritzt sich in den Körper“, Feuerwerk, S. 159) bzw. wie der Schreibende, „ein einzeln malendes, Adrenalin suchendes Ich“ (Feuerwerk, S. 18), zwischen seinen Bildern in die Gänge kommt. – Dabei muss man vorsichtig sein: Der Begriff des „Authentischen“, der „Authentizität“, ist für Literaturwissenschafter ein Reiz- wie Kampfbegriff, haben doch Legionen an authentischen Erzählern gerade in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 auf diversen Ego-Trips ihre Ergüsse an Selbsterfahrung aufs Papier gebannt. „Süchtig nach Gegenwart“ – gewiss: Robert Prossers Literatur folgt mitunter den Fährten diverser Morgenlandsuchtfahrer, und die „Rauschzeit“ scheint zumindest ein kategorialer Parameter seines Schreibens zu sein; dennoch erweist sich hier die „Naivität“ des Schreibenden als eine andere als jene, die unter dem Siegel der Authentizität Fundstücke, Ergebnisse, Erfahrungsberichte oder dergleichen liefert. Prosser liefert eben keine Ergebnisse, seine Erzählstränge überlappen einander, ohne Schlüsselszenen, die einzelnen Kapitel der Bücher münden ineinander, Anfang und Ende bedingen einander („End to End“ – im Graffiti-Jargon). Das mag für den Leser mitunter auch wie eine „Baustelle“ aussehen („Schutt und Schrift kreisen Mauern entlang“, Feuerwerk, S. 116), wenn Beschreibungen abrupt in Bildern oder Reiseszenarien irgendwo am Straßenrand enden („schlaggelöchert zurückgelassen“, Feurwerk, S. 59).

Es entspricht allerdings dem Prinzip des „Tags“, der „Markierung“, möglichst präsent zu sein: Die Performanz des Textes bindet gleichsam die Autorenstimme an seinen Text: auch der Autor ist der – privilegierte – Hörer seines Textes. So mag auch der einzelne Leser der Texte Robert Prossers völlig unterschiedliche Fährten verfolgen, je nach Gestimmtheit; und wer lesend verfolgt, wie die Reisen im Text eben nicht nur nach Amerika, Asien, Arabien führen, sondern – im Sinne der Romantiker – vor allem nach Innen, der wird sich gerne in diesem poetischen Provisorium einrichten, das Gelesene womöglich selbst weiter improvisieren und in diesem Sinne die Idiosynkrasien des Textes gerne als poetischen Mehrwert rezipieren.

© Ralph Klever, 2011 ________________________________________________

Ralph Klever, Verleger, über seinen 2008 gegründeten Verlag: „Der Klever Verlag  bietet Ihnen ein lustvolles Laboratorium für avancierte Gegenwartsliteratur. Mit den beiden Verlagsschienen Essayistik und Literatur versuchen wir programmatisch Texte einzufangen, die über den Status quo heutiger Belletristik wie „Welterfahrung" reflektieren und mittels originärer Formensprache einen poetischen oder auch poetologischen Beitrag leisten zur unausweichlichen „Ausweitung" der Literaturzone.“
www.klever-verlag.com/


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