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Rudolf Lasselsberger: Tanz in den Mai.

Roman.
Mit Zeichnungen von Erich Sündermann.
Wien: Loma-Verlag, 2011.
211 Seiten, Euro 12,56.

Link zur Leseprobe

Rudolf Lasselsbergers Roman ist im südlichen Niederösterreich angesiedelt. Dort bewegt sich das Romanpersonal auf dem dünnen Eis alltäglicher Verrichtungen und Selbstverständlichkeiten, ist ständig bedroht von Zusammenbrüchen, Gleichgültigkeiten und Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit, andererseits, gewissermaßen mit einem Augenzwinkern, ist es genau der Alltag, der das Leben „eigentlich“ auch ausmacht, ausmachen muss.

Rudolf Lasselsberger stellt „seine“ Hauptpersonen auf der ersten Seite des Buches vor, gleichsam ironisch auf diese Gepflogenheit im Genre „Kriminalroman“ verweisend, aber: Über Lasselsbergers Personen gibt es vorweg nicht viel zu sagen, Alter und Beruf müssen reichen, um eine Ahnung zu vermitteln, wer in diesem Buch „das Sagen“ hat. Die Personen haben hier nämlich wirklich „das Sagen“, wesentliche Teile des Textes bestehen aus Dialogen. Und was wird gesagt? Die Personen besprechen und kommentieren ihren Alltag, holen Schwung für die täglichen inneren und äußeren Notwendigkeiten, sei es das Flicken, das Einreiben der schmerzenden Füße, das Kochen von Fleischknödeln oder das Zigarettenrauchen. Die Personen füllen aber auch die zwischen ihnen entstehende Leere mit Worten. Die Schriftstellerin Liesl Ujvary hat einmal gesagt, dass ein Gutteil unseres Sprechens die Funktion hat, uns daran zu erinnern, dass wir einander (noch immer und immer wieder) mögen, dass alles in Ordnung ist zwischen uns und mit uns, also: Im Sprechen wird ein Miteinander geschaffen, in dem wir uns angstfrei zu bewegen hoffen. Diesen „Sprechraum“ versuchen die Figuren zu eröffnen, ihn einzuzäunen gegen alle Fährnisse und Krisen. Dazu passt auch, dass sie das „Nichts-Sagen“ quasi aussprechen, wie im folgenden Dialog:

(…)
Was soll das heißen.
Nix.
Nix.
Nix.
Und jetzt.
Was ‚und jetzt’.
Du bist vielleicht gut, herst.
Ja. Schön.
(…)

Diese Gespräche kennen keine Fragezeichen, was unterstreicht, dass es sich um keine wirklichen Fragen und Antworten handelt. Das Gesagte steht als erlebte Gemeinsamkeit da, Gemeinsamkeit zwischen Menschen, die nicht so recht wissen, was sie einander sagen (wollen). Das zitierte Gespräch steht auf Seite 15, hier sind wir noch am Beginn einer Entwicklung, die den Roman durchzieht: Entfremdung und Sprachlosigkeit werden zu einer Trostlosigkeit, die quasi nach und nach die Personen in Besitz nimmt. Diese aber sind tapfer, sie wehren sich nach Kräften und sie „prosten, trinken, lachen und singen stellenweise mit der Musik mit.“
Die andeutungsweise umgangssprachliche Niederschrift der Dialoge mit ihren Kalauern, Füllseln, kleinen Scherzen und Leerläufen bringt die Ambivalenz von Sagen und Nichts-Sagen zum Vorschein, zeigt die Hilflosigkeit des Romanpersonals im Umgang miteinander, betont die nur notdürftig gestopften Lücken, durch die Orientierungslosigkeit eindringt. Das klingt dann zum Beispiel so:
„Ui, jetzt hab i meine Tschick vergessen, ob ich das die fünfzehn Meter noch aushalt, sagt Andrea.“

Oder: „Na, ihr zwei Hübschen, sagt sie, was darf es sein. Sein oder Nichtsein, es muß sein, sagt Franz.“
Die einzelnen Kapitel sind mit kleinen Titeln versehen, sich wiederholende Verortungen wie etwa (Zett) oder (Schlacken) oder (Radio). Manchmal steht auch ein Datum oder eine Uhrzeit dabei. Wir befinden uns im Mai 1986, in Tschernobyl gab es einen Unfall in einem Atomkraftwerk. Das wird fast nebenbei erzählt, dennoch ist diese Katastrophe – wie alle Bedrohungen aus dem Radio – unmittelbar präsent. In der Folge nimmt die Bedrohung Gestalt an:
„Es wird geraten, Gemüse gründlich zu waschen und Kinder von Sandkästen fernzuhalten.“

Aber der Alltag kann sich um Tschernobyl nicht kümmern. Tschernobyl hat seinen Platz eben im Radio und in der Sowjetunion, die Auswirkungen sind unvorstellbar, die Welt ist groß und fremd, das eigene Leben ist ebenfalls fremd, nur etwas kleiner.
„Mag draußen die Welt ihr Wesen treiben, mein Haus soll meine Ruhstatt bleiben, steht neben der Tür am Klo.“

Zu den Verdiensten dieses Romans, der streng genommen gar kein Roman ist, gehört es, dass die Alltäglichkeit zur Sprache kommt, eine Alltäglichkeit, die gewissermaßen das Gegenteil von Entwicklung ist: So gesehen ist der Roman realistisch, weil er ernst nimmt, was die Personen beschäftigt, nämlich nicht die großen Entwicklungen, sondern vielmehr die kleinen Erfolge und Hindernisse, das Kehren der Fußabstreifer, die Arbeit als Putzfrau, das Firmendach, das „eh demnächst“ repariert wird, das „Fadenspitzerl“, das nicht ins Nadelöhr will, der Kuchen mit Schokolade und geriebenen Nüssen, die Stimmen aus dem Radio, das Eis in der Hand des Kindes undsoweiter undsofort. Die Personen sind „beschäftigt“ und wenn sie Glück haben, trotzen sie ihren Beschäftigungen so etwas wie Vergnügen ab, große Erwartungen haben sie nicht. Und doch versuchen sie immer wieder, ihr Bestes zu geben, freundlich zu sein, und dann endet alles mit einem Lächeln, nämlich so:

“Aber wirklich.
Ja.
Sabine lächelt.“

 

Rezension von Ilse Kilic
Oktober 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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