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Daniel Wisser: Standby.

Roman.
Wien: Klever Verlag, 2011.
200 Seiten; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-902665-37-9.

Link zur Leseprobe

Er ist Teamleiter in einem Callcenter, verheiratet, aber auf der Suche nach Affären, in einer sicheren Position und dennoch trägt er sich mit dem Gedanken, die Stelle zu kündigen, eine kleinbürgerliche Existenz, die sich in einem zwanghaften Verhalten utopischen Träumen, Zerstörungsphantasien und apokalyptischen Visionen hingibt.

Daniel Wisser, Musiker, Verleger und Autor, beschreibt in einer radikalen Innenperspektive das Wochenende eines Callcenter Angestellten, dessen Leben sich nur mehr auf das Funktionieren konzentriert: das Funktionieren des Teamleiters im Arbeitsprozess, das Funktionieren des Körpers beim Geschlechtsverkehr, das Funktionieren als Teil eines Systems. Ein System allerdings, das in der Wahrnehmung des Protagonisten dem Untergang geweiht ist. Denn die öde Leere einer stupiden Tätigkeit, die immergleiche tagtägliche Abhängigkeit von unbeeinflussbaren Prozessen rufen in ihm Weltuntergangsvisionen hervor, die allerdings von Zufriedenheit und Genugtuung begleitet sind: „Bald wird der Untergang ihrem kümmerlichen Leben ein Ende bereiten. Das große Sterben wird beginnen.“ (S. 37)

Dabei fokussiert sich seine Wahrnehmung zunehmend auf Frauenfiguren, die ihn umgeben: „Die“ Frau, seine Ehefrau, mit der ihn kaum mehr als eine gemeinsame Wohnung verbindet und deren Tod er sich wünscht; Eva, die ihn in der Karriere überholt hat und zur Assistentin der Geschäftsführerin aufgestiegen ist und Sabine, die Urmutter einer neuen Zivilisation: „Sabine und er werden sich retten, werden einander retten, bevor die Katastrophe begonnen haben wird.“ (S. 8) „Er wird eine neue Welt gründen, (…) Arbeit und Fruchtbarkeit werden die wichtigsten Grundsätze dieser neuen Zivilisation sein, (…) Es wird ein gesundes Volks sein, dem Depressionen unbekannt sein werden und ebenso Magersucht, Übergewichtigkeit oder erhöhter Blutdruck.“ (S. 111)

Seine Überlebensstrategie, Dreck und Chaos, die er überall erblickt zu überleben, indem er darauf zugeht, ist mehr Wunsch als Tatsache, zumal er, dem Ordnung zwanghaft wichtig ist, peinlich darauf bedacht ist, gut zu riechen, nicht zu schwitzen, und alles, was er anfasst, nach Möglichkeit vorher zu reinigen oder zu desinfizieren. Unsicherheit gepaart mit Verlegenheit lässt ihn Eva umkreisen, jene Frau, die sich ihm immer wieder entzieht und die er dennoch bewundert, die er ob ihrer Karriere beneidet, deren sexueller Anziehung er sich jedoch nicht entziehen kann. Sie ist die einzige, die - scheinbar vollkommen vom System in Besitz genommen – sich letztlich doch dem System entziehen will.

Wissers Sprache ist die Sprache einer technoiden digitalen und körperlosen Welt, deren mitunter gezwungene Passivkonstruktionen wie schlecht ins Deutsche übersetzte Gebrauchsanweisungen zu lesen sind: „Schnell wurde von ihm bezahlt und aufgestanden.“ (S. 75) und deren starre Systemhaftigkeit Ausdruck einer emotional verarmten Welt ist, die aus Arbeitssystemen und Mensch-Maschinen besteht. „Es gibt nur den Körper und sonst nichts und der Körper tut, was der Körper will. Er selbst kann nichts tun. Also gibt es ihn gar nicht (…) Dem Körper darf keine Macht gegeben werden und doch hat er alle Macht. (…) Der Körper muss von der Welt abgetrennt werden, (…) (S. 163).

Einzig die immergleichen, lange geübten Handgriffe geben ihm Sicherheit und manchmal die Hoffnung, sich von all dem mit einem Schlag befreien zu können. Er träumt von Naturkatastrophen, Kriegen, einem atomaren Super-GAU, dem Untergang, der alle hinwegraffen wird. Nur er und Sabine werden “über den Hungernden und Verhungernden thronen, die die letzen Exemplare ihrer Art sein werden.“ (S. 189), womit Wisser den Bogen von Depression, Frustration und Desillusionierung zu präfaschistischen Ansätzen von Hoffnungs- und Ziellosigkeit spannt, jener Irrationalität, die sich als das „Andere der Vernunft“ (Böhme/Böhme 1983) den Weg in eine durchrationalisierte Gesellschaft bahnt.

Eva Maria Stöckler
25. Oktober 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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