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Engelbert Obernosterer: Das grüne Brett vor meinem Kopf.

Ein Rondo.
Klagenfurt-Wien: Kitab Verlag, 2011.
134 Seiten; broschiert; Euro 14,-.
ISBN 978-3-902585-54-7.

Link zur Leseprobe

Der allmorgendliche Blick aus dem Fenster auf seine nächste Umgebung ist der erste Eindruck, den Engelbert Obernoster von einen neuen Tag gewinnt. Es ist die immer gleiche Routine. Nicht nur das Zähneputzen, sondern auch die Beobachtung, wie ein alter, weißbärtiger Mann seine vollen Milchkannen zur Abholstelle schleppt. Fast überzeitlich erscheint dem Autor dieses Tun des alten Mannes und er sieht darin Natur und Geschichte des Gail- und Lesachtals gespiegelt. Der Alte Mann wird zur „Säule innerhalb der Wechselhaftigkeit eines ländlichen Morgens“.
Das Wetter und die beengte Natur des Alpentals sind die prägenden Faktoren, die das Leben der Menschen bestimmen. So veranlasst eine nahende Schlechtwetterfront die Nachbarin zum hektischen Möbelrücken. Oder die langen Winter, die auch im Sommer das Leben der Leute im Tal bestimmen, indem sie Vorbereitungen für die kalte Jahreszeit treffen. Bei Engelbert Obernosterer steht der Winter nicht für das Freizeitvergnügen des Skifahrens, sondern für Kälte und das Ausgeliefertsein an die unwirtliche Natur.

Das Tal wird als beengend beschrieben: „Wenn auf dem flachen, nach allen Seiten hin offenen Lande aus allen Richtungen Freunde wie auch Feinde, erfreuliche Neuigkeiten ebenso wie Enttäuschungen und Gefahren, auf die es zu reagieren gilt, eindringen können, so verhält es sich in unserem geradeaus nach Osten laufenden, vom Norden wie vom Süden durch je eine Bergkette begrenzten Tal anders, einfacher. Drohen die vielen Möglichkeiten des offenen Landes, die Bewohner mit vielerlei Angeboten bisweilen in tausend Stücke zu reißen, so bleibt der im Tal Ansässige von solcher Verirrung verschont: Auch im schlimmsten Fall ist er nicht mehr als zwischen zwei Möglichkeiten hin und her gerissen.“
Der Autor charakterisiert in seinen Miniaturen Nachbarn, Bekannte und Menschen, die er oft nur durch Zufälle bei Spaziergängen trifft oder beobachtet. In wenigen Zeilen findet er das Wesentliche einer Biographie. Die unzufriedene Nachbarin, der keine Wohnung recht sein kann, weil sie sich etwas Besseres erträumt hatte. Der Schuldirektor, der sich als vielgereister Mann in diesem Tal, das für ihn die Peripherie des Weltgeschehens darstellt, fehl am Platz fühlt. Der Rentner, der auf der Suche nach der Erinnerung an ein erotisches Abenteuer vor vielen Jahren an einem See verharrt und doch nicht mehr den Ort des prägenden Erlebnisses wieder findet. Der Bauer, der mit einem ererbten Vermögen so überfordert ist, dass er sich letztendlich das Leben nimmt.

Der ehemalige Volks- und Hauptschullehrer Engelbert Obernosterer, der fast sein ganzes Leben im Gail- und Lesachtal verbracht hat, beschreibt diese Schicksale skizzenhaft mit einem genauen und ruhigen Sprachduktus. Er schreibt vom Scheitern und Verzweifeln der Leute, von ihren unausgelebten Wünschen und Bedürfnissen ohne anzuprangern oder zu urteilen. Nur selten setzt er einen Hieb auf die „Oberen des Tals“ oder auf den verstorbenen Landeshauptmann Haider.
Auch hier nennt er keine Namen. Fast alle Personen bezeichnet er nur mit einem Anfangsbuchstaben oder beschreibt sie nur über ihre berufliche Funktion. Die Geschilderten werden sich dennoch erkennen. Die Welt, die Obernosterer beschreibt, ist klein. So könnte man den Band auch einen Schlüsselroman des Gailtals nennen, doch die beschriebenen Schicksale und Tätigkeiten haben etwas überörtliches und -zeitliches.

Immer wieder schildert der Autor die Abgeschiedenheit, das Provinzielle des Tals und doch, diese kleinen Miniaturen, aneinandergereiht wie Perlen an einer Kette, stehen für das Leben von Menschen, wie es überall passiert. Unspektakuläre, alltägliche Schicksale. Menschen, geprägt von gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen, aus denen sie kleine Fluchten suchen ohne einen wirklichen Ausweg zu finden. So werden für den Beobachter Obernosterer die immergleichen Handlungen der Menschen oft das prägende Erlebnis.
Der Blick aus dem Fenster, mit dem der Autor sein Rondo begonnen hat, ist der Blick, mit dem er es auch enden lässt. „Mit der Stupidität einer Fliege, die auf der Ebene der Fensterscheibe umhertastend nach einem Ausweg sucht, habe auch ich die längste Zeit versucht, aus meiner Ebene hinauszugelangen und etwas von dem zu erfassen, was außerhalb des Fensters vor sich geht. Aber ich bin nicht weitergekommen als zu diesem grünen Brett vor meinem Kopf.“
Manchmal wirkt dieses Buch wie ein Resümee des Kärntner Autors über sein eigenes Leben. Er ist nicht weit hinausgekommen in die Welt, das „grüne Brett vor seinem Kopf“, wenn er aus dem Fenster blickt, bestimmt sein Leben und sein Schreiben. Aber muß man wirklich mehr sehen, um die Schicksale von Menschen beschreiben zu können?

Spunk Seipel
21. November 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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