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Wolfgang Bleier: Die Arbeitskräfte.

Wien: Klever Verlag, 2011.
113 Seiten; broschiert; Euro 15,90.
ISBN 978-3-902665-32-4.

Link zur Leseprobe

„Jeden Morgen gehen wir zur Arbeit in unser Gefängnis;“ (S.10).
Wolfgang Bleier wählt in seinem neuen Werk die Arbeitswelt als Thema. Passend daher der schlichte aber aussagekräftige Titel: „Arbeitskräfte“. Es ist ein knappes Buch, 113 Seiten, über ein ständiges Schuften, Schleifen, Sägen. Kurz: über das Leben des arbeitenden Menschen. Es zeigt eine Welt, in der der Mensch nicht mehr ist als „ein Rad, das getrieben wird“. Ein Wesen, das – kaum wurde der letzte Brei der Kindertage gelöffelt – in Büros, Ämter und Fabriken gesteckt wird. In die Zelle unseres Lebens.

Bleier arbeitet die täglichen Phänomene der Arbeitswelt literarisch auf. Prosa anstatt eines ökonomischen Sachbuchs, das versucht, das Leben und dessen Funktionsweisen zu erklären. In und zwischen den Zeilen gelingt Bleier diese Beschreibung - mit Präzision und dennoch mit einem breiten Blickwinkel.
Probleme spart er dabei freilich nicht aus, akzentuiert sie eher durch seine bildhafte Sprache: Von Überforderung erzählt der Text, von Perspektivenlosigkeit, Demotivation, Verzweiflung, Kreuz- und Kopfschmerzen. Und auch von Menschentypen: Wie gehen wir mit dem täglichen Trott um? Da der brave Arbeiter, der täglich in seinem Laufrad rennt. Dort ein Trinker, der das Pensum, die Einfalt nur mit Alkohol durchhält. Triste Gesichter im Werksbus. Und „Kopftücher“ an den Maschinen der Textilunternehmen.

Freizeit hat der arbeitende Mensch wenig, und wenn doch, dann weiß er oft nichts anzufangen mit der unproduktiven, leeren Zeit. Hat es verlernt. Das Hirn ist abgestumpft, ebenso jedes Gefühl, jede Meinung. „Ich habe einen nackten Mund, das nackte Gesicht, das Geschlecht und den Mund habe ich eingewintert. Die Stempeluhr sticht ins Fleisch.“ (S.22)
Es mangelt an qualifizierten Arbeitskräften. Und den Arbeitern mangelt es an Bewegung, nicht aber an Leibesfülle. Die Gesellschaft krankt, die Schere klafft auseinander. Das Arbeitsleben ist von Staub und Manipulation verdreckt: „Kann man niemanden schlagen, muß man eine Person beugen mit Worten, die rechte Hand des Chefs hat gesprochen wie Schneidewind: von nun an sollst Du ein Menschenfresser sein und Arbeitstier.“ (S.15)

Ein fröhliches Bild ist es freilich nicht. Düster und modrig ist die Welt der Maschinen. Die Natur wird von der Technik zurückgedrängt. Ein Automatismus übernimmt. Wie schon in seinem Werk „Verzettellung“ (2005), widmet Bleier sehr viel Platz den Vögeln! Immer wieder dringt die Sehnsucht nach dem Ursprung durch – nach dem barfußen Kind, nach der Wiese, dem Sonnenlicht: „Hier sitze ich und schreibe Sätze aus Gerüchen und Geräuschen. Buchstaben bedecken die Blöße des Papiers. Von meinem Platz aus sehe ich, daß die rote Ziegelmauer Wärme abstrahlt, wo der schneeweiße Holunder verblühte.“ (S.49)
Selten kann eine Reportage über Fabriken und Firmen so starke Bilder erzeugen. Wer Handlung sucht, wird aber von diesem Buch enttäuscht sein: Ein Roman mit Story will dieses Werk nicht sein. Eher eine sprachgewichtige Abhandlung. Die Perspektive ist dabei eine sich ständig wandelnde. Personen und Figuren sind verschwommen. Es gibt das Ich, das in den Vorder-, aber lange auch in den Hintergrund tritt, um der Sprache freien Lauf zu lassen.

Bleiers Sprache ist das Eigentliche in diesem Werk. Er arbeitet mit Metaphern und Metonymien, verdichtet seine Sätze stark. Sprache wird zerschnitten, neu zusammengestückelt, entwickelt ein Eigenleben – aber mit Rhythmus. Bleier verlangt vom Leser Aufmerksamkeit, belohnt mit klaren Bildern, lyrischer Prosa, auch schwarzem Humor. Hinzu kommen starke neue Wortkreationen, die das Leseerlebnis intensivieren.

Emily Walton
16. November 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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