Anja Utler: ausgeübt. Eine Kurskorrektur.

Wien: Edition Korrespondenzen, 2011.
112 Seiten; broschiert; Euro 18,-.
ISBN 978-3-902113-77-1.
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Zum Angreifen
der somatische Bericht einer Mörderin

„ausgeübt“: eine Handlung, zu der die Sprache hinführt und die wieder in die Sprache münden muss. Im Falle der Lyrikerin Anja Utler könnte man auch sagen: Lyrik, die in die Prosa, in die Handlung kippt und wieder in Lyrik mündet. Und dieser Kippvorgang geschieht hier am Bild – nicht so sehr am Sprachbild, sondern an einer Art von Zeichnung, die der Text vorstellt. Ein Stricheln hierhin und dorthin, das jede Bewegung der Sinne aufzeichnet, das das Gelände in den Muskeln der Lesenden entstehen lässt und wie von einer Zeichenkünstlerin in kleinen Flecken da und dort wieder verwischt wird, damit es durch eine neue Zeichnung in Bewegung versetzt werden kann. „Das sind keine Bilder!“, protestiert die Protagonistin folgerichtig. Es geht um Körperwahrnehmungen, die minutiös verfolgt werden und die beinahe unbedeutbar scheinen, so sehr sind sie Gegenwart. Es geht nicht um Namen. Die Namen sind „schön, aber irrelevant“, wie es im Text einmal in Bezug auf Pflanzen heißt; aber dann „die Borsten die eine Farbe haben und von einer anderen überlaufen sind.“

Es ist das Ungeheuerliche des Physischen, das zunächst angezogen hat: „Ich höre diese verbalen Interventionen bald auf. Bis zum echten Tun – es ist ein Ausbruch dann durch Beton“ heißt es im Text. Und nicht nur das Ich dieses Textes, das die von ihm verübten Anschläge umkreist, auch die Sprache selbst kommt vom Körperlichen nicht mehr los. Der Anschlag bleibt einer, der auf der Tastatur nachvollzogen, „ausgeübt“ werden muss. Er brachte dort „zur Welt“. Und nun reiht die übertragene, poetische Rede selbst Motivationen und Handlungsmomente anhand in zwei Richtungen zeigender Wortfädchen auf: aufhalten, abschreiben, ausgelassen sein respektive werden etc. Und dazu alle diese Substantivierungen, die Dauer erleben lassen, die Gewichtigkeit einer Eigenschaft, die groß geschrieben wird etc., die Bäume, die gezeichnet werden und die zur Erzählinstanz hinreichen, indem jene sie austreibt: Alle diese Techniken weisen darauf hin, dass die Rückkehr zur Sprache erst im Begriff ist, vollzogen zu werden, dass der Prozess im Laufen ist und die Tat noch dranhängt am Körper. Anläufe sind diese Versuche, die Wand zu durchbrechen zu jenen allzu „dichten“ anderen, die sie zur Schlächterin stempeln – die Wand zu jenen Menschen, die wie selbstverständlich zulassen, dass Korallenbänke zerstört und Tiere in einen „Flecken Fleisch“ auf Porzellan verwandelt werden, dass man Welpen in einen Sack steckt und an einem Strommasten totschlägt, weil man den Schmerz der Hündin ignoriert, ja, dass Menschen für ein Produkt, das man zu benötigen glaubt, getötet werden.
Dieses Ich will „es“ aufschreiben, aber präzise, „man soll nicht abtreiben in der Menge“ – womit unterschwellig dann noch eine weitere Weise des Tötens angedeutet ist?
Jedenfalls stellt sich die Protagonistin die Frage, ob sie – die „Angreiferin“ – nicht genau jene Chronistin ist, „die ihnen zukommt, Naturkamera, die sie aufnimmt“, jetzt, wo sie „nah bei ihrem Sterben sitzt“ und ihnen den Film zeigt, „wie es ihnen gehört“. Jene sagen „Tier“ zu ihr. Aber sie empfindet umgekehrt genau jene als „Tiere, die doch „kaum denken können“. Diese Figur verkörpert ein Prinzip, einen somatischen Zustand, in dem etwas noch nicht zur Sprache gekommen ist.

Lisa Spalt
10. Oktober 2011

Originalbeitag

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