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Gerhard Roth: Über Land und Meer.

Fotografien aus drei Kontinenten von 1995–2011.
Hrsg. v. Daniela Bartens und Martin Behr in Zusammenarbeit mit dem Franz Nabl-Institut Graz.
Mit Textbeiträgen von Daniela Bartens, Martin Behr und Gerhard Roth.
Wien, München: Christian Brandstätter Verlag, 2011.
304 S.; 1075 Abbildungen; Euro 49,90.
ISBN: 978-3-85033-311-5.

„Über Land und Meer“ ist nach „Atlas der Stille“ (2007) und „Im unsichtbaren Wien“ (2010) der dritte Fotoband von Gerhard Roth, der in qualitativ hochwertiger Ausstattung im Christian Brandstätter Verlag erscheint. Wie schon bei den beiden vorangegangenen Bänden haben Daniela Bartens und Martin Behr in Zusammenarbeit mit dem Franz Nabl-Institut Graz als Herausgeber fungiert. Sieht man die drei Bände als Ganzes, so kann man an ihnen die Bewegungen ablesen, die in Gerhard Roths schriftstellerische Arbeiten wie in seine Biographie eingeschrieben sind: die Reise führte vom Land, vom südsteirischen Grenzland, in die Hauptstadt Wien, die zum Lebensmittelpunkt wurde, und von dort schließlich hinaus in die Welt. So verlief es cum grano salis in Gerhard Roths Leben, so reist man lesend durch seine beiden miteinander verwobenen Zyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“.
Schreiben und Fotografieren sind für Gerhard Roth seit den 1970er Jahren zwei ineinander verschränkte Arten der Weltwahrnehmung. Ein Foto ist kein objektiver Blick auf und in die Welt. Es gibt eine räumlich und zeitlich determinierte, höchst subjektive Perspektive wieder, es ist die augenblicksgebundene Sicht des Fotografen, es ist nicht die oder eine Welt, sondern es ist seine, Gerhard Roths Welt, die wir auf seinen Bildern betrachten können. Roths Fotografien sind also Subjektivierungen der Welt mit nur vorgeblich dokumentarischen Mitteln. Aber da hier ein Schriftsteller fotografiert, ist in seinen Bildern bereits die Spur des Fiktionalen, die mögliche Geschichte angelegt – wie auch die Spur des Fiktionalen von den literarischen Texten wieder zu den Fotografien zurückführt. Denn hier schreibt letztendlich auch ein Fotograf.
Besonders deutlich gemacht wurde dieser intermediale Zusammenhang vom Autor selbst in den „Archiven des Schweigens“. Die Fotografien sind als „Im tiefen Österreich“ dem Zyklus vorangestellt, wodurch der in „Der Stille Ozean“ und „Landläufiger Tod“ erschriebene bäuerliche Mikrokosmos über die Fotografien authentifiziert wird. Die Fotografien wiederum werden im Kontext der Romane literarisch aufgeladen. Man entdeckt die Fiktionen in den Fotos und die Fotos in den Fiktionen. War aber in „Im tiefen Österreich“ aufgrund der Einbindung in den Zyklus kein Hinweis auf die Romane mehr notwendig, so werden die Bezüge von und in „Über Land und Meer“, das außerhalb des „Orkus“-Zyklus erschienen ist, über die Strukturierung des Bandes explizit gemacht.
Die Fotografien aus Japan werden mit faksimilierten Auszügen aus handschriftlich korrigierten Typoskripten zu „Der Plan“ eingeleitet. „Athos-Notizen“ – zum Roman „Der Berg“ gehörig – führen unter anderem zu Bildern vom Berg Athos. Der Roman „Der Strom“ wird referenziert über „Ägyptische Notizen“, die am Beginn der Ägypten-Fotos stehen. Eine handschriftlich bearbeitete Textstufe aus „Das Labyrinth“ steht am Anfang der spanischen-portugiesischen Bilderserie. Amsterdam und Den Haag werden mit Auszügen (und den handschriftlichen Notizen dazu als Faksimile) aus „Die Stadt“ verbunden. Am Ende des Bandes finden sich Passagen (mit Faksimiles von Notizbucheintragungen) aus dem umfangreichen, zuletzt erschienenen „Orkus“. Die Fotos in diesem Kapitel zeigen Impressionen aus Florenz und von der „Reise zu den Toten“, das heißt von Roths Besuchen der Gräber von Kafka, Joyce, Büchner und anderen, die symbolisch auf das Ende jeder Reise verweisen.

Gerhard Roths Fotografien – nicht nur in diesem Band – überzeugen vor allem durch die Motivwahl. Roth kommt an einen Ort und öffnet die Augen. Er versucht den Raum, die Landschaft und Architektur, die Menschen, die Details und Muster, das Offensichtliche und auch das am Rande liegende zu sehen. Deshalb sind Roths Foto-Bücher eine Schule des Sehens. Wer diese Bilder genau studiert, sich auf sie einlässt, wie sich der Fotograf auf den festgehaltenen Moment eingelassen hat, kann selbst so wie Roth sehen lernen. Hat man Roths Blick einmal nachvollzogen und verinnerlicht, kann man selbst nicht nur mehr an einem Ort sein, man kann den Ort auch sehen. Man wird tiefer erfahren, wo man ist und mit wem man eigentlich ist. Denn Roth hat nicht nur ein Auge für Dinge, sondern ebenso einen besonderen Blick für Menschen und Gesichter, es sind gerade auch die vielen und vielschichtigen Porträts, die faszinieren. Ohne jemanden vorzuführen, ohne jemanden bloßzustellen, aber auch ohne Idealisierung zeigen die Porträtfotografien „Über Land und Meer“ hinweg das, was Menschen und Menschsein ausmacht.

Wie schon „Atlas der Stille“ und „Im unsichtbaren Wien“ ist auch „Über Land und Meer“ ein wunderbarer Fotoband geworden. Für genaue Kenner von Roths Werk werden wohl die Verbindungslinien zu den literarischen und essayistischen Arbeiten Roths spannend sein. Man könnte hier bereits mit dem Titel beginnen: „Über Land und Meer“ hieß eine illustrierte Zeitschrift, die den Schweizer Dichter und Schizophrenen Adolf Wölfli, dessen Denken und Arbeiten Roth in „Orkus“ ein Kapitel widmet, bei seinen Schreibprojekten inspirierte. Wer mehr zu Roths Schreib- und Fotografierweise/n wissen möchte, sollte die flankierenden Texte von Martin Behr und Daniela Bartens lesen. Außerdem ist dem Band eine kurze Biografie des Autors beigegeben. Gerhard Roth selbst hat einen einführenden Essay beigesteuert, der in sehr eindrücklichen Bildern das Erinnern und Vergessen, das Vertrautsein mit dem eigenen Fremdwerden und die „Lust am Sich-Verirren“ beschreibt.
Die Lektüre der inkludierten Texte und das Erschließen der Kontexte über das schrifstellerische Werk von Gerhard Roth sind für ein lustbringendes Betrachten des Fotobandes allerdings keineswegs Voraussetzung. Gerade wenn man die möglichen größeren (Werk-)Zusammenhänge beiseite lässt und die Bilder für sich (im doppelten Sinne) betrachtet, kann man jene „Sekunden der Verzauberung“ (S. 9) erfahren, die Roth selbst beim Fotografieren verspürte.

Gerald Lind
18. Oktober 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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