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Leseprobe: Manfred Chobot - Versuch den Blitz einzufangen.

Ich möchte nicht den neuesten Tonträger meines Cousins erwerben, vielmehr seine Wohnadresse erfahren. Als interimistisches Trostpflaster kaufe ich eine der nagelneuen Autogrammkarten meines Verwandten. Der Namenszug ist praktischer Weise gleich mitgedruckt. Ich verstaue die Karte in meiner Brieftasche. Dort ist es das einzige Foto von einem meiner Verwandten, denn weder das Abbild von Ügl-Ü noch jenes von Mariamaria schleppe ich auf farbigem Fotopapier mit mir durch die Landschaft. Von jenem, den ich nicht persönlich kenne, ein Foto zu besitzen, erscheint mir allemal gerechtfertigt.
Dass Freddy im Fernsehen als Zirkusdirektor aufgetreten ist, wird mir berichtet. Sollte die Tatsache, dass ich diese Sendung mit eigenen Augen gesehen habe, nicht ihren Anteil daran haben, dass mein Interesse an meinem Cousin in mir erwacht ist? Woher sollte der Präsidentin dieser Sachverhalt bekannt sein? Zu ihrem gemusterten Kostüm trägt sie ein Halstuch.
„Nachdem sich fast eine halbe Stunde um das Wirken des Künstlers Freddy Quinn gedreht hat, ich Sie über kommende und vergangene Aktivitäten informiert habe, wollen wir uns nun dem geselligen Teil unseres Zusammentreffens widmen“, schließt die Frau Präsidentin ihre Ausführungen.
Nach der Pflicht das Vergnügen, denke ich, und da der Kellner endlich den von mir mehrfach urgierten Wein gebracht hat, genehmige ich mir einen ausgiebigen Schluck, solchermaßen gewappnet für jegliches unkontrollierte Ausbrechen spontaner Geselligkeit. Um die Zeit bis dahin sinnvoll zu nützen, zünde ich mir eine Zigarette an.
„Sie müssen sich zu all den anderen setzen, nicht wie ein Aussätziger allein an einem Tisch hocken. Wir sind eine große Familie“, animiert und integriert mich Frau Vereinspräsidentin, „kommen Sie, setzen Sie sich zu uns an den Tisch.“ Gehorsam nehme ich mein Weinglas und meine sonstigen Habseligkeiten und trotte ihr nach.
Ich werde auf einen herbeigeschleppten Sessel platziert zwischen Knie und Waden und Unter- und Oberschenkel und Tischbeine. Um nicht ausgeschlossen zu erscheinen, muss ich die Masse über mich ergehen lassen. „Wir sind zirka fünfzig Aktive, die sich regelmäßig treffen. Insgesamt hat unser Club rund siebzig Mitglieder.“ Ich ergreife eine Unzahl entgegengestreckter Hände.

(S. 31/32.)

© 2011 Limbus Verlag, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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