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Bereuter/Bauer (Hrsg.): Wortlaut 11. Z irkus.

Der FM4-Literaturwettbewerb. Die besten Texte.
Wien:
Verlag Luftschacht, 2011.
140 Seiten; broschiert; Euro(A) 14,-.
ISBN 978-3-902373-88-5.

Link zur Leseprobe

Der Zirkus ist diesmal Thema des Kurzgeschichtenwettbewerbs, den der „Jugendkulturradiosender des Österreichischen Rundfunks“ FM4 seit 2002 jährlich ausschreibt. Dessen Hörerinnen und Hörer waren aufgefordert Texte einzusenden - gut 800 sollen es gewesen sei, aus Deutschland, Österreich und auch anderswoher. Das Buch für und von FM4-HörerInnen, das nun bei Luftschacht erschienen ist, bietet Texte von Rosemarie Eichinger, Christa-Madhu Einsiedler, Karl W. Flender, Daniel Kindslehner, Markus Mittmansgruber, Nikolaus Neu, Romina Pleschko, Wolf Schmid, Susanne Schramm, Isabella Straub; und die zehn Siegertexte könnten kaum unterschiedlicher auf das vorgegebenene Thema reagiert haben.
Die Erstplatzierte Isabella Straub verweigert das Thema schlichtweg – absichtlich, wie die Autorin erzählt. Straub legte einen Text vor, in dem eine alte Dame und ihre Kruzifix neben einem gelangweilten Pärchen eine tragisch-komische Rolle einnehmen. Jesus habe Isabella Straub zum zentralen (Fetisch-)Objekt der Geschichte gemacht, weil er ihr auf die Frage, was sie am wenigsten an „Zirkus“ erinnere, als erstes einfiel. Anderswo wird der Bezug ironisch als „pragmatischer“ enttarnt: Rosemarie Eichinger zum Beispiel hätte kein Problem, in ihrer Geschichte Zirkus mit Zeh einen Playmobil-Zirkus als Hort eines abgetrennten handlungstragenden Zehs nach Bedarf gegen einen Heustadl auszutauschen. Hauptsache, das Schreiben (und Lesen, angenommener Weise) mache Spaß. Zum konkreten Handlungsort hat es der Zirkus in keinem der zehn Texte geschafft, er wurde durch andere skurrile wie alltägliche Räume ersetzt: Wohnungen, Kneipen, Mauthäuschen oder einen Friedhof, etwa bei Karl W. Flenders Kurzgeschichte Fast wie Florida, die den dritten Platz gewann, und in der ein Junge seiner todkranken Mutter und verrückten Oma beim Verwesen zusieht. Der Blick aus dem trauten Heim auf den Friedhof diese morbide Wohn- und Ausgangssituation, so der Autor, habe ihn zum Text inspiriert.

FM4 stellte Portraits der AutorInnen online, die eben nicht etablierte Schreibende, sondern Quer-, Jung- und Späteinsteiger sind, mit Studienabschlüssen in Kreativem Schreiben und Kulturjournalismus, Betriebswirtschaftslehre, Medizin, Psychologie, Germanistik, Kulturwissenschaften, Philosophie oder Vergleichender Literaturwissenschaft, die als JournalistInnen arbeiten, in der Kulturszene mitmischen (z.B. als Sänger), sich als freie GeisteswissenschaftlerInnen verdingen oder freischaffende Werbetexterinnen und Buchhändler sind. Diese Portraits versprühen erfrischend wenig an inszenierter Aura oder Genieanspruch rund um die AutorInnen: Die Muse darf da ruhig mal das TV sein. So berichtet Rosemarie Eichinger im Interview, dass der Titel zu ihrer Geschichte ihr abends beim Fernsehen einfiel. Die Navy-CSI-Folge Ein Bein in West Virginia habe sie zum Titel der erwähnten Geschichte Zirkus mit Zeh inspiriert, und zu solch einem Wortspiel habe sie dann einfach eine passende Geschichte finden wollen.
Ob „Wortlaut“ tatsächlich geeignet ist junge literarische Talente zu fördern kann durchaus diskutiert werden. Viel amüsanter aber ist es, die Diskussionen rund um die Texte den UserInnen, HörerInnen, KommentatorInnen zu überlassen. Wie jedes Jahr publiziert
Der Standard den Siegertext des Wettbewerbs im Album, wo er den berüchtigten (anonymen) Online-KommentatorInnen ausgeliefert wurde. Was LeserInnen von Texten wollen und welche Anforderungen sie an diese stellen bietet rezeptionsanalytisch eine Fundgrube für KritikerInnen, die in Zeiten der digitalen (Literatur-)Kommunikation ohnehin die eigene Sinnhaftigkeit angesichts tausender Privat-KritikerInnen im Web hinterfragen müssen.
Der Poster „Franz Kafka“ wirft dem Siegertext Themaverfehlung vor, wird über den Hinweis auf den
Salto im Titel korrigiert und zweifelt denn doch an dieser Logik, nach der man ja „in jedem text zu jedem thema einen bezug herstellen“ könne, worauf eine kurze Bewertungs- und Sinndiskussion rund um Jury, Wettbewerbe, Themenvorgaben und Preise ausgelöst wird (womit sich die Postenden in eine höchst aktuelle Debatte, die jährlich rund um den Bachmann-Preis geführt wird, einklinken). Diskutiert wird in der kleinen Interpretationsgemeinschaft auch, inwiefern der Siegertext als „brav“ und „klassisch“ oder subversiv eingestuft werden könne, ob man sich vom „oralsex zu beginn“ schockieren ließ („hätt ich auch nicht gebraucht, ansonsten sehr schön“), ob dieser freche Provokation („sollen wir jetzt ernstlich darüber diskutieren, wie „brav“ ein text mit einem derart blas-phemischen auftakt ist”) oder doch langweilig sei („das bißchen andeutung von oralsex? na ja...“). Die in „akademischen“ Kritikerkreisen vieldiskutierte Frage nach dem „Roche-Syndrom“ weiblichen Schreibens wird ebenfalls angerissen.

Und die anderen Textergebnisse des FM4-Wettbewerbs? Ein wenig irritierend ist die Geschichte Unerwünscht, in der eine Figur namens Rick, ein Zirkusarbeiter, angeblich mit Kärntner-Slowenischen Wurzeln (durch miserables Migrantendeutsch ausgewiesen als „Tschusch“ und als solcher auch angepöbelt) in einer Dorfkneipe von Stammtischrassisten zusammengeschlagen wird. Das Deutsch und die Figur wirken aufgesetzt, besonders unglaubwürdig aber ist der Rettungsengel Kurtl, der am Ende nicht nur in die Schlägerei männlich und wirksam eingreift, sondern auch noch dem armen Rick Restgeld zusteckt. Als (moralische) Identifikationsfigur ist dieser anbiedernde Gutmensch leider allzu platt.
Etwas übertrieben versucht auch der Autor des nächsten Textes
Clowns seine Derrida-Lektüre in seinem sonst feingesponnenen Text unterzubringen, es ist aber andererseits ein sprachliches Vergnügen.
Eine charmante Grundidee trägt den Text
Wanderzirkus. Hier ist es ein Student, der an der „Mautstelle Schönberg, Brennerautobahn“ an Liebeskummer und Frust leidend seine Arbeit im Mauthäuschen erledigt. Die Innenperspektive und der fühlbar enge Handlungsort verleihen der Erzählung eine beklemmend-witzige Atmosphäre.
Sehr amüsant und überzeugend ist auch der Text
Hans´ Brunch, der Innere Monolog eines Bürgermeisters, der mit dem Selbstmord und den Korruptionsvorwürfen eines Kollegen auf recht bodenständige Art zurechtzukommen vermag.
Und der letzte Text
Zirkuskind wirkt geradezu wie ein Höhepunkt der kleinen Zusammenstellung: auf wenigen Seiten wird sprachlich gekonnt ein Bogen von Vertreibung und Flucht, Migration, Rassismus, Kindheit, Körper und Tod gespannt.

Ob sich ein eigenes Label - FM4-Texte vergleichbar der FM4-Musik - herausschälen lässt aus diesem Textalbum? Dies sollen die FM4-Hörer und Hörerinnen als deklariertes Zielpublikum ausdiskutieren, gegen jede Literaturkritik von oben, ganz dem Anthologieprojekt entsprechend. Wir verleihen dem Büchlein 8 von 10 Zirkusdirektorhüten.

Elena Messner
20. Oktober 2011

Originalbeitrag

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