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Waltraud Haas: Ausgewählte Gedichte.

Podium Portrait 61.
Wien: Podium, 2011.
64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-.
ISBN 978-3-902054-91-3.

Autorin

Leseprobe

Die Gedichte von Waltraud Haas begleiten mich schon durch viele Jahre, das eine oder andere kann ich sogar auswendig, learned by heart, wie es auf englisch so schön heißt: gelernt durch das Herz.
Das Auswendig Wissen der Gedichte wird einerseits durch deren Kürze, andererseits aber auch durch deren Prägnanz erleichtert. So ein Gedicht nimmt sich fraglos und einfach seinen Platz im Kopf, es nimmt Platz und bleibt dort eine Weile sitzen.
Eines dieser Gedichte, das in meinem Kopf Platz genommen hat, steht auf Seite 45 des vorliegenden Gedichtbandes:

unten
angekommen
umarme ich
meinen stein.
(für sisyfossa)

In diesen knappen Zeilen lese ich das Drama des Absurden, die bittere Erkenntnis und die liebevolle Zuwendung zum Unabwendbaren, nämlich dem Stein, der dem Gesetz der Schwerkraft folgt. Dazu zitiere ich einen Satz aus „Der Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Die Umarmung des Steins lese ich nicht nur für das Akzeptieren der Schwerkraft, sondern zugleich für das Aufbegehren, ja ich könnte sogar so weit gehen, diese Umarmung als Indiz für die Existenz des Glücks schlechthin in Betracht zu ziehen, aber Achtung: Dort wo es Glück gibt, gibt es auch Unglück, und überhaupt: diese - meine - Worte sind viel zu groß, zu beredt, das kleine Gedicht braucht sie nicht, es kann ganz alleine in die Welt treten, kühl und nicht ohne Ironie behauptet es sich und zugleich die Existenz des Steins und des Ichs, das ihn umarmt.
Das Glück hingegen, es tritt als Möglichkeit auf, als kleine Möglichkeit, die es zu erhalten gilt, als Augenblick, der nicht verweilt. Das Gedicht „springtime“ (Seite 35) hält einen solchen Augenblick fest:

it’s springtime

ich verstecke
eine feder
in meinem schuh

Die extreme Knappheit der Gedichte ist Merkmal und konstituierendes Element der Lyrik von Waltraud Haas. Kein Wort zuviel, kein Buchstabe zuviel, kein Atemholen zuviel, viele Gedichte bestehen nur aus wenigen Zeilen. Schroff und schmucklos stehen sie da, genügsam und wortkarg, umgeben von weißem Raum, der dem Leser, der Leserin Platz zum Nachdenken bietet und zum Innehalten auffordert. Es ist nicht leicht, zu einer so kurzen Form zu kommen. Darauf angesprochen, hat Waltraud Haas des öfteren bestätigt, dass ein Teil ihrer literarischen Arbeit aus Reduktion besteht, Verdichtung und Konzentration. Unwillkürlich drängt sich mir das Bild einer Saline auf, wo dem Salz solange das Wasser entzogen wird, bis es zum Kristall wird.
Dadurch beinhalten manche Gedichte auch harte Kanten und Brüche, die den Leser und die Leserin zum Stolpern bringen. Im folgenden Gedicht verdeutlicht die Leerzeile zwischen erstem und letzten Zeilenpaar noch den Bruch, den inhaltlichen Kontrast:

es ist nicht die zeit
für blätterspiele
liebt ihr mich
liebt ihr mich nicht

Sie ist nämlich so gar kein Spiel, die Frage nach der Liebe. Überhaupt kein Spiel. Und doch kann sie zu einem schmerzhaften Spiel werden, nämlich dann, wenn wir ein solches spielen. Und genau wie das Wort „Spiel“ plötzlich mehrere Bedeutungen annimmt, so changiert auch das Gedicht zwischen Zorn, Ironie und Bitterkeit, zwischen einem Ich, das für sich allein, tapfer und ohne große Worte steht und einem Ich, das sich anlehnen möchte, das ein „Du“, mehr noch, ein „Wir“ braucht, sogar, wenn es diesem „Wir“ zuliebe vielen Margariten beim „Blätterspiel“ ihre Blätter ausreißen muss, um zum richtigen Ergebnis zu kommen. Die Zwischenstufen werden ausgelassen, ihr liebt mich ein bisschen, ein wenig, das hat keine Relevanz, würde die Entscheidung nur mildern und verzögern, nicht aber grundsätzlich ändern. Und die Schroffheit ist eine, die dieser spielerischen und ernsten Frage durchaus zukommt.

Die Gedichte sind teilweise bereits in vorangegangenen Lyrikbänden derAutorin publiziert, so der erste Teil im bereits 1991 erschienenen Band „Lots Tochter“, der mittlerweile wohl gar nicht leicht erhältlich ist. Einige Gedichte wurden in „Weiße Wut“ (1995), Run & Run (2002) und „Zwerchfellgewitter“ (2009) erstpubliziert, der letzte Teil erscheint hier zum ersten Mal.

Ein Vorwort von Gustav Ernst mit dem schönen Titel „Präzision und Abgrund“ steht am Anfang dieses Gedichtbands, der zum sechzigsten Geburtstag der Autorin erschienen ist. Lesenswert für jene, die Waltraud Haas (noch) nicht kennen ebenso wie für jene, die sie bereits kennen und in dieser chronologisch geordneten Zuammenstellung vielleicht neue Lesarten, neue Einblicke gewinnen. Mir zum Beispiel schien es, als würden die Gedichte mit der Zeit immer knapper, aber auch lakonischer und komprimierter, jedes Wort ein kostbares Kleinod, abgerungen der verstreichenden Zeit, die auch selbst Thema wird, zum Beispiel so:

zeit
meines lebens
sitze ich festgezurrt
auf meinem kinderstuhl
und warte
daß er kippt.

Rezension von Ilse Kilic
Oktober 2011

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 


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