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Leseprobe: Engelbert Obernosterer - Das grüne Brett vor meinem Kopf.

In der Zeit, als ich am hiesigen Gymnasium unterrichtete, wird unserer Schule ein weit gereister, mit den Gedanken weiterhin in anderen Ländern sich ergehender Weltbürger als Direktor zugeteilt. Natürlich verachtet er die unter seiner Würde liegenden Kanzleiarbeiten, wie auch das spießige Städtchen einschließlich der ihm unterstellten, großteils bodenständigen Professoren, setzt sich ostenstativ über die hier geltenden Maße und Werte hinweg, ignoriert das wichtigtuerische Pfäfflein, das sich in alle Erziehungsfragen einmischt und belächelt die biederen, allzu besorgten Eltern der Schüler.

Einmal, als er nachmittags, vermutlich angeödet von Verwaltungsarbeit, aus der Kanzlei kommt, ruft er mir durch das Stiegenhaus hinauf zu, er möchte endlich wieder einmal vögeln. Ich meine, nicht recht gehört zu haben, so schrill, so unpassend klingt so ein Satz in einem Schulgebäude. Der Putzfrau neben mir bleibt mitten in der Bewegung der Wischfetzen stehen. Wie um Gottes willen geht denn das zusammen: ein von Amts wegen bestellter Wahrer der moralischen Maßstäbe, das vor Sauberkeit blinkende Stiegenhaus und darin dieser Ausdruck, den eine anständige Frau beim Erzählen des Vorfalls nur andeuten, niemals aber in den Mund nehmen wird?

Zwar hat der in der Abgeschiedenheit des Tales verloren wirkende Mann gelegentlich durchblicken lassen, dass seine emanzipierte Gattin gewissen seiner Anwandlungen nicht in gewünschtem Ausmaß nachzukommen pflegt - das kann auch eine nicht emanzipierte Frau verstehen -, ebenfalls verzeihlich, dass selbst ein Repräsentant von Moral und Bildung unter gewissen Umständen die Kontrolle über seine Zunge verliert und vergisst, was er seinem Ansehen schuldet, aber das sollte denn wohl wie die entsprechenden Intimitäten abseits der Öffentlichkeit geschehen. Vieles kann eine erfahrene Ehefrau auch hierorts sich zusammenreimen, vieles verstehen und stillschweigend darüber hinweggehen, nur: Dieser Ausdruck ist in keinen Einklang mit der Umgebung zu bringen. Und so schwebt er noch heute als Disharmonie durch das Stiegenhaus, hallt von den Betonwänden und wimmert durch die Seitentrakte- wie eine unerlöste Seele.

Ich notiere dies von einem seit langem unveränderten Stand- beziehungsweise Sitzort aus. Der Blick geht an der Kante des PCs vorbei hinaus in den Talboden, wo derzeit schwere Traktoren unterwegs sind; Staubwolken hinter sich aufwirbelnd, holpern sie entlang einzelner Ackerstreifen auf und ab. Irgendeinmal sind alle wieder verschwunden und es tut sich nichts in der weiten Ebene und auf dem Fuhrweg, der von den Häusern weg sich auf den Fuß des bewaldeten Hanges zuschlängelt.

Wenn sodann pünktlich zur gewohnten Zeit der alte Tierarzt E., die Hände auf dem Rücken, auf seiner selbst verordneten Gesundheitsstrecke mein Fensterviereck quert, so weiß ich längst, wie es weitergeht: Die Rückenfigur wird kleiner, die Farben der Kleidung nähern sich den erdigen Tönen von Feldweg und Holz und in einem Maße, wie der räumliche Abstand zur düstergrünen Flanke sich verkleinert, verkleinert sich auch der farbliche Unterschied zwischen Figur und Hintergrund. Hier im lautlosen Aufkommen und Niederbrechen, das sich einen Deut darum kümmert, in welchem Jahrtausend es abläuft, sorgen auch die Vorgänge des optischen Erfassens dafür, dass sich die Einzelheiten nicht längere Zeit aus der Gesamtheit herausheben und abgrenzen. Tatsächlich, als ich wieder den Kopf hebe, sehe ich vom Tierarzt nichts mehr. Untergetaucht ist er in der Fleckigkeit des Waldrandes.

(S. 34-36)

© 2011 Kitab Verlag, Klagenfurt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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