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Annemarie Moser: Die Peripherie des Glücks.

Erzählungen.
Wiener Neustadt: Verein Alltag Verlag, 2009.
189 Seiten; broschiert; Euro 11,90.
ISBN 978-3-902282-22-4.

Dass sie sich in instabileren Zeiten ausdehnt, ist genauso wenig überraschend wie der Umstand, dass man hier vorwiegend auf Menschen trifft, deren Alltag von Defiziten geprägt wird, von körperlichem wie seelischem Leid, von Not und Demütigung. „Die Peripherie des Glücks“, von der hier die Rede ist, hat mit einer Kuschelgegend für Privilegierte nichts zu tun. Sie bleibt jenen vorbehalten, die vom Leben benachteiligt worden sind.
Auf genau solche Personen konzentriert sich die 1941 in Wiener Neustadt geborene Annemarie Moser in ihrem unter diesem Titel erschienenen Buch.
Die zwölf Erzählungen darin setzen sich mehrheitlich mit dem Schicksal von Frauen auseinander. Beneidenswertes wird nicht verhandelt. Denn zur Butterseite des Lebens haben die Protagonistinnen so gut wie keinen Kontakt. Sie kämpfen ums Überleben. Und mitunter verdankt es die eine oder andere sogar dem Zufall, dass sie überhaupt noch einmal davonkommt, wie Linda zum Beispiel, die in der mit „Linda Knolle“ betitelten Geschichte von einem Bus umgestoßen wird, weil sie aufgrund des so genannten „Quatschzwangterror[s]“ andauernd reden muss und extrem unachtsam ist.
Gleiches gilt auch für die „körperlich und geistig“ behinderte Rikki. Sie hat die meiste Zeit ihres Lebens in Heimen verbracht, weshalb ihr nichts wichtiger ist, als (so auch der Titel der Erzählung) „Die große Freiheit“ zu erlangen. Sie nimmt dafür sogar in Kauf, von ihrem Freund, der „ein Dieb und Einbrecher. Ein Gewaltmensch. Ein Messerstecher“ ist, umgebracht zu werden. Denn als Dank dafür, dass Rikki ihn auf seinen Sauftouren [...] begleitet, schlägt und würgt er sie, was zur Folge hat, dass sie mitunter „mit der Rettung ins Spital“ muss.
Zumindest nicht physisch attackiert wird Herta in der Erzählung „Körpersprache für niemand“. Jedoch führen, nachdem sich ihr Ehemann aus dem Staub gemacht und „eine Jüngere, Gesündere“ geheiratet hat, ihre psychischen Verletzungen dazu, dass sie in eine Anstalt kommt, weil ihr ständig „schwarz vor Augen und Verlassenheit“ wird. Dort hält sie allein die Losung „Aufgeben darf man sich nicht“ am Leben.
An Aufgeben denkt – trotz ihrer prekären gesundheitlichen Situation – auch die namenlose Ich-Erzählerin in „Wissen und Wissen und“ nicht, obwohl sie wegen einer falschen, auf einer „Überdosierung“ beruhenden Hormonbehandlung eine ganze Reihe von Beschwerden ertragen muss: Erstickungsanfälle mit Angst und Atemnot, Magenkrämpfe, Tinnitus, Herzrasen, Schwindelattacken, Koliken, Wallungen [und] Krampfanfälle. Das daraus erwachsende Martyrium bewirkt, dass sie sich vorkommt, „als müsste sie ständig in einer zu kleinen Schachtel leben“.
Dagegen ist Gerdas Übelkeit beim Anblick von Schlagobers in der mit „Herzsteinschlag“ betitelten Geschichte richtiggehend ein Klacks; und wenn schon „anstößig“, dann höchstens für jemanden, der einen besonderen Anlass, einen Feiertag, ein Familienfest unter gewisse Rahmenbedingungen stellen will.
Da schockiert die „Angst vor Hieben“ ausdrückende Nackenlinie der Mutter schon mehr oder das Schicksal von Jelli in „Muttertag“, die weder schreiben noch lesen noch Deutsch kann und die nach Jahren endlich von ihrem Mann aus der Türkei geholt wird, aber hier nur mehr seine Zweitfrau ist, weil er längst eine andere geheiratet und auch Kinder mit dieser hat. Jelli darf putzen, einkaufen und auf die Kinder schauen, lehnt sich dagegen aber nicht auf, weil sie weder kann, noch will. Denn ungeachtet dessen, was er ihr angetan hat, liebt sie ihren Mann. Außerdem sagt ihr „ihr Glaube“, dass er „alles darf, er darf sie auch schlagen“. So fügt sich Jelli gleichsam „wie ein geprügelter Hund“ brav in ihr Schicksal.
Das machen die meisten anderen in diesen Erzählungen auftretenden Frauen trotz fehlenden Glaubenshintergrundes genauso; und zwar aus Mangel an Hoffnung, Kraft, eigenem Willen – und weil sie einer „Sippschaft von Wehrlosen“ entstammen, deren Grunderfahrung es ist, schwächer zu sein, unterlegen, benachteiligt.
Dass man dann „mit zunehmendem Alter in den Bannkreis des Cholesterins“ gerät, scheint nur konsequent. Auf Schöneres muss man ohnehin verzichten. Bleibt einzig die Schadenfreude noch. Die darf man dafür als „prickelnde Wärme“ empfinden.
Nicht ganz so perfekt ins Muster der wehrlosen Frau passt Gitti in der Erzählung „Die Glückskatze“. Dass sie von der Serviererin zur Wirtsgattin aufsteigt, bedeutet zwar nur, dass sie von da an unbezahlte Arbeit verrichten und sich von ihrer Schwiegermutter schön drangsalieren lassen darf; aber dass sie diese Alltagshölle nicht auf ewig ertragen muss, wird ihr schließlich dann trotzdem klar. Und auch wenn sie schwanger ist, gelingt es ihr mit Unterstützung der dreifarbige[n] Katze, sich aufzuraffen und zu fliehen und dadurch quasi „die eigene Steinigung“ zu überleben.
Derart viel Kummer kennen Margot, Barbara und Gabi nur von außen; also dadurch, dass sie beobachten oder erzählt bekommen. Bei ihren unregelmäßigen Treffen in einer Konditorei präsentieren sie als so genannte Mitbringsel „lauter tragische Geschichten“. Daran, wie die drei Freundinnen diese Vorfälle aufzuarbeiten versuchen, wird recht deutlich, dass sie mit der gesellschaftlichen Entwicklung, mit den Zuständen, wie sie sie im kleinstädtischen Gefüge erleben, nicht einverstanden sind, fehlt es doch an Gerechtigkeit und Toleranz, an Mitgefühl und Ehrlichkeit, ja an Wahrheit. „Von der Wahrheit“ wird nur geredet, gearbeitet aber wird „mit der Lüge und mit der Gemeinheit“. Denn „wer die Macht hat, darf alles und ist unangreifbar“.

Annemarie Moser, die vor kurzem ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert hat, spricht ihre Kritik an den Verhältnissen offen aus. Sie beanstandet, dass sich die Menschen – was ihre Gefühle anbelangt – nicht weiterentwickeln. Sie berichtet, wie „Klein- und Kleinstunternehmen [...] zum Steuerhinterziehen Schmähs von kabarettreifer Primitivität“ verwenden und Erfolg haben damit. Nicht unerwähnt bleibt auch, „was alles sich Arbeitnehmer heute gefallen lassen, um nicht arbeitslos zu werden“. Die Autorin plädiert dafür, unser „Miteinanderumgehen“ von einer Realität zu lösen, in der „das Steineschmeißen ein beliebter Volkssport“ geworden ist und es ausschaut, als wären „das einzig richtige und wahre und echte Leben der Exzess und die Rücksichtslosigkeit“.
Den Schongang legt Moser weder sprachlich noch inhaltlich ein. So bekommt auch „der typische Österreicher“ zu hören, dass er sich ohne Gegenwehr „mit prekären Arbeitsverhältnissen“ abfindet, so viel „Knabbersachen [verzehrt] wie eine Kuh Gras frisst“ und dann auch noch „fremdenfeindlich bis zur Pogromstimmung, rücksichtslos aus Prinzip, unaufrichtig [und] verlogen“ ist.
Die Weise, wie Annemarie Moser Fehlentwicklungen seziert und Missstände aufzeigt, zeugt davon, dass hier eine große und scharfsichtige Beobachterin am Werk ist, die sich in ihrem „Suchen, Forschen, Fragen, Raten“ aber ganz bescheiden als „kleinmäulige[r] Wochentagsgeist“ sieht, als „Wochentagsgeist mit Mundgeruch“: eine Ehrlichkeit, die besticht und überzeugt. Und dieses Buch unentbehrlich macht.

Andreas Tiefenbacher
20. November 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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