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Andreas Renoldner: Endstation Wendeplatz.

Roman.
Klagenfurt-Wien: Kitab Verlag, 2010.
256 Seiten; broschiert; Euro 16,00.
ISBN 978-3-902585-37-0.

Was man allgemein unter einer abgesicherten Existenz versteht, baut auf relativ nachvollziehbaren Dingen: Man braucht „schöne Kleidung und ein Konto und eine Wohnung und ein Auto, weil alle anderen auch so etwas haben. Wer dieses Wesentliche nicht besitzt ist draußen“. So einfach geht das. Und manchmal sogar schnell, wie man an der Protagonistin in Andreas Renoldners Roman „Endstation Wendeplatz“ sieht. Und dann hängt man „in der Luft, ziellos und ohne die geringste Absicherung“; eine beängstigende Situation, mit der man erst einmal zurecht kommen muss.
So plötzlich vor dem Nichts zu stehen und sich (wie die Ich-Erzählerin, von der man kaum mehr weiß, als dass sie mittelgroß ist, „helles Haar“ hat und einen Grünstich in den grauen Augen) als „Amateurobdachlose“ durchschlagen zu müssen, das ist alles andere als einfach.

Mit welch großem Einfühlungsvermögen der mit dem oberösterreichischen Landeskulturpreis ausgezeichnete Autor das Schicksal dieser Frau schildert, deren Überlebenskampf im Grunde von einer Katastrophe in die nächste führt, beeindruckt schon sehr.
Von Anfang an läuft alles gegen sie: der Vater ist abgehauen, die Mutter früh verstorben und „Geschwister gibt es nicht“, genauso wenig wie richtige Freunde. So muss sie ganz alleine über die Runden kommen. Ganz ohne Netz. Außerdem ist dieses soziale Netz ohnehin „so grob geknüpft, dass jene, die Hilfe bräuchten, zwischen den Maschen durchrutschen und fallen“, erfährt man und ist bei diesem Prozess hautnah dabei, an dessen Ende ein „Rattenleben“ steht, in dem man von Lebenswünschen oder Plänen oder Hoffnungen weit entfernt und eigentlich immer auf der Flucht ist.

Damit muss scheinbar rechnen, wer im Leben nicht „auch nur das kleinste Ziel“ verfolgt, sich einfach treiben lässt und immer nur das nimmt, was sich anbietet.
„Irgendwie über den Tag zu kommen“ lautet die Losung, der auch die Protagonistin folgt. Und doch nimmt sie sich nicht als Sozialfall wahr, sondern sieht in ihrem inzwischen dreimonatigen Leben „als selbständige Stadtnomadin“ eine ehrenhafte Existenz. Sie scheint gar nichts anderes zu wollen. Denn sie legt es weder darauf an, einen festen Freund zu haben noch „stabile Verhältnisse um jeden Preis“.
Auf der Suche nach irgendjemandem in der Welt ist sie aber schon und sext vor lauter Sehnsucht nach Nähe auch gleich mit dem „erstbesten Idioten“ herum. Das wird ihr dann zwar klar, hindert sie jedoch nicht daran, sich mit dem Zweifelhaftesten jener Männer einzulassen, die ihr während der Zeit des Straßenlebens näher kommen. Sieht einer nämlich nur aus „wie ein süßer kleiner Junge“, ist es schon um sie geschehen.

Neben dieser Neigung ist es dann vor allem der Umstand, dass sie weder von staatlichen noch von privaten Einrichtungen Hilfe in Anspruch nimmt, welcher ihr Dilemma besiegelt. Die Angst, sich, je länger sie als Stadtnomadin lebt, umso weiter von einer Rückkehrmöglichkeit zu entfernen, motiviert sie nicht zu einer Kurskorrektur. Hartnäckig bleibt sie dabei, Hilfestationen wie Volksküche oder Volkstafel nicht aufzusuchen, weil man dort „die allergrässlichsten Menschen“ trifft, die „die halbe Zeit betrunken sind“ und stinken.
Nicht weniger hasst sie „dieses Anstellen und Angefahrenwerden [...], die Bittstellerei, dieses Kriechen neben Hunderten, vermutlich Tausenden anderen“ am Arbeitsamt, obwohl sie natürlich schon gerne arbeiten würde.
Statt gegen ihre tristen Lebensumstände anzukämpfen, passt sie sich lieber an. Denn es ist nicht nur vieles „gegen [sie] gelaufen“, sondern ihr auch irgendwann alles „zuviel geworden“.

Zuerst füttert sie monatelang einen Süchtigen durch, dann geht ihre Firma in Konkurs; die Auffanggesellschaft bietet ihr nur einen Job als Regalbetreuerin in einem Supermarkt an, für den sie „total überqualifiziert“ ist; sie kann die Miete nicht mehr zahlen, erhält eine Räumungsklage, flüchtet mit zwei Koffern aus der Wohnung, überzieht illegal ihr Konto, ist schließlich weder krankenversichert noch „irgendwo amtlich gemeldet“, muss dann auch noch auf ihren Kombi verzichten, der ihr als Ersatzwohnung gedient hat, und verliebt sich zu guter Letzt natürlich in den falschen Mann: den „versoffene[n] Illusionist[en] Karl“, der so plötzlich wie er auftaucht wieder verschwindet und dazu die Hälfte ihres Bargeldes raubt.
Beschweren kann sie sich darüber aber nicht einmal mehr bei der Polizei, weil die sie ja selber sucht.
Als in die Illegalität Abgerutschte ist der Zugang zur normalen Welt für sie außer Reichweite. Deswegen tut sie dann so, als wäre alles genau, wie sie es sich gewünscht hat; ja als hätte sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes im Sinn gehabt, als Patty Smith’ Liedzeile „Outside the society, that’s where I want to be“ in die Tat umzusetzen.

Am Ende bleibt ihr nur mehr der in unregelmäßigen Abständen auftauchende „Freund Leiderleider“, der zwar immer gute Ratschläge parat hat, aber mit seinen hohlen Wangen und den schwarzen Ringen um die Augen nicht bloß aussieht „wie ein bleiches Gespenst“, sondern sich auch wirklich als ein der Illusion entsprungenes Wesen entpuppt.
Illusion ist so etwas wie der rote Faden dieser Geschichte. Der Autor zeigt sehr schön, wie jemand, den die existenzielle Ausweglosigkeit dazu zwingt, einen falschen Namen anzunehmen, im Abtauchen in die Illusion eine Chance sieht, wenigstens kurzzeitig so etwas wie Leichtigkeit zu verspüren.
Dabei ist ein großartiger, nicht nur gesellschaftskritischer, sondern auch überaus spannender Roman herausgekommen, in dem trotz aller geschilderten Tristesse auch ein Funken Hoffnung lebt. Nach 256 Seiten Existenzkampf wird die Icherzählerin mit einem Lächeln belohnt. Es kommt vom Fernfahrer Antonios und man ahnt, dass da am Ende des Tunnels doch noch ein wenig Licht sein könnte.

Andreas Tiefenbacher
5. Dezember 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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