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Ilse Aichinger: Es muss gar nichts bleiben. Interviews

Interviews.Hrsg. u. Nachwort: Simone Fässler.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2011.
251 Seiten; geb.; beigelegte Audio-CD; Euro 23,-.

ISBN 978-3-902113-79-5.

Link zur Leseprobe

Am 1. November 2011 ist Ilse Aichinger neunzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat die Edition Korrespondenzen, die für beste drucktechnische und literarische Qualität bekannt ist, einen noblen Gesprächeband herausgegeben. Rund zweihundertzwanzig Seiten Interviews mit der Grande Dame der österreichischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Untertitel heißt es, die Gespräche stammten aus den Jahren zwischen 1952 und 2005, was freilich richtig, aber dennoch irreführend ist, zumal ein Text zwar aus dem Anfangsjahr stammt, die eigentliche „Interviewserie“ aber erst knapp zwanzig Jahre später beginnt, nämlich im Jahr 1971, aber dann gleich mit einem Großen der deutschsprachigen Literatur, Heinz F. Schafroth, der das Gespräch führt. Schafroth redet auch im nächsten Jahr mit Ilse Aichinger; dann folgt schon der nächste Gigant der österreichischen Kultur- und Literaturkritik, Hans Haider, dessen Gespräch anlässlich der Verleihung des Würdigungspreises für Literatur im Jahr 1975 aus der „Presse“ abgedruckt wird. Schon damals – oder gerade zu jener Zeit – ist Ilse Aichinger programmatisch: „Für mich ist eigentlich das Nicht-Schreiben ein großer Teil der Arbeit. Das Schreiben so, wie wenn man erntet. Es ist der letzte Abschnitt der Arbeit, aber das Nicht-Schreiben ist der schwerste, der entscheidenste.“ (S. 22)

Ilse Aichinger wird immer wieder befragt, sehr oft nach der Zuerkennung von Preisen, wie im Jahr 1982, als Christoph Janacs sie nach dem Erhalt des Petrarca-Preises interviewt und sie sich über das „Misstrauen zur etablierten Sprache“ (S. 33) äußert. Dann liest man, dass sie Schriftstellerin geworden sei, weil sie „die Sprache finden“ habe wollen. (S. 54.) Oder über Auschwitz. (S. 55.) Ilse Aichinger erzählt, über ihre Ärztinnen-Mutter, den Ehemann Günter Eich, der für sie kein „schwieriger Mensch“ gewesen sei (S. 74), und natürlich über die gemeinsamen Kinder, den verstorbenen Sohn Clemens und die in Berlin lebende Tochter Mirjam (S. 215f).
Die Autorin ist beneidenswert schlagfertig, beispielsweise im Interview mit Manfred Stuber, dem sie im Jahr 1993 auf die sonderbare Frage, was sie sich von den Neunzigern erwarte, kurz, bündig und wohl überzeugend antwortet: „Die größere Hoffnung.“ (S. 79) Ein Gustostückerl aus ihrem Esprit-Schatzkästchen ist der berühmt-berüchtigte Fragebogen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, den sie im selben Jahr geistreich ausfüllt. (S. 80-84.) Schon deshalb macht es sich „bezahlt“, das Buch zu lesen.
Ihre wenigen Stellungnahmen zum so genannten Jugoslawien-Krieg sind auch bedeutungsvoller als die fünf oder sechs Bücher eines etwas jüngeren Kollegen, der sich bis heute als (Traum-)Experte des zerfallenen Reichs sieht, obwohl Aichinger, ganz Grand Dame, diesem Herrn „ein gewisses Verständnis entgegen“ bringt. (S. 95) Wie auch immer, westliche Intellektuelle seien nach dem Jahr 1945 „kolossalen Irrtümern und Naivitäten … erlegen“ (S. 96), meint der Interviewer Adelbert Reif und hat ausgesprochen recht.
Ilse Aichinger ist erstaunlich vielseitig und äußert sich neben der österreichischen Innenpolitik naturgemäß zu Literatur, so zu Franz Kafka, „der alle überragt“ und „sehr gerne ins Kino gegangen“ ist (S. 105), wie die Dichterin selbst. Sie spricht aber auch über Koeppen, Musil oder Josef Winkler, über den sie meint: „Es ist eine unglaubliche, fast fanatische Genauigkeit in seinem Werk.“ (S. 118) Bachmann, Jelinek, Celan, die Gruppe 47 und immer wieder Joseph Conrad, ihr „Lieblingsschriftsteller“ werden
in den Gesprächen erwähnt.
Wörter verbrauchen sich so schnell“ (S. 145) meint die im Jahr 1995 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis Ausgezeichnete und redet mit Bettina Steiner in der „Presse“ über Glück, Unglück und Tod (S. 145-148). Ein besonderes Glück sei für sie, wie gesagt, das Kino: „Ich gehe ins Kino, der Vorhang öffnet sich, der Film beginnt, und ich bin für zwei Stunden nicht mehr da. Ich bin verschwunden. Ich bin im Film.“ (S. 156) Im Übrigen sei sie „das ganz normale Kinopublikum“ (S. 175), obwohl das Kino für sie der Ort der „Zuflucht und auch der Flucht vor mir selbst“ sei (S. 180). Der Band „Film und Verhängnis“ ist in der Zeit intensiver Beschäftigung mit dieser Kunst, im Jahr 2001, entstanden.
Im Buch finden sich noch viele andere interessante und manchmal nicht wirklich bekannte Fakten, zum Beispiel ihre Tätigkeit als Lektorin für den S. Fischer Verlag (S. 199-200) und die Behauptung, Günter Eich hätte immer sie für die bessere Schriftstellerin gehalten: „Das konnte man ihm nicht ausreden“, obwohl Ilse Aichinger dezidiert und nobel sagt: „Er war aber in vielen Beziehungen der Bessere“ (S. 214).

Insgesamt ein empfehlenswertes „biografisches Lexikon“ aus den letzten vierzig Jahren der Dichterin, in dem sie jede Frage unterminiert und zielsicher mit ihrer Antwort im Unerwarteten landet. Offensichtlich eine Parallele zwischen ihrem Schreiben und Reden. Ein feinnerviges und genaues Buch mit einer elegant-einfachen oder vielmehr einfach eleganten Sprache.
Die Gespräche dokumentieren Ilse Aichingers unaufhörliche Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Sprache und Existenz, aber auch mit der Geschichte ihrer Familie, die seit dem Jahr 1938 und bis zum Tod ihres Sohns Clemens mehr erleiden musste als man eigentlich ertragen kann. Viel mehr. Zu viel.
Vielleicht hat die Dichterin gerade deshalb ihren Mut zur Wahrheit. Ilse Aichinger scheut sich nicht, innenpolitische Entwicklungen - die Gespräche reichen bis in das Jahr 2005 - als verfehlt anzusehen, woran ersichtlich wird, dass es noch immer die Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind, die in der Gesellschaft Unerträgliches beim Namen nennen.
Das Buch kann mann und frau auch als Selbstkommentar zum Werdegang einer einzigartigen Schriftstellerin verstehen, die in einem Zug mit Friederike Mayröcker, Marie-Thérèse Kerschbaumer und Elfriede Jelinek zu nennen ist. Von Ilse Aichinger wird vieles bleiben.

Janko Ferk
3. Dezember 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 


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