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Barbara Frischmuth: Vergiss Ägypten.

Ein Reiseroman.
Berlin: Aufbau Verlag, 2008.
221 S.; geb; Euro18,90.
ISBN 978-3-351-03227-2.

Link zur Leseprobe

Valeries Sinne, die dem Anderen begegnen, verlieren sich in einem Detail und wandern weiter, um sich von neuem im Meer der möglichen Geschichten zu versenken. "Ich möchte dieses Land begreifen, das funktioniert nur über Menschen", meint sie, und die Chronistin gibt sich dem Land am Nil mit seinen Bewohnern, Einwanderern und Mythen hin.

Barbara Frischmuth, deren Werk sich seit langem mit der Frage nach Identität und Fremdheit beschäftigt, verlegt den Schauplatz nach ihrem frühen Roman "Das Verschwinden des Schattens in der Sonne" (1973) nun wieder auf orientalischen Boden. Diesen Boden befühlt ihre Protagonistin Valerie nicht nur mit den Erfahrungen, die sie auf ihren Vortragsreisen in Ägypten macht. Sie nähert sich auch durch eine unbestimmte Sehnsucht nach ihrer Jugendliebe, dem Ägypter Abbas, dem sie in den Gesichtern und Geschichten ihrer Begegnungen nachzuspüren sucht, an die Wirklichkeiten des Landes an. Wie hätte ein Leben für Abbas und sie – vor allem für sie – aussehen können? Auf diese Frage geben Stimmen von Europäerinnen, denen die Suchende auf ihrer Reise begegnet, vielgestaltige Antworten.

Ägypten zeigt sich als Lebensland dieser starken Frauen, die die eigene wie die andere Kultur aus einer besonderen Position betrachten und über Glauben, Mentalitäten und ägyptische Gegenwart reflektieren. "(...) der westliche ist nicht der einzige Blickwinkel, der zur Beurteilung taugt", erklärt die zum Islam konvertierte Andrea Narbi, und Marie Nur erzählt: "Ich habe hier in Ägypten so viel Schönes, aber auch so viel Hässliches erlebt, und das Schöne war unvorstellbar schön und das Hässliche abgrundtief hässlich." Die verschiedenen Welten, Orient und Okzident, beide mit Vorurteilen und Klischees behaftet, halten sich gegenseitig einen Spiegel vor und lassen Schicksale immer wieder an inner- und außerkulturelle Grenzen stoßen. Auch Valerie ist nicht frei von Vorstellungen, die tief im Gedächtnis verwurzelt sind und die, wie von selbst, an die Oberfläche treiben: Terrorangst ist als Auswirkung kultureller Zuschreibung, aber auch als mögliche Realität präsent.

So stellen sich die Gesellschaften und die ihnen anhaftenden Lebensentwürfe immer wieder als doppelbödig heraus: Die Kopftücher, die als neue Freiheit oder alter Zwang betrachtet werden können; die Ausgrenzung von Einwanderern sowohl in Westeuropa als auch in Ägypten; die eingeschränkte Rolle der Frauen im Orient und die Möglichkeit, sich als Frau zu behaupten; das Verlassen eines gesellschaftlichen Lebenskontextes zugunsten einer anderen Kultur sowie die mögliche Bereicherung dadurch werden in mehreren Episoden diskutiert. Was es abseits des Milieus, in dem sich die Hauptfigur bewegt, an Schicksalen von Auswanderinnen zu lauschen gäbe, abseits der Österreich-Clubs in Ägypten, kann Valerie nur erahnen: "Und die anderen, bei denen die Entscheidung sich gegen sie gekehrt hat? Für die die ägyptische Familie ein Inferno bedeutete? Die sind nicht im Club."

Aber nicht nur das Gegenwärtige hat die Hauptfigur im Sinn. Ihre Zwiegespräche mit den Mystikern des Landes, ihre Besuche in Museen und Moscheen präsentieren die alte Kultur – mit dem bitteren Beigeschmack des Massentourismus – als faszinierende Quelle des Wissens. Auch die belesene Valerie ertappt sich so manches Mal bei zwanghaft touristischem Handeln: fotografieren statt erleben. Das Besichtigen aus Verpflichtung, das unauffindbare Interesse am Gegenstand der Betrachtung, dies beschrieb schon der im Roman oft zitierte Gustave Flaubert in seinem "Reisetagebuch aus Ägypten": "Oh, über den Zwang! Tun, was man tun muss; immer den Umständen entsprechend sich benehmen (obschon der Widerwille des Augenblicks einen davon zurückhält) (...)".

Durch die Linse einer Reisenden, die sich zwischen den Kulturen bewegt, führt Barbara Frischmuth den Leser nicht wertend, aber immer kritisch durch das Land. In bestechend einfacher Sprache, mit der sie zu einem leidenschaftlich fortschreitenden Rhythmus findet, entsteht eine reiche Bilderlandschaft Ägyptens. Die Suche nach dem Anderen, untrennbar verknüpft mit der Suche nach dem Eigenen, verweist Valerie letztendlich auf sich selbst, bis der Blick wieder zurückwandert auf die so genannten kleinen Dinge: die Geräusche, die Kühle der Nächte, den Sand, die Farben und Stoffe Ägyptens.

Julia Zarbach
2. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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