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Bernhard Hüttenegger: Auch ich in Arkadien.

Reiseroman über Italien
Klagenfurt, Wien: Kitab Verlag, 2011.
Gebunden; 199 Seiten; Euro 16,00.
ISBN 978-3-902585-89-9.

Link zur Leseprobe

Ich wiederhole es bei jeder Gelegenheit und sage es in der „Presse“, im ORF und in meinen Literatur-Lehrveranstaltungen, so dass es schon ein Stereotyp geworden ist: Bernhard Hüttenegger ist der unterschätzteste der besten Schriftsteller Österreichs. Und ich werde es so lange sagen, bis dieser Dichter wieder dort steht, wo er hingehört, in eine der ersten Reihen der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Sein Fehler ist nicht, dass er gut ist, sondern dass er zu gut ist. Die Liste der Verlage, in denen seine Bücher bereits erschienen sind, liest sich wie ein
Who is who der deutschsprachigen Szene: Droschl, Residenz, Rowohlt, Zsolnay and so on. Kaum ein österreichischer Schriftsteller kann mehr Verlags-Transfers vorweisen als er. Mittlerweile könnte er wohl Seminare über die Editions-Hopperei halten, geschrieben hat er schon darüber. Hüttenegger hat sich die Verlagsleiter rauf und runter geschrieben, ohne bis heute tatsächlich einen Hausverlag gefunden zu haben, der langsam an eine Sammlung seiner Werke denken würde. Am ehesten noch der ein bisschen schrullige Kitab Verlag. Hüttenegger ist gleichsam der Klassiker ohne die klassischen Ingredienzien.
Schon der Vollständigkeit halber seien noch die übrigen, bisher unerwähnten Hütteneggerschen Verlagshäuser oder Vorzimmer der Literatur alphabetisch beim Namen genannt: Europa, Kitab, Pfaffenweiler Presse, Va Bene und Wieser. Zuletzt sind seine Bücher, wie gesagt, im Klagenfurter Kitab Verlag herausgekommen, so wie das neueste, der Reiseroman „Auch ich in Arkadien“.

Noch in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als er neben Artmann, Bernhard, Eisendle, R. P. Gruber, Handke, Hoffer, Innerhofer, Jelinek, Turrini und ein paar anderen die österreichische Literatur ausmachte, sprach er davon, mit den Verlagen insofern Glück gehabt zu haben, dass er sich nie und nirgends anbiedern musste. Auch vom Residenz Verlag wechselte er nicht aus Übermut, Rowohlt warb ihn sozusagen ab. Hüttenegger ging, weil seine Residenz-Bände in den großen deutschen Städten nicht aufgelegen sind.
Auf meine Frage im Jahr 1982, was für den Transfer den Ausschlag gegeben habe, sagte er mir damals klipp und klar: „Das immer mehr und mehr schrumpfende Echo meiner Bücher. Da habe ich mir gedacht, wenn von meinem nächsten Roman noch weniger verkauft wird, werde ich immer mehr verbittert und es gibt keine Hoffnung. Das wirkt sich ja auf das Schreiben aus. Ohne Hoffnung versteinert man.“ Dabei hat die Residenz-Auflage damals dreitausend Exemplare betragen. Eigentlich eine österreichische Traummarke. Heute noch.
Eine Traummarke, wenn man bedenkt, dass ihn Rowohlt bald fallen gelassen hat.
Bernhard Hütteneggers damalige Entscheidung war womöglich falsch, jedenfalls wollte er weiter kommen: „Ich muss zugeben“, meinte er mir gegenüber in einem langen Gespräch über das Leben vom Schreiben, ein immer interessantes Thema, „dass ich einen großen Ehrgeiz habe, nicht, um mit der Literatur etwas zu erreichen, sondern um in der Literatur etwas zu erreichen. Ich gebe alles und deshalb will ich auch alles.“

Vielleicht ist er als Autor sogar zu integer und konsequent. Das Verhältnis Verleger-Autor hat er sich immer sachlich vorgestellt, auch das Verhältnis Kritiker-Autor. „Ich pfeife auf persönliche Freundschaften, wenn sie ausschließlich einem Zweck dienen.“ Eine schriftstellerische Haltung, der unbedingt zuzustimmen ist. Keine Schande für das Schriftstellertum, um es anders zu sagen. Dabei ist Bernhard Hüttenegger, wie Kolleginnen und Kollegen bestätigen können, ein freundlicher Mensch.
Eigentlich wollte dieser exemplarisch österreichische Schriftsteller immer zu einem bundesdeutschen Verlag. Zu einem, dessen ökonomische und werbemäßige Möglichkeiten von Haus aus besser sind als jene eines österreichischen Durchschnittsverlags. Auch wegen der besseren Kontakte zu den wichtigen Feuilletons. Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, Zeit. Trotzdem wollte Bernhard Hüttenegger nie „der Sklave seiner eigenen Hochkonjunktur sein“. Für diese typisch kapitalistische Mentalität hatte er nie etwas über.
Heute schaffe man es wegen der Verquickung von Werk und Persönlichkeit. Oft würden sogar die persönlichen Geschichten überwiegen und damit habe er nichts am Hut. Dazu komme das Erfordernis der Schlauheit, auf Zeitströmungen in Hundertstelsekunden reagieren zu können. Diese intuitive Cleverness sei aber, stellt Hüttenegger fest, „einerseits eine Stärke, und wenn man weiterdenkt, eine Schwäche.“ Wahrscheinlich hält er es hier mit August Everding, der konstatiert hat, wer den Zeitgeist heiratet, wird bald Witwer sein.

Bernhard Hüttenegger wolle mit seinem Werk als Schriftsteller überleben. Er wisse ganz genau, was für ihn in Frage komme. Jedenfalls nicht der Ingeborg Bachmann-Preis, an dem er nie teilgenommen habe. „Ich schreibe mit niemandem um die Wette.“ Obwohl man das Gefühl hat, er trage seine Wettkämpfe mit sich selbst aus, zumal sein letztes Buch immer noch besser ist als das vorletzte, was ebenso für „Arkadien“ gilt, bei dem der ganze Titel zunächst irritiert, wenn man den versteckten Ich-Hinweis („Auch ich“) ernst nimmt.

Der erste große „Arkadien“-Besucher war nämlich der alleinige Großmeister der deutschsprachigen Literatur, Johann Wolfgang von Goethe mit der „Italienischen Reise“, weshalb es auf das erste Lesen hin anmaßend klingt, wenn ein heutiger Nachfolger meint, er sei – auch – da gewesen…
Johann Wolfgang von war „per Kutsche, zu Pferd und zu Fuß unterwegs“ (S. 10), wie Hüttenegger vermerkt. Natürlich war der Dichterfürst nicht der erste Besucher Arkadiens, vor ihm tummelten sich dort schon etliche Dichterbarone und –grafen… 
Arkadien, die Berglandschaft im Peloponnes, ein Schäferland, in dem man angeblich ländlich und sorgenfrei als Dichter leben konnte, wurde bereits von den Römern mythisiert und nach Italien verlegt. Johann Gottfried Herder bezog im Jahr 1787 in einem Gedicht Arkadien auf die italienische Landschaft. Auch Goethe wählte das im Jahr 1618 in einem Gemälde auftauchende „Et in Arcadia ego“ zum Motiv seiner italienischen Reise. Wieland, Schiller und Eichendorff folgten ihm.
Immer wieder ahmten Schriftsteller, die dem Realitätsdruck des Alltags entfliehen wollten, ihre Vorbilder nach. Die „Arkadienreise“, die in Wirklichkeit also nur nach Italien führte, wurde zu einem Ideal für die sich gebildet Wähnenden. Seit dem „Spaziergang nach Syrakus“ (1803) von Johann Gottfried Seume versuchten sich viele Schriftsteller in diesem Genre. Nun bereiste Bernhard Hüttenegger, der bisher vor allem als Nesologe, das heißt, Inselforscher, viele Inseln von Madeira bis Spitzbergen besuchte und beispielsweise in „Rockall“ darüber schreibt, das Land und setzte sich mit der Landschaft auseinander.
Im neuen Buch beschreibt er seine Entdeckungen in Venedig, Rom, Neapel sowie Genua, aber auch in kleineren Residenzen der Renaissance, wie Pesaro, und beobachtet den Untergang archaischer Lebensformen. Der Eros und der Wein waren dabei Triebfedern, die ihn zu manchen originellen Beobachtungen führten und den Zauber Arkadiens im sich zunehmend modernisierenden und globalisierenden Italien noch einmal, vielleicht ein letztes Mal aufleben ließen.

Bernhard Hüttenegger ist, was in diesem Band essentielle Bedeutung hat, ein aufmerksamer Beobachter, geduldiger Mensch und genauer Schreiber, ein „Einsamkeitsfanatiker“ (S. 11), den seine Expeditionen in die entlegensten Gegenden führen, so auch an „wilde Flüsse“ (S. 103), „löchrige Seen“ (S. 132) und zum „Aalfest von Comacchio“ (S. 190). Die ungemein genaue Sprache lässt die Leserin und den Leser gleichsam mitgehen, wenn er „unweit des Zentrums“, in einem „Hinterhof“, zum Beispiel den „Tittenbrunnen“ (S. 95) sucht oder in Ascoli Piceno auf der Piazza del Popolo in aller Früh „lustwandelnd“ seine freie Bahn genießt (S. 165). Beim Lesen kommt das Gefühl auf, man begleite den Reiseschriftsteller.
Daher: Auf zur Wanderung mit Bernhard Hüttenegger, der über seine Reise anmerkt: „Ich habe darüber geschrieben, um andere daran teilhaben zu lassen.“ (S. 12.) Und noch eindringlicher beziehungsweise nachhaltiger: „Ich wollte dorthin, wo das Glück wohnt.“ (S. 12.)
Ich lade Sie ausdrücklich ein, Bernhard Hüttenegger zu lesen!

Janko Ferk
18. Oktober 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 























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