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Ruth Aspöck: Nichts als eine langweilige Blindschleiche.

Eine Textmontage.
512S.; brosch.; Euro 29,80.
Wien: Löcker Verlag, 2011.
ISBN 978-3-85409-602-3.

Link zur Leseprobe

Ruth heißt das Mädchen, das wir Leserinnen und Leser als Jugendliche in den 1960er Jahren kennenlernen und später als Erwachsene bis ins Jahr 2007 auf ihrem Lebensweg begleiten dürfen. Sie ist die Ich-Erzählerin in „Nichts als eine langweilige Blindschleiche“, dem neuen Buch von Ruth Aspöck. In dieser autobiografischen Schrift erhalten wir einen unmittelbaren Einblick in den Alltag einer (angehenden) Schriftstellerin. Sie lässt uns an den Höhen und Tiefen ihres Arbeitslebens teilhaben.
Ruth Aspöck, ehemalige Vizepräsidentin der GAV (Grazer Autoren- und Autorinnenversammlung), öffnet sich auf sehr persönliche, fast schon intime Weise dem Lesepublikum. Sie beweist damit Mut, zumal sie stets authentisch bleibt. Die realistische Abbildung der österreichischen Literaturszene von den 1960er Jahren bis 2000 hat gesellschaftliche Brisanz. Die namentlich genannten oder angedeuteten Persönlichkeiten werden sich an gewissen Stellen angesprochen fühlen.

Als Jugendliche fasst die Ich-Erzählerin Ruth den Entschluss Schriftstellerin zu werden. Sie denkt gerne und viel nach und wird dabei von Kopfschmerzen geplagt. Neben ihrer Selbstreflexion reflektiert Ruth bewusst über das Tagebuchschreiben. Ihre Haltung dazu ist ambivalent: Einerseits empfindet sie es als süchtig machend und etwas Besonderes, andererseits stellt das Tagebuch für sie eine Gefahrenquelle dar, die - aufgrund einer ungewollten Entdeckung - zensuriert werden muss. Gerade in unserem 21. Jahrhundert, dem Medienzeitalter, sind diese Gedanken über das Tagebuchschreiben interessant. Es scheint nämlich aus der Mode gekommen zu sein, allerdings in neuer Form im Internet, als „Blog“, wieder aufzutreten.
Die Entwicklung des Mädchens Ruth zur Frau, Mutter und Großmutter ist gekennzeichnet durch das Thema Liebe. Ihr Zwiespalt besteht aus einer natürlichen Sehnsucht nach Männern und einem gleichzeitig erwägenswerten Leben ohne Mann.

Hautnah erfahren wir von den negativen Seiten des Daseins als freiberufliche Schriftstellerin. Drohende Armut und Existenzprobleme verlangen von Ruth Überlebenskunst. Es gilt bescheiden zu sein, die Depression zu überwinden und trotzdem beständig um ein Leben als unabhängige Schriftstellerin zu kämpfen. Besonders berühren ihre Selbstzweifel bei ausbleibendem Erfolg. Ruth hat einen starken Geltungsdrang und ihren Stolz. So begegnet sie den Widrigkeiten des Lebens mit viel Selbstironie.
Die spannende Verkettung der alltäglichen Erlebnisse einer einzelnen Person mit dem allgemeinen Zeitgeschehen des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist Ruth Aspöck gelungen. Die Tode von Bruno Kreisky und Ilse Aichinger bewegen die Ich-Erzählerin beispielsweise auf ganz persönliche Weise. Ruth ist ein politischer Mensch und daher spielt die Politik stets eine wichtige Rolle. Wien, ein Mekka der Heuchelei und „Freunderlwirtschaft“, wird letztlich zum Lebensmittelpunkt - und nicht das so begehrte Kuba.

„Nichts als eine langweilige Blindschleiche“ ist ein 500 Seiten starkes Buch. Die Kapiteleinteilung ermöglicht freilich nicht nur gedankliche, sondern auch zeitliche Pausen. Die Sprache ist direkt und von kurzen Sätzen geprägt. Dieser „Telegramm-Stil“ wechselt sich mit deskriptiven Passagen und detaillierten Gedankengängen ab. Das Tagebuch wird in der Rolle eines Gesprächspartners mit „Du“ angesprochen. Vereinzelt finden sich Anglizismen und alltagssprachliche Ausdrücke. Als Feministin meint Ruth natürlich nicht „so Gott will“, sondern „so Göttin will“. Ein deutlicher Unterschied liegt zwischen dem Sprachton der jungen und jenem der erwachsenen Ruth. Nach und nach entwickelt sich der anfangs kindliche, leicht aufgeregte zu einem ruhigen, überlegten Ton.
Formal gesehen hat „Nichts als eine langweilige Blindschleiche“ einige Merkmale des Entwicklungsromans. Der Untertitel „Eine Textmontage“ weist allerdings auf die besondere Erzählform hin. Aus ihren zahlreichen Tagebüchern hat Ruth Aspöck mit großer Sorgfalt eine Art Collage zusammengestellt, dadurch gewinnt das Buch einen leicht experimentellen Charakter.
Die ausgewählten Tagebucheinträge sind thematisch in 20 Kapitel gegliedert, wobei jedes Kapitel chronologisch in den 1960er Jahren beginnt und mit den Jahren 2006 oder 2007 endet. Die Zusammenhänge erschließen sich im Laufe der Lektüre. Einzelne Einträge überschneiden oder wiederholen sich dabei. Das letzte Kapitel lautet „Ende nie“, so wie eine leidenschaftliche und treue Tagebuchschreiberin wohl ewig ihre Gedanken niederschreiben möchte. Wir dürfen gespannt sein, ob Ruth Aspöck vielleicht noch einmal ihre Tagebücher für uns öffnet.

Monika Maria Slunsky
Oktober 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie gebennicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



 


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