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Bernhard Strobel: Ein schmales Feld


„Sackgasse“ war als Titel für den ersten Band mit Erzählungen von Bernhard Strobel eine ausgezeichnete Wahl. Strobels Figuren haben etwas Verlorenes, ihre Situationen etwas Auswegloses an sich, und ihr Aktionsradius ist, aus welchem Grund auch immer, stark eingeschränkt. „Draußen auf der Straße wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte“, sagt ein Mann in einer Geschichte. „Es war windig. Ich ging in Richtung Hauptstraße, nicht unbedingt, weil ich dorthin wollte, aber irgendwohin musste ich ja gehen. [...] Ich fühlte mich ein bisschen aus der Bahn geworfen und nicht besonders frei.“

Zweieinhalb Jahre nach „Sackgasse“ erschien im Frühjahr 2010, wie das Debüt im Literaturverlag Droschl, ein zweiter Band mit Erzählungen und Kurzgeschichten. „Nichts, nichts“ heißt dieses Buch. In der Titelgeschichte steht ein junger Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs. Über die Hintergründe erfährt der Leser auch hier wenig, und erneut erweist sich das Feld, auf dem sich die Handlung abspielt, als ein schmales. Was bleibt, ist Biertrinken und sture Einsilbigkeit: „,Was war denn mit dir los?’ fragte sie. / ,Weiß nicht’, sagte er. / Nach einer längeren Pause sagte sie: / ,Willst du darüber reden?’ / ,Es kommt ja sowieso nichts dabei raus.’ / ,Einen Versuch ist es wert“, sagte sie. / Er steckte die Hände in die Hosentaschen und fragte: ,Wie war’s bei deiner Schwester?’ / ,Ach ja“, sagte sie. „Sie ist ziemlich am Ende.’ / ,Sind das nicht alle?’“

Es scheint, als hätte Bernhard Strobel schon mit seinen ersten Veröffentlichungen seinen ureigenen Ton und seine Themen gefunden. Strobel ist ein Verknapper und Verdichter, der seine kurzen – im Schnitt umfassen die Erzählungen etwa zehn Seiten – und dramaturgisch geschickt gebauten Texte immer wieder überarbeitet. Es geht um jedes Wort. Helden seiner Geschichten sind entweder ältere Männer, die das Beste bereits hinter sich haben, oder junge Paare, bei denen es auch nicht sonderlich gut läuft. Ort der Handlung ist entweder Wien oder eine nicht näher beschriebene, trostlos anmutende Provinzgegend. Kommunikation ist schwierig, die Menschen bei Strobel sind von einzelgängerischer Natur und neigen, wenn sie mit anderen Menschen zusammengesteckt werden, mitunter zu aggressiven Ausbrüchen.

Die Kritik hat den Autor für seine eigenständige Linie von Anfang an mit viel Lob bedacht. „Er ist der neue Meister der Zurückhaltung“, konstatierte Anton Thuswaldner in „literatur + kritik“. „Dieser Autor ist einer der hellwachen Seismografen“, lobte die „Kleine Zeitung“. Und in der „Neuen Zürcher Zeitung“ stand über „Nichts, nichts“: „Die vielleicht verblüffendste Leistung des erst 28-jährigen Bernhard Strobel könnte man auch Reife nennen. Sie ist gepaart mit einer aufwandlosen Sprache, einer undramatischen Dramaturgie und einer bitter-zarten Ironie.“ Das klingt alles sehr schön, wiegt aber nicht das Schweigen all jener Feuilletons auf, die den Autor und sein Werk bislang konsequent ignoriert haben. Einschränkend muss es also heißen: Die Kritik hat Bernhard Strobel mit sehr viel Lob bedacht, sofern sie ihn überhaupt wahrgenommen hat.

„Ich bin kein marktgerechter Autor“, sagt Strobel. Wie er es sagt, wirkt es weder wie eine Entschuldigung noch wie Koketterie. Es handelt sich um eine Feststellung. In den literarischen Mainstream-Express will und kann der 1982 in Wien geborene und zwischen Wien und dem Burgenland pendelnde Autor nicht einsteigen. Sich ein halbwegs interessantes Thema zu wählen und 200 Seiten Romanhandlung darum zu bauen, wie es heute gang und gäbe ist, überlässt Strobel lieber der Kollegenschaft. Er bevorzugt das Andeuten oder das Herausgreifen eines Moments dem Auserzählen, das nichts auslässt. Gerade die Verengung des Blickwinkels in seinen Geschichten macht deren Reiz aus.

Wenn man Bernhard Strobel trifft und ihm an einem Wirtshaustisch gegenübersitzt – er bestellt Kaffee und Cola, um den Kreislauf in Schwung zu bringen –, hat er ein bisschen was von einem alten Mann in einem jungen Körper. „Das bin ich in 50, 60 Jahren“, sagt er über die alten Männer in seinen Texten. „Wahrscheinlich habe ich zu viel Beckett gelesen, aber ich bin da reingewachsen und erkenne mich auch selbst wieder in diesen Figuren. Ich kenne dieses Gefühl der Ernüchterung und Erschöpfung: Man weiß eh schon alles, es ist alles schon passiert.“

Für einen Autor von nicht einmal 30 Jahren fürwahr eine ernüchternde Erkenntnis, hemmt sie ihn doch, vor allem was seine Produktivität betrifft. Etwas mehr als 200 Seiten umfasst sein publiziertes Oeuvre bis dato lediglich. Und wann sich ein drittes Buch zur „Sackgasse“ und zu „Nichts, nichts“ dazugesellen wird, erscheint gegenwärtig höchst offen. Strobel ist ein Wenigschreiber und verfügt als solcher auch über keine vollen Schubladen.

Sein Problem ist eines, das Vielschreiber nicht kennen. Er weiß oft schlicht und einfach nicht, worüber er schreiben soll – besser, worüber es sich zu schreiben lohnen würde. „Was kann man heute noch schreiben?“, fragt er sich. „Was geht an die Substanz? Was hat eine politische Schlagkraft auf die Art, wie ich es bei Camus und Beckett finde? Ich will sicher über nichts Aktuelles schreiben. Es geht mir um allgemein menschliche Themen. Das ist das einzig Sinnvolle, an dem ich mich festhalten kann: Alltag, Schwierigkeiten im Alltag, Beziehungen, Sterben.“

Nach zwei Erzählbänden würde er als Nächstes gerne einen Roman schreiben, erzählt er. Mit der Planung und Ausführung kämpft er allerdings schon seit geraumer Zeit: „Ich probiere es eh ständig. Aber ich habe die Technik noch nicht herausgefunden. Ein Roman nur mit Aussparungen wird nichts. Außerdem frage ich mich laufend: Ist es wirklich notwendig, dass ich das schreibe? Kann das zu was führen? Ich will nicht 50 Seiten schreiben und dann draufkommen, dass es langweilig ist. Ich habe jetzt ein Jahr lang nur Notizen zu einem Projekt gemacht und im Kopf Figuren entwickelt. Tatsächlich habe ich vielleicht drei Seiten geschrieben. Mein Lektor sagt immer, das ist der vollkommen falsche Weg.“

Der Lektor von Bernhard Strobel ist Droschl-Legende Rainer Götz. Und so sehr der auch immer wieder auf seinen Autor hinreden mag, er solle doch schreiben, weiß man beim Grazer Verlag natürlich, was man an Strobel hat und dass er, obwohl es sich nur langsam herumspricht, heute schon zu den Besten des Landes gehört. Man wird ihm bei Droschl die Treue halten, auch wenn einmal für längere Zeit kein neues Buch in Aussicht steht.

Unter den Autoren ist Strobel ein Einzelgänger. Mit Antonio Fian verbindet ihn eine Freundschaft und Gustav Ernst ist er bis heute dankbar, dass dieser unkompliziert erste Veröffentlichungen in seiner Literaturzeitschrift „kolik“ ermöglichte. Das war es an Kontakten dann aber auch schon wieder. Strobel pflegt ein sehr distanziertes Verhältnis zu dem, was man Literaturbetrieb nennt. Am liebsten würde er diesen ganz ignorieren.

„Vieles ist sehr inhaltloslos und bedeutungslos“, klagt er. „In eine große Buchhandlung zu gehen, ist mir fast nicht mehr möglich. Ich schaue mir diese Haufen an Büchern an und denke: Wozu? Das Foto einer Autorin ist sowieso wichtiger als die Qualität eines Buches. Gut, das war wahrscheinlich immer so. Viele kommen damit klar oder können das für sich ausnützen. Ich kann das nicht.“

Die Leiden des jungen Autors gehen so weit, dass er erzählt, sich um einen Nebenjob umsehen zu wollen, der mit Literatur am besten gar nichts zu tun haben soll. Bisher ist er mit Stipendien und Lesungen finanziell immer irgendwie über die Runden gekommen. Zuletzt hat er als studierter Skandinavist einige Bücher aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt, was ihn aber eher vom Schreiben eigener Texte abhielt: „Was mich am meisten fertig macht, ist dieses Arbeiten ohne Ergebnis. Es dauert ewig, bis ein Endprodukt da ist.“

Woran der Autor leidet, davon profitiert am Ende der Leser. Wenn man sich einmal dafür entschieden hat, Strobel zu lesen, wird man es wahrscheinlich immer wieder tun, denn man spürt die Dringlichkeit hinter seinen Geschichten. Bis jetzt ist von ihm kein schwacher Text an die Öffentlichkeit gedrungen. Was es durch die strenge interne Kontrolle geschafft hat und gedruckt wird, hat Qualität. Man merkt: Hier hat sicher jemand entschieden, etwas genau auf diese Art und nicht anders zu schreiben, sich dafür auf bestimmte Mittel und eine am Alltag orientierte Sprache zu beschränken. Es verhält sich mit Strobels Texten ähnlich wie mit minimalistischer Musik. Viele der genialsten Sachen sind unter bewusstem Verzicht auf Zierrat entstanden. Man könnte noch viel mehr (ausstaffieren) und ganz anders – aber, um den Autor zu zitieren: „Wozu?“

Vieles wegzulassen, erfordert Präzision in der Reduktion. Das, was noch da steht, was übrig ist, muss umso besser und genauer gearbeitet sein. Dass Bernhard Strobel seine Bücher sehr sorgfältig konstruiert, davon kann man ausgehen. Man merkt es schon ihren Titeln an. „Sackgasse“ war in seiner Lakonik perfekt für das erste Buch, „Nichts, nichts“ gewissermaßen eine Fortsetzung und Steigerung davon. Wenn der Autor es noch weiter treiben wollte, müsste das nächste Buch eigentlich ohne Titel erscheinen.

Nun mag der Eindruck entstanden sein, es handle sich bei Bernhard Strobel um einen Nachwuchsmisanthropen, der stets verneint. Das trifft ihn als Person jedoch überhaupt nicht. Er kann nicht nur klagen, er kann genausogut auf trockene Art witzig sein – auch und gerade gegen sich selbst – und die Bodenständigkeit, die er ausstrahlt, wirkt absolut glaubwürdig.

Und so soll dieses Porträt mit einer optimistischeren Note enden. Auf die Frage, welches Buch er gern schreiben würde, gerät Strobel ins Schwärmen: „Ich habe die Vorstellung: Wenn ich einen Roman schreibe, dann muss das etwas Besonderes sein. Er soll so beeindruckend sein, wie die Romane, die ich am meisten schätze, und nicht irgendwas, das man halt liest und dann wieder ins Bücherregal stellt. Ich träume von einem Buch, das man dauernd in der Hand haben will. Solange ich nicht das Gefühl habe, dass ich das inhaltlich produzieren kann, fange ich gar nicht an.“

Vor dem Verabschieden zuckt er noch entschuldigend mit den Schultern: „Ich bin widersprüchlich von vorne bis hinten.“ Es ist wirklich paradox: Strobel liebt die Literatur und die Bücher besonders innig. Darum muss er so an ihnen leiden.

© Sebastian Fasthuber, 2011__________________________________________

Sebastian Fasthuber, Jg. 1977, studierter Komparatist, lebt und arbeitet in Wels und Wien, schreibt als Literatur- und Musikkritiker vorwiegend für „Falter“ und „Salzburger Nachrichten“ sowie für „Die Presse“, „Datum“ und „Volltext“.



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