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Susanne Strnadl: Orinoco.

Roman.
Wien: Seifert Verlag, 2011.
222 S.; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-902406-83-5.

Link zur Leseprobe

Die Ich-Erzählerin Anna schart einen dichten Personenkreis um sich, der aus ihrer Tochter Melanie, dem Ex-Mann Joe, dem Chef Hugo, dem schwulen Freund Viktor, dem Sex-Partner Fred, dem als Kollegen wiederkehrenden One-Night-Stand Daniel, der Therapeutin Eva, der Freundin Angelika und einem Apotheker namens Robert besteht.

Anna hat zu ihrem vierzigsten Geburtstag von ihren Freunden einen Kabarettauftritt geschenkt bekommen und fühlt sich seither aus der Bahn geworfen. Zwar hat sie Einfälle zu hauf, aber der Gedanke, auf der Bühne zu stehen, macht sie mehr als nervös. Die Alpträume und Fantasien, die sie heimsuchen, ebenso wie die allergisch reagierenden Ohrläppchen lassen sie kribblig durchs Leben marschieren. Freunde und Kollegen sind die Leidtragenden, nur die zwölfjährige Melanie trägt die Launen der Mutter gelassen.
Während Melanie instinktiv spürt, welche Rollen die verschiedenen Männer im Netzwerk ihrer Mutter spielen, ist Anna sich da nicht immer sicher. Der Ex-Mann Joe ist nach wie vor ihr bester Freund, obwohl auch Viktor für diese Rolle in Frage kommt. Nur dass Joe, den Melanie favorisiert, sich Anna gegenüber ambivalent verhält, was bei Viktor nicht vorkommt. Fred, der anfangs nichts weiter als ein schlichter Sex-Partner für Anna ist, entdeckt plötzlich Gefühle für sie und will heiraten, während Daniel, der nach einem echten Lover aussah, sich als kaltschnäuziger One-Night-Stand-Sammler entpuppt. Also reißt es Anna durch den Strudel der Verhältnisse, wobei sie ständig einen flotten Spruch auf den Lippen trägt.

Der bevorstehende Kabarettauftritt ist der rote Faden, der durch gefühlsmäßige Höhen und Tiefen führt und in wiederkehrenden Überlegungen ent- und verworfen wird. Von allen Seiten holt Anna sich Anregungen und kommt doch zum Schluss, dass ihr Leben, so wie es ist, das beste Kabarettprogramm ergibt, das sie sich vorstellen kann. Schon ihre Tätigkeit als Journalistin eines minderwertigen Zeitungsblatts erscheint ihr als geeignete Grundlage. Dazu kommen nun jene Verwicklungen, die sich ergeben, wenn eine Frau die sexuelle Befreiung ernst nimmt und Männern mit Humor und Schlagfertigkeit begegnet. Für Schwächen aller Art ist Anna einfach zu einfallsreich und ihr Mundwerk steht nicht still, wenn es um gute Antworten geht. Allfällige Tiefpunkte überwindet sie weniger mit ihrer Therapeutin denn mit Tochter oder Freundin. Auch Viktor und Joe oder Hugo sind für Rückenstärkung gut. So gewappnet geht die polternde Anna gegen Daniel auf Rachfeldzug.

Der von Dialogen dominierte Debütroman der Wissenschaftsjournalistin Susanne Strnadl ist dem Thema „Kabarett“ gemäß voller Pointen. Einziger Nachteil ist, dass im Roman die Pointen untergehen, wenn sie im Kontext zerredet werden. Wie im „echten“ Kabarett dreht sich alles um die Ich-Erzählerin. In der Hauptsache redet (oder denkt) Anna, während die anderen Personen als Stichwortgeber fungieren. Dass die Autorin die witzigen Dialoge oft mit einem „Lacher“ kommentiert, hätte nicht sein müssen. Das erinnert eher an den befremdenden Lachhintergrund amerikanischer Comedy-Soaps. („Anna“, sinniert er, „schöner Name. Darf ich ihn verwenden?“ „Ich weiß nicht. Ich finde, Robert passt besser zu Männern.“ Er lacht sofort. Entweder er kennt die Art von Witzen oder er schaltet schnell. S.170)

Was der Autorin überzeugend gelingt, sind die verschiedenen Rollen, die Anna als feinfühlige Ex-Frau, als emanzipierte Sexpartnerin, als liebevolle Mutter, als gekränkte Geliebte, als kämpferische Journalistin, als anlehnungsbedürftige Freundin, als Frisch-Verliebte mit Freud’schen Versprechern auf der Zunge und als lampenfiebrige Kabarettdebütantin wechselvoll einnimmt und wie sich dabei immer selbst treu bleibt. Susanne Strnadl ist möglicherweise die geborene Kabarettistin, wie Anna, die ohne viel Umschweife auf ihr Ziel lossteuert und sich mit wilder Entschlossenheit zum Witz bekennt – den Versuch wäre es wert.

Beatrice Simonsen
10. November 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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