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Olga Flor: Kollateralschaden.

Roman.
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2008.
Geb.; 207 S.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-552-05440-0.

Link zur Leseprobe

Olga Flors neuer Roman "Kollateralschaden" hat ein phantastisches Cover, eines nämlich, das sowohl werbetechnisch als auch ästhetisch gelungen ist und gleichzeitig dem Inhalt des Romans gerecht wird: Vor einem grellen orangen Hintergrund sind Menschen wie du und ich zu sehen, Normalbürger, Durchschnittsmenschen: ein altes Paar mit Einkaufstaschen, spielende Kinder, eine Frau mit Schäferhund, ein älterer Mann im Arbeitsmantel. Jeder von ihnen ist ganz für sich und würdigt weder den Nachbarn noch den Betrachter eines Blicks.

Um soziale Vereinzelung und mangelnde Kommunikationsfähigkeit geht es in Olga Flors drittem Roman, der – und das ist schon als Erfolg zu werten – für den im Oktober vergebenen Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Der Ort der Handlung ist eigentlich ein Unort, nämlich ein Supermarkt am Rand einer Stadt, die erzählte Zeit erstreckt sich von exakt 16:30 bis 17:30. Im Minutentakt wechselt die Erzählperspektive von einer der knapp zehn Figuren zu einer anderen.

Gemeinsam ist den Supermarktbesuchern und -angestellten ein Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins. Im hektischen Geschiebe und Gedränge ihrer Einkaufswagen manifestiert sich ihre Angst, auch im Beziehungs-, Familien- und Arbeitsleben abgeschoben, aufs Abstellgleis geschoben zu werden. Luise ist Sicherheitssprecherin einer rechtspopulistischen Partei, die ihren rasanten Aufstieg dem Parteivorsitzenden, dem sie untertan ist, zu verdanken hat. Doris ist eine ehrgeizige Angestellte, der es aber an Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft mangelt. Der Journalist Ernst wurde von seinem Vorgesetzten ausgebootet, Karriere wird er keine mehr machen. Horst, der pensionierte Stadtplaner, zittert um seine Frau, die eben operiert wird, hat Angst davor, dass sie ein Pflegefall werden könnte. Anton, der Obdachlose, wird im Supermarkt nicht bedient und kündigt Rache an. Anna hat ein Ekel zum Ehemann und ist froh, wenigstens beim Einkaufen Ruhe vor ihm zu haben.

Der Supermarkt wird von ihnen allen nicht nur als ein Ort der Bedürfnisbefriedigung, sondern auch als einer der Konkurrenz wahrgenommen. In einer Konsumgesellschaft müssen sich die Individuen als Konkurrenten begreifen, mit den anderen verbindet sie lediglich Neid und Misstrauen. Soziale Schieflagen erzeugen Druck, dieser wird ungebremst weitergegeben, bis es zwangsläufig zur Explosion kommen muss.
Olga Flor meinte in einem Interview, ihrem Buch liege eine "unterschwellig gegenwärtige Terrorangst zugrunde. Der Supermarkt drängt sich mit der Zeit als Bild auf: Die Angst, oder eher eine mit einer gewissen Lustangst verbundene Bereitschaft, Terror zu erwarten, wird schließlich zum Selbstläufer."
Opfer dieses "Selbstläufers" ist Mo, ein etwas orientierungsloser Jugendlicher, der, von seinem Freund Sid gefilmt, um 17:18 zu einem "Parkour" durch den Supermarkt ansetzt. Vorbild sind ihm dabei französische Vorstadtjugendliche, die in ihren urbanen Lebenswelten scheinbar unmögliche Hindernisse in einem möglichst schnellen und eleganten Lauf überwinden.
"Dann also das bisschen Anlauf und mit zwei Schritten über die Krapfen, keine Schaumrollen heute, nur Krapfen, dann hinauf, und die Muskeln arbeiten glatt, kraftvoll und sauber, brachten ihn hinauf, und Mo hörte: bring your friends, und alles nahm seinen Lauf, es lief prächtig, genau, wie das sein sollte, und er hörte: fun."

Haudrauf-Kritik ist Olga Flor fremd. Mit scharfem Skalpell seziert sie ihr Figurengeflecht, legt dessen Ängste und Traumata frei. Subtil und hintergründig übt sie Kritik an den bestehenden Verhältnissen in Medien und Politik.
Olga Flor hat einen sehr dichten, temporeichen Roman geschrieben, der von seinen vielen Perspektivenwechseln lebt. Es ist ihr Verdienst, dass es dem Leser dabei nicht schwer fällt, den Überblick zu behalten. Bis auf zwei, drei kleine weniger geglückte Formulierungen auf den ersten Seiten ist "Kollateralschaden" sprachlich auf höchstem Niveau. Und die Autorin macht gottlob nicht den Fehler, in einem Anfall von schriftstellerischem Überehrgeiz alle Schicksalsfäden zu einem furiosen Finale zusammenknoten zu wollen. Um 17:30 ist die Katastrophe passiert und ein wunderbarer Roman zu Ende.

 

Peter Landerl
23. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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