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Friedrich Hahn: Mitten am Rand.

Roman.
Innsbruck: edition laurin, 2011.
176 Seiten; geb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-902811-18-9.

Link zur Leseprobe

Gregor Spörk lebt ein Leben, „das nicht er lebt. Sondern das ihn lebt.“ Seine Frau Andrea hat ihn verlassen, er muss das Haus räumen, steht vor dem Verlust seiner gesamten Existenz. Einzig bleiben ihm ein Berg Umzugskartons in der Garage und ein Wohnwagen namens Dethleffs. Gregor versucht sich seinen Problemen zu stellen, versucht seine Hälfte von einem gemeinsamen Leben wegzupacken und mitzunehmen. Das will nicht ganz gelingen. Zu bedrückend sind die vielen Erinnerungen, die ihn in der Garage anspringen. Mit Hilfe einer Schachtel, in der Gregor Adresskärtchen sammelt, erinnert er sich an alte Bekannte. Viele von ihnen sind auch getrennt – manche sogar vom Leben, weil tot.

Auch diesmal wählt Friedrich Hahn (Jahrgang 1952) einen Protogonisten, der ein Einzelgänger ist. Lebte der Held aus seinem vorangehenden Roman „Von allem Ende an“ in einem Bücherturm, ist diesmal ein Wohnwagen der Rückzugsort. Statt des Bücherwurms Engelbert gibt es den Maler Gregor, der allerdings nicht ganz so in seiner (künstlerischen) Leidenschaft aufzugehen scheint. Das Malen rückt über weite Strecken in den Hintergrund.
Aus der ländlichen Kulisse des Ausseerlandes wurde Wien und der Held ist ein Mann, der zwar niemanden wirklich an sich heranlassen will, aber mit dem Alleinsein auch nicht gut kann. Gregor fährt durch die schmuddeligen Randgebiete Wiens und sucht alte Freundinnen auf: Dora, die mit einem Immobilienheini verheiratet ist. Sie heißt nun Putschögl und hat nach Ansicht Gregors einen solchen Nachnamen nicht verdient. Und dann gibt es noch Kathrin, mit der mal was war, aber nichts Ernstes. Eine Lehrerin, die Zwetschkenmarmelade kocht und Kuchen bäckt, als würden ihr diese Tätigkeiten helfen, der Realität zu entfliehen.

Auch Gregor will fliehen, aus dem Leben raus. Er stürzt sich in eine Affäre mit einer Freundin von Kathrin: Eine Frau namens Heike, die weite Pullover und lange Röcke trägt. Eine Frau, die wie ein Althippie aussieht, es aber nicht ist. Heike ist Psychotherapeutin und Friedhofsgärtnerin. (Die Friedhofsgärtnerei ist eigentlich nur im Besitz der Eltern). Zudem macht sie eine Ausbildung zur Pranic Healerin. (Anmerkung: Pranic Healing ist eine Methode zur Selbstheilung.) Heike spricht von Aura und Energie und hat – wie man umgangssprachlich sagen würde – einen Esoterik-Tick.
Während Männer sich in der Lebensmitte ein schnelles Motorrad oder eine junge Frau suchen, zieht es viele Frauen in diesem Alter zu spirituellen Lehren hin – so zumindest eine weit verbreitete Annahme. Nach dem 45. Geburtstag gibt es Katzen, Yogis und Windfänger über dem Bett.

Umso überraschender ist es, als der Leser erfährt, dass die handelnden Figuren erst Mitte dreißig sind. Ein Bruch entsteht, hat man sich Gregor und auch Heike doch deutlich älter vorgestellt. Gregor benimmt sich keineswegs wie ein durchschnittlicher Mittdreißiger, aber das macht diese Figur wohl auch aus.
Der Leser muss die Bilder im Kopf zurechtrücken, versuchen einen Jüngeren da in den vier Wohnmobilwänden aus Blech zu sehen.
Die Beziehung zu Heike wird zunehmend zur Beklemmung. Gregor bekommt ein Gefühl des Eingesperrtseins. Er will sich nicht rechtfertigen vor einer Frau, die er nicht liebt. Vor einer Frau, deren Name keine Koseform ermöglicht. Kein Heiki. Kein Heikilein. Und trotzdem kommt er von Heike nicht los.

Später protestieren Heike und Kathrin gegen einen Autobahntunnel, die Demos locken Journalisten an. Einmal schreibt Hahn – in einem anderen Zusammenhang – über eine Szene, sie sei wie eine „billige Regieanweisung“. (Heike ruft gerade in jenem Moment an, in dem Gregor bei einer anderen Frau ist.)
Wenige Seiten später passiert es aber, dass Hahns Handlung selbst so wirkt, als sei sie aus einer Telenovela. Eine Journalistin „entdeckt“ Gregor (und seine Kunst), macht ein Porträt über ihn und will ihn nach Hamburg mitnehmen. Zum zweiten Mal muss sich der Leser Bilder im Kopf zurechtrücken, sich auf die neue Situation einstellen. Und vielleicht auch kurz überlegen, ob er den Protagonisten wirklich nach Hamburg begleiten will. Das Buch hätte diesen Exkurs nicht zwingend gebraucht. Lieber hätte man mehr über Gregors Innenleben gewusst.

Hahns Sprache ist klar, scharf. Meist wählt er kurze, sehr präzise Sätze, die genau zu einem Typen Namens Gregor Spörk passen. (Einzig eine Passage, in der Heike ein Kondom über Gregors „Wachturm“ streift, um dann in ihre „schöne Literatur“ einzudringen, funktioniert trotz Kontext nicht wirklich.)
So heißt es in Hahns Buch etwa: „Gregor will weg. Weg vom Computer, den Mails, von seinen Ideen. Gregor hat Lust auf Autobahn. […] Gregor hat eine CD eingelegt. Midnight Jazz.“ Der Leser meint zu wissen, wie es Gregor Spörk geht. Und weiß es dann doch nicht.

Emily Walton
September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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